Wolf hat Abschussfrist überlebt

RAUBTIER ⋅ In der Ostschweiz ist der Rüde M75 trotz Erlaubnis nicht getötet worden. Gemäss Jagdverwalter ist er verschwunden. Es sei nicht ganz auszuschliessen, dass der Wolf in Süddeutschland sei – unter dem Namen Odin.
11. Juli 2017, 05:16
Margrith Widmer

Margrith Widmer

ostschweiz@tagblatt.ch

Der Wolf M75 soll in seinem Streifgebiet in den vergangenen Monaten 55 Schafe gerissen haben. Wegen «der eindeutigen Schadenslage» und gestützt auf die eidgenössische Jagdverordnung hatten die vier Kantone Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen, Graubünden und Tessin für den Wolfsrüden befristete Abschussverfügungen erlassen. Appenzell Innerrhoden hatte sich nicht an dieser Aktion beteiligt.

In einer Online-Petition auf der Internetseite Change.org schrieb die Schafhalterin Elisabeth Barbara Sigron aus Schangnau im Kanton Bern: «Bloss: Die Risse in Graubünden und Tessin stammen von Ende Januar und Anfang Februar. In Zürich und wohl auch Thurgau war das Tier im Februar und März. Erst Mitte März gaben aber die Bündner und Tessiner Behörden die Abschussbewilligung. Also zu einem Zeitpunkt, in dem das Tier längst über alle Berge war.» Inzwischen ist Wolf M75 ziemlich sicher «über alle Berge». Darin sind sich der St. Galler Jagdverwalter Dominik Thiel und sein Ausserrhoder Kollege Heinz Nigg einig. In den vier Kantonen gab es keine Wolfsrisse mehr.

Dabei war M75 ziemlich keck vorgegangen: Vermutlich überwand er Zäune und in Trun im Bündner Oberland eine 113 Zentimeter hohe untere Stalltür – die obere Tür war offen. Prompt avancierte er zum «Problemwolf». Die Jagdverwalter nehmen an, es handle sich bei Wolf M75 um einen jungen Wolf auf Wanderschaft und auf Suche nach einer Wölfin. Viele Jungwölfe verlassen ihre Familie, wenn sie geschlechtsreif sind.

Inzwischen ist ein Wolf auch in Süddeutschland aktiv geworden. Es könnte sich um M75 handeln. In der Schweiz werden Wölfen ganz bewusst keine Namen gegeben, so Dominik Thiel und Heinz Nigg. Das würde Emotionen schüren. Die Wölfe werden absichtlich nummeriert und M für Rüden, W für Wölfinnen vorangestellt. In Deutschland werden die Wölfe «getauft». M75 ist dort «Odin». Es sei reine Spekulation, das dies derselbe Wolf sei, so Heinz Nigg, aber auch «nicht ganz ausgeschlossen».

Vorwürfe an Schafhalter

Auf Change.org startete Elisabeth Barbara Sigron die Petition «Wolf ‹Odin› M75 soll leben!». Sie halte selber Schafe und wisse, wie man sie schütze. Sigron betreibt in der Bergzone 3 auf 1140 Metern einen Bauernhof. Wolf Odin werde unterstellt, er habe innert 19 Tagen 40 Schafe gerissen. «Nachgewiesen wurden ihm allerdings nur gerade mal drei», schrieb Sigron. Odin werde als Sündenbock für die Unfähigkeit vieler Schafhalter verantwortlich gemacht, über deren Einzäunungen auch eine Katze springen könnte – «für einen Wolf also kein Hindernis». Und: «Von Untergrabungsschutz ist weit und breit nichts zu sehen.» Odin habe nicht nachweisbar den Mindestschaden angerichtet, der seinen Abschuss auf irgendeine Weise rechtfertige, so Sigron.

Der Wolf M75 sei so gut wie unbekannt. Man wisse praktisch nichts über ihn und seine Vorgeschichte. Gleichzeitig sei unklar, ob der Herdenschutz im Tessin gemäss Vorgaben des Bunds umgesetzt worden sei. Es gebe keine Transparenz und daher keine rechtliche Grundlage für den Abschuss. Sigron plädierte auf «in dubio pro reo» – im Zweifel für den Angeklagten. Deutsche Wolfs-Freundinnen übernahmen die Petition und verbreiteten sie in Deutschland.

In der Petition hiess es: «In der Schweiz leben gerade mal 25 bis 30 Wölfe. Dabei wäre in dieser grossartigen Natur Platz für weitere Tiere. Seit dem Jahr 2000 sind 17 Wolfsabschüsse bewilligt worden, neun davon wurden ausgeführt. Naturschutzorganisationen in der Schweiz gehen gegen diese Abschussgenehmigungen vor. Erst kürzlich bestätigte ein Gericht, dass die Abschussgenehmigung auf zwei Jungwölfe des Calandarudels unrechtmässig war. Dennoch werden immer neue Abschüsse genehmigt.»

WWF hatte Erlaubnis zum Abschuss befürwortet

Laut Wolfskonzept des Bundesamts für Umwelt gehört der Wolf zur Fauna. Seine Rückkehr erfolge natürlich. Er wandere von selber ein. Inzwischen haben 7664 Unterstützer die Petition unterzeichnet. Die Bittschrift ging an 14 Organisationen und Personen, darunter Bundesrätin Doris Leuthard, die Gruppe Wolf Schweiz und den WWF Schweiz. Der WWF liess die Beschwerdefrist von 30 Tagen gegen die Abschussbewilligung des Wolfs M75 ungenutzt verstreichen. Er war also ebenfalls für den Abschuss des Rüden gewesen.


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