Was Firmen gegen Belästigung tun

GEWALT ⋅ Die Gewerkschaft Unia fordert Reglemente gegen sexuelle Belästigung in Unternehmen. Während dies Wirtschaftsverbände ablehnen, haben Ostschweizer Firmen längst Regeln und Angebote geschaffen.
09. August 2017, 07:39
Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Sexuelle Belästigung ist ein Thema bei uns, weil wir darüber informieren – so lautet der Tenor von Personalchefs und Mediensprechern Ostschweizer Unternehmen. Über ihre ablehnende Haltung informieren die Betriebe jedoch unterschiedlich. Die Appenzeller Bahnen haben im Rahmen eines Kadertages Vorgesetzte für das Thema sensibilisiert, heisst es auf Anfrage. Bei der Helvetia besuchen Lehrlinge gleich zu Beginn der Ausbildung einen Workshop zu sexueller Belästigung. Im Unternehmensmagazin erschienen regelmässig Artikel zum Thema und neu eintretende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden auf das Reglement gegen sexuelle Belästigung hingewiesen, sagt ein Sprecher.

Bei Chocolat Bernrain in Kreuzlingen werde mit jedem Neueintretenden ein Merkblatt zu Belästigungen «explizit besprochen», sagt Personalleiter Roland Schuler. Werde ein Fall bekannt, spreche die Personalleitung mit der betroffenen Person sofort darüber. Gemeinsam werde das weitere Vorgehen mit allfälligen weiteren Gesprächen, Gegendarstellungen oder anderen Massnahmen erörtert. Bei Lidl Schweiz wird bei Arbeitsantritt ein Reglement unterzeichnet, das «Vorgehen und Sanktionen bei einem allfälligen Vorkommnis genauestens regelt».

Beratungsstellen für Mitarbeiter

Die befragten Unternehmen – von der Schweizerischen Südostbahn (SOB) über die Raiffeisenbank und die St. Galler Kantonalbank bis zur Empa und der Uni St. Gallen – geben an, eine interne oder externe Anlaufstelle für Betroffene zu haben, über die sie in Broschüren und Leitfäden informieren. Arbeitgeber sind per Gesetz verpflichtet, Mitarbeiter vor Diskriminierung am Arbeitsplatz zu schützen. Wie sie das machen, ist ihnen überlassen.

Die Gewerktschaft Unia fordert deshalb in jedem Unternehmen ein Reglement (Ausgabe vom 7. August), «das Mitarbeitende bei sexueller Belästigung sanktioniert und Betroffene darüber informiert, an welche Anlaufstelle sie gelangen können». Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St. Gallen, nennt dies «zwingend». Bei der Migros Ostschweiz heisst es, die Forderung der Unia sei «grundsätzlich sinnvoll und gerechtfertigt».

Es gibt auch Kritik. «Ob ein Reglement in jedem Fall angezeigt und geeignet ist, ist fraglich», sagt Angela Eicher vom Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung des Kantons St. Gallen. Ein Betrieb könne seiner Arbeitgeberpflicht auch nachkommen, indem er andere Massnahmen ergreife.

Appell an gesunden Menschenverstand

Auf Ablehnung stösst das Ansinnen beim kantonalen Gewerbeverband St. Gallen. Geschäftsführer Felix Keller sagt: «Ich bin überzeugt, dass es kein Reglement braucht.» Betroffene könnten auch ohne Reglement Hilfe suchen. Robert Stadler, stellvertretender Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen Appenzell (IHK), findet noch deutlichere Worte: «Der Problematik mit einem Reglement bei jedem Arbeitgeber zu begegnen, ist aus unserer Sicht gerade für kleine und mittlere Unternehmen der absolut falsche Weg.» Es gelte, Anstand und gesunden Menschenverstand walten zu lassen, statt alles zu reglementieren. «Angesichts der Unia-internen Erfahrungen haben wir Verständnis, dass gerade die Unia ein Reglement bezüglich sexueller Belästigung am Arbeitsplatz fordert» – eine Spitze gegen die Gewerkschaft, die den ehemaligen Leiter der Region Zürich-Schaffhausen, Roman Burger, im Herbst 2016 wegen sexueller Belästigung freigestellt hatte.

Auf Seiten der Unternehmen übt Andrea Ruf, Geschäftsführerin der Schweizerischen Bodensee-Schifffahrt (SBS), Kritik an einem Reglement. Es brauche kein spezifisches für Unternehmen, sondern eine generelle Aufklärungskampagne, die informiere, wohin sich Betroffene wenden können. Gibt es Prävention bei der SBS? «Da wir kein Problem mit sexuellen Belästigungen im Betrieb haben, bestehen auch keine Präventivmassnahmen.»


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