Ringen um den Schulsport

BILDUNGSPOLITIK ⋅ Mindestens drei Lektionen Sport pro Woche an der Volksschule: Dieses Obligatorium stellt der Bund derzeit in Frage. Die Sportlehrerverbände befürchten bereits Sparübungen. Zusicherungen der Bildungsdirektoren beruhigen sie nicht.
12. August 2017, 05:17
Adrian Vögele

Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

Für die Sportlehrer beginnt das neue Schuljahr mit einem Dämpfer. Das Bundesobligatorium für den Sportunterricht an der Volksschule steht auf der Kippe. Das Sportförderungsgesetz schreibt heute mindestens drei Lektionen pro Woche vor. Nur sechs Jahre nach ihrer Einführung soll diese Regelung wieder aufgehoben werden, wie die «NZZ am Sonntag» schreibt. Der Grund: Die Schulhoheit liegt bei den Kantonen, die Festsetzung von Lektionenzahlen ist ihre Aufgabe. Eine Analyse des eidgenössischen Finanzdepartements zur besseren Aufgabentrennung zwischen Bund und Kantonen schlägt darum vor, die Vorschrift zu streichen. Benedikt Würth, St. Galler Finanzdirektor und Präsident der Konferenz der Kantone, begrüsst die Pläne. Die Kantone hätten diese Regelung immer als «Fremdkörper» empfunden; sie sei völlig unnötig. Es gehe nicht, dass der Bund Regeln erlasse, deren finanzielle Folgen die Kantone tragen müssten. «Inhaltliche und finanzielle Verantwortung müssen zusammengehören.» In den eidgenössischen Räten war die Vorschrift hochumstritten gewesen. Am Ende war eine Einigungskonferenz notwendig – die Befürworter setzten sich durch.

Ruedi Schmid, Präsident des Schweizer Dachverbands der Sportlehrer, kämpfte damals an vorderster Front für das Bundesobligatorium. Entsprechend verärgert ist er über die Kehrtwende, die sich in Bern abzeichnet. «Das ist eine Katastrophe.» Wenn die Regelung entfalle, könnten die Kantone den Sportunterricht nach Gutdünken zusammenstreichen. «Wenn gespart wird, trifft es den Schulsport immer ziemlich schnell.» Das habe negative Folgen für die Gesundheit der Jugendlichen.

Ostschweizer Kantone wollen beim Schulsport nicht sparen

Die Kantone versuchen solche Bedenken zu zerstreuen. Die Angst sei «völlig unbegründet», so Würth gegenüber der «NZZ am Sonntag». Die Kantone seien in der Lage, den gesamten Volksschulbereich inklusive Sport weiterhin zu finanzieren. Das St. Galler Bildungsdepartement unterstützt Würths Argumentation. «Aus staatspolitischen Gründen» wäre ein Wegfall der Bundesvorschrift zu begrüssen, wie Generalsekretär Jürg Raschle schreibt. Den Status quo mit den drei Sportstunden pro Woche wolle man beibehalten.

Auch der Thurgau will daran nichts ändern. «Inhaltlich unterstütze ich drei Lektionen Sport pro Woche sehr. Auch bei einer kantonalen Zuständigkeit würde der Thurgau an dieser Regelung festhalten», sagt Erziehungsdirektorin Monika Knill. Die Lektionentafel sei alleinige Sache der Kantone und in der Erziehungsdirektorenkonferenz zu koordinieren. Sparmassnahmen beim Schulsport seien im Thurgau kein Thema. «Sport und Bewegung in der obligatorischen Schule werden mit dem neuen Lehrplan sogar eine höhere Bedeutung und Verpflichtung erhalten.»

Roland Inauen, Erziehungsdirektor des Kantons Appenzell Innerrhoden, unterstützt die Aufhebung des Bundesobligatoriums ebenfalls. Ein Abbau beim Sportunterricht sei im Moment kaum denkbar. «Sport und Gesundheit geniessen im Kanton Appenzell Innerrhoden einen hohen Stellenwert.» In Appenzell Ausserrhoden hätte die Aufhebung der Bundesvorschrift zwar «kurz- und mittelfristig keine Auswirkungen», wie Bildungsdirektor Alfred Stricker sagt. Dennoch teilt er die Haltung der Ostschweizer Amtskollegen nicht. «Aus unserer Sicht ist die Bundesregelung sinnvoll. Wir achten die sportliche Förderung als wichtigen Teil einer ganzheitlichen Förderung.» Daran gelte es festzuhalten, nach dem Motto «Gesunder Geist in gesundem Körper». «Eine Aufhebung der Bundesregelung könnte in einzelnen Kantonen aus Spargründen eine Reduktion der sportlichen Förderung zur Folge haben», so Stricker.

Bundesgericht hat interveniert

Die Zusicherungen einzelner Kantone beruhigen die Sportlehrerverbände keineswegs. «Wer sagt, ohne Bundesobligatorium bleibe es überall bei drei Sportlektionen, ist blauäugig», sagt Alessandro Bonaria, Präsident des St. Galler Verbands für Sport in der Schule. Irgendein Kanton werde zweifellos anfangen, an der Lektionenzahl zu schrauben, «etwa unter dem Vorwand, man habe zu wenig Sporthallen». Leider sei die aktuelle Nachricht aus Bern wenig überraschend: Der Schulsport gerate immer wieder unter Druck, «sei es auf nationaler oder kantonaler Ebene».

Ruedi Schmid vom nationalen Dachverband bekräftigt: «Wir haben in dieser Frage kein Vertrauen in die Kantone.» Das Minimum von drei Lektionen pro Woche werde selbst mit Bundesvorschrift nicht immer eingehalten. Schmid verweist auf einen Entscheid des Bundesgerichts: Es hat vor kurzem die Einführung einer dritten Sportlektion im Kanton Genf angeordnet. Der Kanton hatte bislang in manchen Schuljahren nur zwei Lektionen angeboten – wegen eines Mangels an Turnhallen.

Kinder aus sozial schwächeren Familien benachteiligt

Jürg Raschle vom St. Galler Bildungsdepartement räumt ein, dass die drei Sportlektionen nach der Aufhebung des Obligatoriums nicht mehr in Stein gemeisselt wären. Indirekt bestehe das Risiko, dass bei allfälligen Sparpaketen die Anzahl der Sportlektionen thematisiert würde. «Dazu wäre aber eine politische Diskussion zu führen, und das Bildungsde­partement würde sich dabei für den Sportunterricht im bisherigen Umfang wehren.» Das Departement teilt die ­Argumente, welche die Sportlehrerverbände zu Gunsten des Schulsports ins Feld führen. «Bewegungsmangel verursacht erwiesenermassen viele Erkrankungen und vorzeitige Todesfälle und enorme Gesundheitskosten», so Raschle. «Der Schulsport und die Bewegungskultur in unseren Schulhäusern leisten einen wesentlichen Beitrag gegen den Bewegungsmangel, wobei dieser Beitrag umso wirksamer ist, je zahlreicher die Sequenzen sind.» Drei Lektionen Sport seien insbesondere für Kinder aus bildungsfernen und sozial schwächeren Familien wichtig, da deren Zugang zu privaten Sportangeboten eingeschränkt sei.

Die Analyse mit dem Vorschlag zur Abschaffung des Schulsportobligatoriums wird nun den Kantonsregierungen zur Stellungnahme vorgelegt. Der Bundesrat wird im Herbst 2018 über weitere Schritte entscheiden.


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