Giganten in Gefahr

BAUMRIESEN ⋅ Früher waren Mammutbäume als Statussymbole in den Gärten der Reichen gross in Mode. Manche stehen heute noch und werden sorgsam gepflegt. Dennoch haben sie kein einfaches Leben. Ihr grösster Feind ist ein unheimlicher Pilz.
31. Juli 2017, 11:19
Adrian Vögele

Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

Dicke Stämme mussten es sein. Wenn man sich als Kind beim Versteckspielen im Wald hinter junges Gewächs flüchtete, wurde man allzu leicht entdeckt. Die grossen Bäume hingegen boten manchmal sogar Sichtschutz für zwei. Darüber würden die fünf Mammutbäume am Eingang des Friedhofs Trogen wahrscheinlich schmunzeln, wenn sie denn könnten. Der massigste hat einen Durchmesser von weit über drei Metern, hinter ihm könnte sich eine halbe Schulklasse verbergen. Dreissig, vierzig Meter ragen die Riesen in die Höhe, und sie wirken uralt. Wäre man ihnen damals beim Versteckspiel begegnet, man hätte sie für Überlebende aus der letzten Eiszeit gehalten. «Mammut», der Name sagt’s ja, oder nicht? (Ausserdem ist die Biegung der Äste doch ziemlich sicher einem Rüsseltier abgeschaut.)

Das täuscht. Die Mammutbäume, die in Pärken und Gärten der Ostschweiz stehen, sind quasi selber noch Kinder. Die ersten wurden vor gut 150 Jahren gepflanzt. In ihrer Heimat Kalifornien gibt es jedoch Exemplare, die mehrere tausend Jahre alt und über 80 Meter hoch sind. Der berühmte «General Sherman Tree» gilt als das Lebewesen mit dem grössten Volumen der Welt (1500 Kubikmeter), er wiegt gegen 2000 Tonnen.

Diese gigantischen Dimensionen imponierten den europäischen Land- und Villenbesitzern – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liess einer nach dem anderen das amerikanische Gewächs vor der eigenen Haustür setzen. «Der Mammutbaum ist eine typische Modepflanze», sagt der Rorschacher Landschaftsarchitekt Martin Klauser. «Es war damals ein wenig wie heute mit dem iPhone: Wer etwas auf sich hielt, hatte einen solchen Baum.»

Den Mammutbäumen haftet etwas Adeliges an, auch wenn sie bisweilen leicht zerzaust aussehen. Die Briten tauften sie «Wellingtonien», nach dem Herzog von Wellington. Eine geradezu royale Vergangenheit hat der vermutlich älteste Mammutbaum der Schweiz. Er ist ein Geschenk der englischen Königin Victoria aus dem Jahr 1858 – und steht im Park der Marienburg in Thal, zusammen mit einem Artgenossen. Etwas jünger sind die Bäume in Trogen. Ein Weinhändler und Gemeinderat liess sie pflanzen, teils bei welthistorischen Ereignissen wie dem Vertrag von Versailles 1871.

Feuerfest und wetterfühlig

Die erstaunlichste Eigenschaft der Mammutbäume ist ihre Vorliebe für Waldbrände. Das Feuer kann ihrer dicken Rinde kaum etwas anhaben, räumt aber die botanische Konkurrenz aus dem Weg. Nach den Bränden sind die Zapfen der Mammutbäume geöffnet, die Samen fallen auf die fruchtbare Asche und der Nachwuchs kann sich ungestört entwickeln. Unverwüstliche Kraftprotze, denkt man, und clever noch dazu!

Auf die Wellingtonien der Ostschweiz allerdings will dieses Image nicht so recht zutreffen. Hier haben sie wenig Hoffnung auf Feuer. Dafür drohen Blitzeinschläge, die ihnen massiv schaden können. Spezialisten haben inzwischen begonnen, manche der Baumriesen mit Blitzableitern auszurüsten. Überhaupt gibt es unter den Mammutbäumen in der Region immer wieder Sorgenkinder. So behagt ihnen das Klima manchmal nicht. Sie haben es gerne feuchtwarm. Um den stadtbekannten Mammutbaum an der Autobahneinfahrt Kreuzbleiche in St. Gallen – gepflanzt 1885 von einem Kaufmann – stand es vor fünf Jahren äusserst schlecht, weil der Herbst trocken und der Winter sehr kalt gewesen war. Seine Nadeln waren braun. Es half auch kaum, dass die städtischen Gärtner das riesige Wurzelwerk über ein Röhrensystem immer wieder mit Unmengen von Wasser versorgten. Schon überlegte man sich, den Mammutbaum zu fällen. Doch dann folgte ein verregneter Sommer, und der Patient erholte sich. Heute geht es dem Baum gut – auch wenn er beim späten Schneefall Ende April einen kapitalen Ast opfern musste.

Eine noch grössere Gefahr lauert aber im Untergrund. Im Park des Schlosses Wartegg in Rorschacherberg standen einst drei Mammutbäume. Im vergangenen Februar musste der letzte gefällt werden. Er war schon länger kahl. Ein Pilz namens Hallimasch hatte sich in den Wurzeln des Baums eingenistet. Das Unheimliche daran: Hallimasche breiten sich im Boden geflechtartig aus und können zu Organismen heranwachsen, die sich über riesige Flächen erstrecken und Hunderte von Tonnen wiegen. Der Hallimasch zählt darum zu den grössten Lebewesen der Erde – genau wie der Mammutbaum. Fast scheint es, als sei hier ein stiller Kampf um die Weltherrschaft im Gang. Obendrein kann der Hallimasch im Dunkeln giftgrün leuchten, dank eines Stoffs mit dem diabolischen Namen Luciferin. Zwar wenden auch Glühwürmchen diesen Trick an – aber das macht den Pilz auch nicht sympathischer.

Lokale Berühmtheiten und Streitobjekte

Apropos Sympathie: Daran mangelt es den Mammutbäumen nicht. Ihr Schicksal bewegt oft die ganze Gemeinde. Im Warteggpark fand eine öffentliche Abschiedsfeier für den todkranken Baum statt. In Zuzwil, wo ein Mammutbaum einem Busknotenpunkt weichen soll, hat sich Widerstand formiert: Einwohner reichten Ende Juni eine Petition mit 200 Unterschriften ein. Ein Herisauer Mammutbaum wurde zum Zankapfel, weil er einem Neubauprojekt der Migros im Weg steht – dieses Exemplar ist sogar auf Google Maps eingetragen.

«Das besondere Interesse an den Bäumen hat mit ihrer Seltenheit und markanten Erscheinung zu tun», sagt Landschaftsarchitekt Martin Klauser. Da Wellingtonien ihre Umgebung stark prägen, sind sie in der Regel auch in den Schutzplänen der Gemeinden aufgeführt und dürfen nicht ohne weiteres gefällt werden. Zugleich können die Giganten zu einem Risiko werden, wenn sie morsch sind und umzukippen drohen. Aus Sicherheitsgründen musste beispielsweise vor vier Jahren einer der Mammutbäume im Kreuzlinger Seeburgpark fallen. Wasser, Dünger, spezielles Bodensubstrat – nichts hatte geholfen. Der Baum verschwand aber nicht spurlos: Aus dem mächtigen Stamm wurden Sitzgelegenheiten für Spaziergänger geschnitten, ausserdem pflanzten die Gärtner als Ersatz wieder einen jungen Mammutbaum.

Ob es heute noch sinnvoll ist, in Gärten und Pärken Wellingtonien zu setzen, ist allerdings umstritten. Klauser empfiehlt eher Laubbäume, da sie im Winter mehr Licht durchlassen als Nadelbäume. Das heisst aber nicht, dass die Ostschweizer Mammutbaum-Kinder keine Zukunft hätten. Vielleicht wird gar einer so gross wie die Ungetüme in Kalifornien? «Wer weiss», sagt Klauser. «Auszuschliessen ist das nicht.»


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