Für jeden Notfall bereit

KATASTROPHEN ⋅ Was tun, wenn nichts mehr geht, wenn Unvorhersehbares zu einer «ausserordentlichen Lage» führt? Kantonale Führungsstäbe müssen darauf eine Antwort haben – und zwar ohne Verzug.
04. August 2017, 21:44
Richard Clavadetscher

Richard Clavadetscher

richard.clavadetscher@tagblatt.ch

Es ist ein Sommer der Super­lative – auch was die Unwetter ­betrifft. Deren Heftigkeit hatte bereits da und dort massive ­Schäden zur Folge. Wer nun Antworten sucht auf die Frage, wie die Behörden denn auf solche und andere Gefahren vorbereitet sind und beim Eintreten einer konkreten Gefährdung agieren, landet schnell bei den kantonalen Führungsstäben (KFS) und den Koordinationsstellen für Bevölkerungsschutz. Basierend auf dem Bundesgesetz über den Bevölkerungsschutz und den Zivilschutz und den kantonalen Entsprechungen, bereiten die Koordinationsstellen jahrein, jahraus mögliche Einsätze akribisch vor, während Führungsstäbe zum Einsatz kommen, wenn Ereignisse auch wirklich eintreten.

Verschiedene Ursachen

Es ist eine breite Palette von denkbaren Gefährdungen, auf die ein KFS schnell und effizient reagieren können muss. Marcel Fritsche, Stabschef KFS des Kantons St. Gallen, nennt drei Be­reiche: naturbedingte, technik­bedingte und gesellschaftsbedingte Gefährdungen. Unwetter, Hochwasser, Hitzewellen samt Trockenheit, Waldbrände und Erdbeben unter anderem sind naturbedingt, während etwa Flugzeugabstürze, Zugunfälle (Per­sonen- wie Güterverkehr), der Ausfall der Stromversorgung oder der Kommunikation technik­bedingt sind. Unter dem Stichwort gesellschaftsbedingt fasst Fachmann Fritsche Epidemien, Pandemien, Tierseuchen, Terroranschläge oder auch den grossen Andrang Schutzsuchender zusammen.

Es ist eine bescheidene Zahl von Personen, die sich etwa im Kanton St. Gallen 24 Stunden pro Tag und 365 Tage im Jahr bereithält, um im Bedarfsfall schnell reagieren zu können: Gerade mal sechs Personen leisten diesen Pikettdienst. Bei Bedarf kann aber sofort der ganze KFS oder es können Teile davon modulartig aufgeboten werden. Die Sicherheit der Bevölkerung zu gewähr­leisten – dies hat viel mit akurater Vorbereitung zu tun. Es existieren stets aktualisierte Notfallpläne für alle erdenklichen Vorkommnisse, und der Pikettdienst hat unmittelbaren Zugriff nicht nur auf Notfallorganisationen, sondern auch auf Fachspezialisten – auf Leute also, die vertraut sind mit der Abwehr von Gefahren, die eine ganz bestimmte «ausserordentliche Lage» (Fachjargon) generiert. Nicht nur dies, auch die geografische Vernetzung ist aufgegleist und oft beübt: hinunter bis in die Gemeinden, aber auch zu Nachbarkantonen und – im Fall des Kantons St. Gallen – natürlich ebenfalls zu den Nachbarländern Liechtenstein, Österreich und Deutschland. «Im Bedarfsfall haben wir zum Beispiel schnellen und unkomplizierten Kontakt zur Armee oder zum hervorragend ausgerüsteten deutschen Technischen Hilfswerk», sagt Fritsche.

Wer nun meint, das Ganze sei wieder einmal eine typisch schweizerische Vorsichtsmassnahme für Katastrophen, die kaum je eintreten – analog etwa zum Zivilschutzbunker in jedem Privathaus –, der sieht sich getäuscht: Nicht weniger als 53 Alarme hatte der Führungsstab des Kantons St. Gallen in den ­ersten sieben Monaten dieses Jahres. Darunter sind 36 wegen Sturms und Gewittern, zwei ­wegen Rutschungen und zwölf wegen Schnee und Eisglätte. Natürlich führt nicht jeder Alarm zu einem zu koordinierenden Grosseinsatz, aber er löst bestimmte Massnahmen im Hintergrund aus.

Tatsächliche Einsätze, die der KFS leitete, waren etwa beim Dauerregen im Juni vor einem Jahr, wegen des Felssturzes im Weisstannental und der Folgen der Unwetter in Altstätten und in Unterterzen, alles ebenfalls vor einem Jahr. Und auch dafür ist der KFS zuständig: Seit Herbst 2015 koordiniert er die Unterbringung von Flüchtlingen im Kanton.

Massnahmen im Hintergrund

Nicht selten nimmt die Bevölkerung gar nichts wahr von bereits eingeleiteten Massnahmen des KFS zur Abwendung einer Gefahr. Ein typisches Beispiel dafür ist die Entdeckung einer Fliegerbombe im Bodensee vor Staad. Diese stellte sich dann zwar als Attrappe heraus, aber unbemerkt von der Allgemeinheit arbeitete der St. Galler KFS bereits an der kurzfristigen Evakuierung von 27 000 Menschen am Schweizer Bodenseeufer. Sie wäre laut ­Fritsche nötig gewesen, wenn die Fliegerbombe echt gewesen wäre und hätte gesprengt werden müssen. Ein ähnliches Beispiel sind die im Hintergrund gelaufenen Vorbereitungen für eine Massenimpfung wegen der Vogelgrippe. Kaum jemand wusste, dass der KFS dank guter Vorbereitung ­sozusagen auf Knopfdruck die entsprechende Impfung von 500 000 Personen hätte aus­lösen und mit Partnerorganisationen durchführen können.

Es sind also längst nicht nur Unwetter, welche die kantonalen Führungsstäbe umtreiben, es sind vielmehr «ausserordentliche Lagen» jeglicher Art. Das Motto für seine Tätigkeit hat Stabschef Marcel Fritsche übrigens beim griechischen Feldherrn Perikles entlehnt: «Es kommt nicht darauf an, die Zukunft vorauszusagen, sondern auf die Zukunft vorbereitet zu sein.»


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