Die Rheinebene war kein wilder Sumpf

125 JAHRE RHEINREGULIERUNG ⋅ Im laufenden Jahr feiern die Schweiz und Österreich den Staatsvertrag von 1892, der die Rheinregulierung auslöste. Die Korrektion des Rheins, die mit «Rhesi» demnächst erneuert wird, begann aber schon viel früher - vor rund 250 Jahren.
02. August 2017, 17:58
Markus Kaiser

Markus Kaiser

 

Die Internationale Rheinregulierung erinnert derzeit mit einer Veranstaltungsreihe an das 125-Jahr-Jubiläum ihres Werks, das auf einem Staatsvertrag zwischen der Schweiz und Österreich beruht. Die 1892 beschlossene Rheinregulierung mit dem Bau zweier Durchstiche war freilich nur ein Schritt von vielen.

Der Stolz über die Erfolge verdeckte zuweilen das Wissen darum. So schrieb St. Gallens Rheinbauleiter Heinrich Bertschinger vom Kampf um «die Verwandlung einer versumpften, unwegsamen und unbewohnbaren Wildnis in eine Landschaft, (…) die einer gesunden Bevölkerung als sicherer Arbeits- und Lebensraum zur Verfügung gestellt werden kann…» Aber war die weite Talebene wirklich wüst und leer, bis sich Schöpfer ihrer annahmen und «Raum für ein gesundes Volk» schufen? Und wenn dem so war: Warum setzte man für den Wandel dieser «Wildnis» jahrzehntelang Unmengen von Arbeitskraft und Geld ein? Hätte man sie nicht besser «unwegsam und unbewohnbar» belassen? Die Rheinebene war indessen – trotz Meinung von Korrektoren und Politikern – keine Wildnis und auch nicht überall versumpft. Sie war eine seit Jahrhunderten besiedelte Kulturlandschaft.

Das Korrektionswerk war kein Schöpfungsakt, es entwickelte sich allmählich und diente den Rheindörfern und ihrer Einwohnerschaft. Zwischen dem von Auwäldern begleiteten Flussbett einerseits und den Talmooren andererseits bot fruchtbares Schwemmland Raum zur Besiedlung. Hier entstanden seit dem Frühmittelalter rund vierzig Rheindörfer, von Räfis bei Buchs und Mäls bei Balzers bis zum Bodensee. Da Platz genug vorhanden war, entwickelte sich eine lose Abfolge offener Hofräume, gebildet aus Bauten und Baumgärten. Diese Siedlungsform war im alpinen Raum einzigartig. Auch der zweite Siedlungsfaktor, das Vorkommen von Wasser, wog die Naturgefahren auf. Da in der Ebene das Grundwasser hoch steht, liessen sich bei fast jedem Haus Sodbrunnen bauen.

Flutkatastrophen als Folgen der Kleinen Eiszeit

Vom 16. bis zum 19. Jahrhundert brachte die sogenannte Kleine Eiszeit kühl-feuchtes Wetter. Oft glaubte man, die verstärkte Hochwassergefahr stamme von Abholzungen in den Bergen. Heute stellt die Klimaforschung fest, dass die Ursache dafür die hohen Niederschläge dieser Zeit waren. Drei Nässeperioden – in den 1760er-Jahren, von 1812 bis 1822 und von 1846 bis 1856 – wurden zu Auslösern der Rheinkorrektion.

Der erste Zeitabschnitt begann am 8. Juli 1762 mit der gewaltigsten Flutkatastrophe der letzten 400 Jahre. Sie traf beide Talseiten, wiederholte sich aber zum Glück bis heute nicht. Ihre Nachwirkungen blieben fast bis in die Gegenwart spürbar, denn die Geschiebemassen hatten das Flussbett und damit den Grundwasserspiegel dauerhaft erhöht. Als Folge stauten sich die Rheinzuflüsse zurück, und Kulturland vernässte chronisch. Dies wurde im 19. Jahrhundert zum Hauptproblem der Rheindörfer und ihrer Landwirtschaft. Das lässt sich an alten Häusern ablesen. Vor 1700 errichtete man sie wie überall auf niedrigen Grundmauern, die Keller im Untergeschoss. Nach 1700 zwang steigendes Grundwasser, die Bauten auf hohe Sockelgeschosse zu stellen, mit ebenerdigen Kellern. Damit hob man die Wohnräume aus dem Feuchtigkeitsbereich – ein Zeichen, dass die Verhältnisse erst in dieser Zeit prekär wurden.

Die Klimaforschung bestätigt diese Beobachtung: Zwischen 1641 und 1706 war das Wetter eher kühl-trocken, verschlechterte sich aber danach. Probleme ergaben sich auch aus der Rodung der Auwälder, um die fruchtbaren Auenböden als Kulturland zu nutzen. Je näher die Äcker an den Rhein rückten, desto gefährdeter waren sie. Da vor allem Ärmere die «Gemeindeteile» benötigten, waren sie von Vernässung und Hochwasser am stärksten geschädigt.

Die Überflutungen während der von Hungersnot gefolgten Klimaverschlechterung von 1762 bis 1770 überforderten die Kräfte der Rheindörfer. Daher entsandte die Tagsatzung, das Regierungsorgan der alten Schweiz, 1769 den Ingenieurhauptmann Hans Conrad Römer. Er erkannte, dass die Rheinprobleme nur in regionaler Zusammenarbeit lösbar waren. Seine hervorragenden Karten und Gutachten wurden zur Basis von einheitlichen Wuhrordnungen. Die «Eiszeitsommer» des Jahrzehnts ab 1812, mit Überflutungen 1817 und 1821, lösten die ersten Regulierungsprojekte und zwischenstaatlichen Regelungen aus. In Vorarlberg kartierte 1825 eine Gruppe unter dem Tiroler Baudirektionsadjunkt Joseph Duile, dem «Vater der Wildbachverbauung», die Rheinebene. Seine Grosse Rheinkarte zeigt als wichtigstes Kartendokument des Alpenrheintals den ursprünglichen Zustand der Flusslandschaft. Duiles Regulierungsplan leitete die moderne, von technischen Überlegungen bestimmte Korrektion ein.

Rheinkorrektion und Durchstichsprojekte

Zur Koordination schloss St. Gallen provisorische Wuhrbauverträge ab, 1827 mit Österreich, zehn Jahre später mit Liechtenstein und Graubünden. Die dabei vereinbarten Korrektionslinien legten den künftigen Flusslauf und damit die Landesgrenzen fest. 1847 folgte der Staatsvertrag mit dem Fürstentum. Alois Ne­grelli, kurzzeitig St. Galler Wasserbauinspektor, entwarf 1835 für Werdenberg und Liechtenstein einen Normalplan mit dem Doppelprofil, das heute den Fluss von der Ill bis zum Bodensee prägt. Österreich setzte Baumassnahmen rasch um, da der Staat für Grenzflüsse zuständig war. In St. Gallen und Liechtenstein geschah zunächst wenig. Der Kanton übernahm zwar die Bauleitung, überliess aber Ausführung und Kosten den Ortsgemeinden. Als Folge brach der Rhein hier öfter aus als in Vorarlberg.

Das nasse Jahrzehnt von 1846 bis 1856 brachte nicht weniger als zehn Schadenhochwasser. Es war vor allem die Katastrophe in Liechtenstein 1846, welche die Öffentlichkeit auch in der Schweiz aufrüttelte. Heftige Proteste der Rheingemeinden führten dazu, dass der Kanton St. Gallen 1853 endlich die finanzielle Beteiligung zusagte. Neun Jahre später folgte auch der Bund. Beides ermöglichte von 1862 bis 1883 die Rheinkorrektion auf der St. Galler Seite von Ragaz bis Au. Verkürzungen des Flusslaufs wurden seit dem späten 18. Jahrhundert diskutiert. 1838 empfahl der St. Galler Wasserbauinspektor Friedrich Wilhelm Hartmann einen Durchstich bei Fussach. Die Verhandlungen zogen sich jedoch jahrzehntelang dahin. Es bedurfte der Hochwasser von 1868 im St. Galler Rheintal, 1888 in Vorarlberg, ehe die Streitparteien einlenkten. 1892 beschlossen Österreich und die Schweiz den Bau der Durchstiche von Fussach (eröffnet 1900) und Diepoldsau (1923). Für St. Gallen, Vorarlberg und Liechtenstein ist die Rheinkorrektion das gewaltigste Bauwerk des 19. und 20. Jahrhunderts.

Die geplante Landschaft und der lebendige Fluss

Weitere Staatsverträge regelten den Fortbau. Beidseits des Rheins nahmen Binnenkanäle die Zuflüsse auf. Auf den Kanalnetzen basierten die Entwässerungen und Meliorationen, kulminierend im Zweiten Weltkrieg und den Jahrzehnten danach. Heute ist in den Talebenen jedes Detail an Gewässern, Landschaft und Siedlungen auf dem Reissbrett geplant. Dem ökonomischen Nutzen lückenloser Korrektion stehen ein radikaler Landschaftswandel und ökologische Verluste gegenüber. Der Sieg der Technik ist jedoch nur scheinbar perfekt – der lebendige Fluss verändert sich weiter. Das Projekt «Rhesi» nimmt sich der Problematik an. Es will die Abflusskapazität erhöhen, die Grundwassernutzung sichern, der Naherholung dienen und die ökologische Situation verbessern. Damit wird ein neues Kapitel der Rheingeschichte geschrieben.

 

Markus Kaiser, Archivar und Historiker, hat sich intensiv mit der Geschichte des Rheins beschäftigt. Literatur: M. Kaiser, Alpenrhein und Landschaftswandel, in: Sankt-Galler Geschichte 2003, Band 6.


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