Die Nacht im Geisterwald

SPUKGESCHICHTE ⋅ Kein Fuchs und kein Reh bellt, kaum ein Vogel pfeift. Das Feuer hält die Tiere fern. Der Geissbach rauscht friedlich ins Tal hinunter. Man wähnt sich alleine in diesem wilden Tobel im Werdenberg. Beim Einschlafen beginnt ein Rupfen und Zerren.
07. August 2017, 14:07
Roman Hertler

Roman Hertler

roman.hertler@tagblatt.ch

Es ist wild, das Geissbachtobel, in dem ich mir ein Nachtlager einrichte – zugänglich nur durch dorniges Unterholz. Der schmale Bach ist nur stellenweise überquerbar. Die Fichten wachsen hoch und die knorrigen Buchen in alle Richtungen, und dazwischen, wo es nicht zu steil ist, wuchern Himbeer, Pfefferminz und der urige Farn. Kleine und grosse Felsbrocken und Geäst von gekippten Bäumen liegen im Wasser, so dass es unablässig plätschert und gluckst. Das Klagelied des Geissbachs ist ständiger Begleiter beim Unterfangen, eine Nacht im verwunschenen Wald zu verbringen. Abgesehen vom Grillenzirpen werden alle anderen Geräusche, die man von einem nächtlichen Wald erwartet, vom Wasser verschluckt. Da kann sich anschleichen, was will, ich würde es erst im letzten Moment bemerken.

Kein Wunder, erzählten sich die Seveler einst von einem Geist, der hier im Geissbachtobel sein Unwesen trieb. Es gibt verschiedene Varianten der Sage vom «Geissbachzopfi». So heisst die arme Seele, die keinen Frieden findet. Geht jemand auf die Alpen im Alviergebiet und nimmt zufällig im Geissbachtobel Nachtquartier, so kommt der garstige Kerl und bläst dem Schläfer ins Gesicht, dass es bis am Morgen aufschwillt und der Kopf so gross wird wie ein Melkeimer. Ein Sevelenberger mit Übernamen Wäspi hatte vor vielen Jahren behauptet, er habe den sonst unsichtbaren «Geissbachzopfi» auf einem Schimmel vom Majenpfüfis über die Schreja hinunterreiten sehen. Am nächsten Morgen sei auch sein Kopf geschwollen gewesen. Der Sage nach handelt es sich beim «Geissbachzopfi» um den Geist des Haschiers – eine Art berittener Soldat – von Buchs-Altendorf, der nach seinem Tod derart in seinem Haus rumorte, dass zwei Kapuzinermönche den Geist in ihre Mitte nahmen und in das düstere Geissbachtobel verbannten.

Im Süden des Kantons blüht die Sagenwelt

Die Geschichte scheint lange vergessen. Sämi Schmitter, der in seinem Ferien­höcklein auf Alp Dörnen seinen Ruhestand geniesst, hat noch nie etwas vom «Geissbachzopfi» gehört. Dafür erzählt er bei einer Flasche Wein und ein paar frisch grillierten Pouletflügeli seine eigenen grausigen, ungleich weltlicheren Schauergeschichten aus seinem 42-jährigen Alltag als Polizist im Rheintal. Von menschlichen Fleischbrocken, die er auf den Geleisen zusammenlesen musste, oder Toten, die schon mehrere Wochen in ihren Betten lagen, bevor man sie fand. Damals habe ihm das nichts ausgemacht, doch heute hat er schon Mühe, wenn er eine tote Maus entfernen muss. Wir könnten noch lange über Luchse und Wölfe in der Gegend oder den Fürst, dessen Schloss von der Alp oben betrachtet eher trotzig statt erhaben wirkt, plaudern. Aber ich muss los, die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Mein Gefährt darf ich bei Sämi unterstellen. Er gibt mir noch ein paar feine Scheite zum Anfeuern mit. Morgen erwartet er mich zum Frühstück, «aber vor sieben musst du nicht kommen, gell».

Schon auf der Hinfahrt das Rheintal aufwärts hat sich zur bübischen Vorfreude, wieder einmal in der Wildnis zu übernachten, ein leicht mulmiges, irrationales Gefühl gesellt. Sagen haben doch – wie Clichés – immer einen wahren Kern. Was erwartet mich in dieser Nacht? Blauschattiert reihen sich die Ausläufer des Alpsteins und des Alviers hintereinander und verschmelzen am Horizont im Dunst. Es ist schwül. Je weiter ich fahre, desto weiter wachsen die Ribelfelder in die Dörfer hinein. Als ich in Buchs Richtung Altendorfer Mühle abzweige, versperren ein paar herumtobende Kinder in Badehosen und über und über mit Schlamm bespritzt die Fahrbahn – wie Kobolde aus dem Berginnern. Dann stieben sie jauchzend auseinander und geben den Weg doch noch frei.

Ist es die Naturverbundenheit, welche das Werdenberg – wie das Sarganserland – so empfänglich für Sagen macht? Sagen führten ungleich weiter zurück als die meisten (damaligen) historischen Museen, schreibt Jakob Kuoni 1903 in den «Sagen des Kantons St. Gallen», «denn sie wurzeln im tiefsten germanischen Heidentum». Die Worttreue des Protestantismus hat den Volksglauben, der von der Bibel abweicht, in seinen Gebieten eingedämmt. Nur das Wort Gottes zählte, alles andere ist Humbug, so die Prämisse. Sagen werden also vor allem in ländlichen, katholisch geprägten Gebieten tradiert. Die Sagenwelt in der reformierten Stadt St. Gallen wirkt demgegenüber kümmerlich: In seiner Sammlung listet Kuoni nur gerade 14 Stadtsanktgaller Sagen auf; im Toggenburg sind es hingegen 69; im Werdenberg 89; im Sarganserland 199. Allein in Sevelen, zu dessen Gebiet das Geissbachtobel zählt, gibt es diverse Geschichten über Hexen und Schrättligen, einen Riesen, einen Grabenhund und eine weisse Frau; und in Grabs und Buchs schlummern sogar Drachen und Lindwürmer. Die meisten unheimlichen Dinge geschehen in bewohnten Gebieten, in Dörfern und auf Alpen, manchmal aber auch in unwirtlichen, abgeschiedenen Gegenden wie dem Geissbachtobel.

Von der Alp Dörnen nehme ich den Wanderweg über die Alp Galggen. Der Name leitet sich nicht von «Galgen» ab, sondern von «Golggen», also einer Art Ausgussröhre, mit der vermutlich einst eine enge Stelle des Geissbachs versehen war. Im Wald führt ein Brücklein über den Geissbach. Im und neben dem Bachbett steige ich das Tobel hinauf bis zu einer etwas offeneren Stelle, die für ein Nachtlager geeignet scheint. Ich muss mich beeilen, wenn die Schlafstätte noch vor Einbruch der Dunkelheit aufgebaut sein soll. Ich sammle also Fallholz, das hier überall herumliegt und von den Bäumen hängt, die über den Bach gekippt sind. Steine aus dem Bach grenzen die Feuerstelle ein. Daneben steht ein Felsbrocken, an dessen bachseitiges Ende sich eine stämmige Tanne klammert. Daran befestige ich ein Ende der Hängematte und spanne sie zu einer anderen Fichte, die fest im steilen Hang steht. Nun muss ich Holz zerkleinern, Feuer machen und die teils feuchten und schlammigen Äste zum Trocknen darum herum aufschichten. Das Feuer flackert friedlich vor sich hin, den «Geissbachzopfi» habe ich zwischenzeitlich komplett vergessen. Ich merke gar nicht, dass es bereits dunkel geworden ist.

Was reisst mich da aus dem Schlaf?

Nun sitze ich da, den Cervelat habe ich bereits verdrückt, und schiebe die Holzbrocken, die ich zuvor zum Bräteln beiseitegeräumt habe, wieder über die Glut. Das Feuer flackert wieder auf, und ich lege zwei frische Scheite nach. Es geht kein Wind, die Bäume stehen still. Nur ein angenehm kühles Lüftchen trägt den Rauch das Geissbachtobel abwärts. Ich schalte mein Stirnlämplein auf Rot, weil es ein angenehmeres Licht spendet. Es lockt so auch weniger Falter an. Ich geniesse die schauerlich-schöne Idylle, die Einsamkeit im Wald, die Zeit, einfach den Gedanken nachzuhängen. Theoretisch ist das hier Luchsgebiet. Wie tönt ein Luchs eigentlich? Seine Beute äst zu dieser Jahreszeit in höheren Lagen. «Die Gämsen hier unten habe er schon im Frühjahr gefressen», erzählt Sämi. Abgesehen von den Mücken, Spinnen und Schnecken wähnt man sich hier alleine. Darüber bin ich zugegeben nicht unglücklich. Immer wieder schleicht sich das Unbehagen vor dem Unbekannten, das im dunklen Gehölz lauert, in meine Gedanken. Wobei so eine Fuchs- oder Dachsbegegnung eigentlich schon was wäre!

Der Holzvorrat neigt sich dem Ende zu, neues Suchen im glitschigen Bachbett bei Dunkelheit ist kein Vergnügen. Ich kraxle also zum Schlafplatz hinauf und wickle mich in meinen Kokon aus Hightech-Textilien. Wie die Beute einer Riesenspinne hänge ich nun da zwischen den Bäumen. Durch das Mückennetz sehe ich nach oben in die Wipfel, wo sich unsichtbar ein Milan oder ein Bussard hinhockt und mit seinem Ruf für einen Moment die Stille durchbricht. Langsam schlummere ich ein. Doch plötzlich schreckt mich eine Art Rupfen und Zerren auf. Ich bin hellwach. Hinter mir macht sich etwas an meinem Essenssack zu schaffen. Bis ich mich aber aus dem Schlafsack gewickelt und umgedreht habe, ist es wieder weg. Am nächsten Morgen finde ich den Sack ganz zerrissen. Das Brot ist weg, die Wurst und die Schokolade sind noch da. Was mich aus dem Schlaf gerissen hat, war vermutlich ein Hase – davon gibt es hier viele.

Am Morgen ist mein Kopf jedenfalls nicht angeschwollen. Und dann, beim Sonnenaufgang, dämmert es mir: Nicht der «Geissbachzopfi» ist in diesem Wald der Störenfried. Ich bin es.


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