Die Angst vor der Machtballung

HOCHSCHULPOLITIK ⋅ Die Pläne der St. Galler Regierung für die Fachhochschulen im Kanton stossen im Linthgebiet auf Kritik. Die Rede ist von zentralistischem Gehabe. Befürchtet wird eine Schwächung der Fachhochschule Rapperswil.
19. Juli 2017, 06:28
Regula Weik

Regula Weik

regula.weik

@tagblatt.ch

Immer wieder hatte das St. Galler Kantonsparlament nachgefragt, unermüdlich und hartnäckig gebohrt: Wann kommt die Auslegeordnung zur künftigen Struktur und Organisation der Fachhochschule Ostschweiz? Immer wieder war es von der Regierung vertröstet, abgeklemmt, zuweilen genervt zu mehr Geduld aufgefordert worden. «Ich verstehe Ihre Unruhe nicht», hatte Bildungschef Stefan Kölliker dem Parlament mehrfach zu verstehen gegeben. Nun liegt der Bericht der Regierung auf dem Tisch. Vor gut einem Monat hat sie ihn präsentiert. Wie haben Parlament und Parteien darauf reagiert? Sie schweigen. Erschlagen von den 140 Seiten Bericht und Gutachten? Gelähmt von der Brillanz der Arbeit der Regierung? Oder ist es schlicht die Ruhe vor dem Sturm?

Spätestens im September wird sich die Politik in Sachen Fachhochschulen zurückmelden; dann steht die Debatte im Kantonsparlament an. Bereits zeichnet sich ab: Es wird für Bildungschef Stefan Kölliker kein lockerer Spaziergang werden. Es brodelt da und dort.

«Die Beiräte haben keine Kompetenzen»

Ein «Unruheherd» ist das Linthgebiet. Die Region ennet dem Ricken tut sich nicht erst seit gestern schwer mit zentralistischen Allüren der Kapitale St. Gallen. Genau das monieren kritische Stimmen nun auch beim favorisierten Modell der Regierung; noch ein Hochschulrat, nur noch ein Rektor und drei Standortleitungen – so stellt sie sich die künftige Fachhochschule Ostschweiz vor. «Der Vorschlag der Regierung huldigt einer Philosophie der zentralen Steuerung aus der Hauptstadt», sagt die Rapperswiler CVP-Kantonsrätin Yvonne Suter. Das Parlament habe mehrfach und unmissverständlich «so viel zentrale Steuerung wie notwendig, so viel Autonomie wie möglich» gefordert. Dieser Forderung werde überhaupt nicht Rechnung getragen. Auf den Hinweis, die Regierung habe doch «Beiräte» für die einzelnen Schulen angedacht, entgegnet Suter: «Sie haben keine Kompetenzen. Das ist nicht mehr als eine Alibiübung.»

Die Frage, wie es künftig um die Autonomie der einzelnen Schulen steht, beschäftigt auch Silvia Kündig, Kantonsrätin der Grünen aus Rapperswil. Aus Sicht des Linthgebiets sei die «Zentralisierung» keine Verbesserung. «Grosse, zentralistische Gebilde sind bekanntlich schwerfällig. Eine technische Fachhochschule wie jene in Rapperswil muss sich aber rasch neuen Anforderungen, insbesondere den Erfordernissen der Umwelt, anpassen und flexibel auf sich wandelnde Bedürfnisse reagieren können.» Silvia Kündig befürchtet denn auch, der Gestaltungsfreiraum der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR) würde eingeschränkt, Entscheidungskompetenzen müssten an ein zentrales Rektorat abgegeben werden. Zentralbehörden, so die Grünen-Kantonsrätin weiter, erforderten zudem «erhebliche Mittel für Löhne und Infrastruktur, die entweder bei den Teilschulen eingespart oder zusätzlich bereitgestellt werden müssten».

Kontakte zur regionalen Wirtschaft gefährdet

Nun ist es nicht so, dass sich das Linthgebiet per se gegen eine gemeinsame Struktur der drei Fachhochschulen Buchs, Rapperswil und St. Gallen stellt. Dies sei mit Blick auf die notwendige Akkreditierung durchaus nachvollziehbar und auch sinnvoll. Die Angebote der verschiedenen Schulen könnten besser koordiniert, Doppelspurigkeiten ausgemerzt werden. So weit, so gut. Auch für Peter Göldi, Geschäftsführer des Zentrums für Regionalmanagement Obersee-Linth und CVP-Kantonsrat aus Gommiswald. Doch dann folgt sein Vorbehalt. «Die Regierung schüttet das Kind mit dem Bade aus, wenn sie die Neustrukturierung zum Anlass nimmt, alle drei Fachhochschulen unter die Fernsteuerung von St. Gallen zu zwingen.» Das müsse verhindert werden; der Vorschlag der Regierung schwäche die einzelnen Schulen «erheblich». So würden die guten Kontakt der HSR zur Industrie in der Region «abgewürgt».

Diese Sorge hat auch Yvonne Suter. Der Erfolg der Fachhochschulen hänge wesentlich davon ab, wie eng sie sich mit der regionalen Wirtschaft verflechten könnten. «Die HSR generiert die Hälfte der Drittmittel aus der Privatwirtschaft. Dies ist im Vergleich mit anderen Fachhochschulen ein Topwert.» Allein zwischen 2003 und 2011 habe die Schule ihren Umsatz in Forschung und Entwicklung auf 24 Millionen Franken verdoppeln können, und 2015 habe er bereits 30 Millionen betragen, so die Kantonsrätin.

In den Kernthemen die Führung behalten

Die St. Galler Regierung überprüft die heutigen Strukturen der Fachhochschulen nicht aus purer Lust an Veränderungen. Das eidgenössische Hochschulförderungs- und Koordinationsgesetz verlangt zwingend eine Anpassung. Die Schulen erfüllen die Voraussetzungen für eine Akkreditierung nicht mehr. Sie sind nur noch für eine Übergangsphase bis Ende 2022 anerkannt. Rapperswil und St. Gallen könnten sich je als eigenständige Schule akkreditieren lassen. Nicht so Buchs, die kleinste der drei Fachhochschulen im Kanton. Favorisiert das Linthgebiet eine Einzelakkreditierung seiner Fachhochschule? Rapperswils Stadtpräsident Martin Stöckling verneint. Die Region Linthgebiet unterstütze das Zusammenführen aller drei St. Galler Schulen zu «einer grösseren und somit auch stärkeren Marke», erklärt er auf Anfrage, fügt aber gleich an: «Unter bestimmten Voraussetzungen.» Und die wären? «Den einzelnen Schulen muss eine weitreichende Teilautonomie zugestanden werden. Nur so können ihre Stärken genutzt und weiterentwickelt werden.» Stöckling ist denn auch überzeugt: «Eine zu weit reichende Zentralisierung schwächt die Fachhochschule Ostschweiz als Ganzes.»

Eine zweite Auflage des Stadtpräsidenten: Die einzelnen Schulen müssen in ihren Schwerpunktthemen «im Lead bleiben». Die HSR also in den Mint-Fächern, vor allem Informatik, Elektrotechnik, Maschinenbau, Energie- und Umwelttechnik, sowie im Bereich Bau- und Planungswesen mit Bauingenieurwesen, Raumplanung und Landschaftsarchitektur. «Die Führung innerhalb der neuen Fachhochschule Ostschweiz muss in diesen Bereichen an der HSR bleiben», sagt Stöckling.» Wunschdenken oder realistisches Anliegen? Wie weit die Teilautonomie der einzelnen Schulen schliesslich reiche, werde in der Parlamentsdebatte entschieden, sagt Stöck­ling.

Silvia Kündig bleibt skeptisch. Und dann wird sie noch einen Ärger los – darüber, dass der Vorsteher des Bildungsdepartements Einsitz in die obersten strategischen Leitungsorgane der Fachhochschulen nehmen soll – zusätzlich zum Präsidium der Räte der Pädagogischen Hochschule und der Universität St. Gallen. «Das ist eine Machtballung, die ich ablehne.»


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