Die Angst vor dem Keller

KINDERHEIM ⋅ Weshalb geben Eltern ihre Kinder in ein Heim? Die St. Gallerin Moni Mueller geht dieser Frage in ihrer Maturaarbeit nach. Das Leben im Heim ist ihr nicht fremd.
26. Juli 2017, 06:59
Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Es ist die erste Wohnung, deren Keller Moni Mueller allein betreten kann. Nicht lang, aber lang genug, um rasch zu ­holen, was sie braucht. Dann geht sie zurück nach oben, in ihre Wohnung im ­Osten der Stadt St. Gallen. Dort sitzt Mueller am Tisch des Wohn- und Arbeitszimmers. Warum sie inzwischen in den Keller kann, zumindest kurz, wisse sie nicht, sagt Mueller. Aber sie weiss, warum sie sich vor Kellern fürchtet.

Muellers Mutter hatte wenig Geld. Als ihr Ehemann im Frühjahr 1966 zum Militärdienst musste, vermietete das Paar ein Zimmer in der Zürcher Wohnung unter. «Meine Mutter muss sich in den Untermieter verliebt haben. Jedenfalls wurde sie schwanger.» Als der Ehemann vom Militärdienst zurückkam, trennte er sich von der Mutter. Diese stand alleine da – ohne Geld, und ab Dezember 1966 mit zwei Töchtern: einer Vierjährigen und der frischgeborenen Moni Mueller. Eine dritte, mittlere Tochter war dem Ehemann zugesprochen worden. «Meine Mutter hatte wohl keine andere Wahl, als uns abzugeben.»

Moni Mueller war drei Monate alt, als sie in das private Kinderheim Brunnental in Hausen am Albis kam. Gemäss Erzählungen der Mutter sei sie dort drei Monate geblieben. Gemäss den Akten im Staatsarchiv Zürich seien es vier Jahre und drei Monate gewesen. «Es war schwierig, mit meiner Mutter über diese Zeit zu sprechen. Ich habe gespürt, dass sie die Erinnerung daran schmerzte, deshalb habe ich irgendwann nicht mehr nachgefragt.»

Wie benommen zurück nach St. Gallen gefahren

Doch Mueller wollte mehr wissen. Vor gut zehn Jahren fuhr sie nach Hausen. Das «Brunnental» hatte sich kaum verändert: die Fensterläden, die Veranda, alles noch da. Nur: Seit Ende der 1970er-Jahre war das Haus kein Kinderheim mehr. Es gehört einer Genossenschaft, eine Wohngemeinschaft lebt dort. Einer der Mieter liess Mueller hinein. «Ich habe auf eine Tür im Eingangsbereich gezeigt und gesagt: ‹Die führt zum Keller hinab.›» Der Mann habe sie verwundert angeschaut und «Ja» gesagt. «Der Lichtschalter war noch dort, wo er früher gewesen war, draussen, vor der Kellertür, auf einer Höhe, die Kinder nicht erreichen können. Auf einmal wusste ich: Ich war in diesem Keller.» Sie habe unter Schock gestanden, den Rest des Hauses nicht mehr bewusst wahrgenommen. Wie benommen sei sie zurück nach St. Gallen gefahren. Sie sprach mit ihrer Schwester. Diese konnte sich ebenfalls an den Keller erinnern. «Sie meinte, es sei eine Strafmassnahme gewesen. Wenn wir etwas falsch gemacht hatten, kamen wir in den Keller. Dann wurde die Tür zu- und das Licht ausgemacht.» Und irgendwann, «ich weiss nicht, nach wie langer Zeit, ging die Tür wieder auf».

Hat es weitere Strafen gegeben? Weiss Mueller von Gewalt gegen Kinder im «Brunnental»? «Nein», sagt sie. Sie habe keine Erinnerungen an die Zeit im Heim. Auch ihre Schwester erinnere sich nicht an solche Vorkommnisse. «Ich weiss nicht, was damals genau war, aber ich denke, das liegt daran, dass Kinder erfolgreich darin sein können, Schlimmes zu verdrängen.» Das Amt für Jugend und Berufsberatung des Kantons Zürich teilt mit, es habe keine Informationen über das Kinderheim Brunnental. Die Arbeitsgruppe «Dokumentation Hausen» hat aufgearbeitet, dass eine Fa­milie Nebel 1928 in der ehemaligen Schnapsbrennerei das Kinderheim gründete. Frau Nebel, eine Erzieherin, und eine Lehrerin betreuten teils 20 Heimkinder. Ab 1956 bis Ende der 1970er-Jahre führte eine Familie Till das Heim. «Mit der Zentralheizung und einem Bad – und Fusswaschanlage – im Parterre zog ­neuer Elan ins Kinderheim», heisst es in einem Text der Genossenschaft Brunnental über die Geschichte des Hauses. Frau Till und ein paar Praktikantinnen aus dem Sozialjahr hätten bis zu zwölf Kinder betreut. «Es waren Babys oder Kinder im Vorschulalter: Waisen, Kinder aus Fremdarbeiterfamilien, Kinder oft von weit her.»

In St. Gallen holt Moni Mueller ein Fotoalbum hervor mit Bildlegenden und Zeichnungen, liebevoll gestaltet von ihrer Mutter. Die Töchter verkleidet als Indianerinnen zur Fasnacht, Weihnachten zu Hause in Abtwil, wo die Mutter ­inzwischen lebte. Auf den Bildern: ein Mädchen mit krausem Haar, Pausbacken, strahlend. «Auf den Fotos sehe ich glücklich aus. Es hiess immer, ich sei ein fröhliches Kind gewesen», sagt Mueller. Nicht alle, aber manche Feiertage verbrachten sie und ihre Schwester daheim.

Der neue Mann der Mutter war ihr Held

Während die Töchter im Heim waren, fand die Mutter einen neuen Mann. «Er war mein Held», sagt Mueller. Er sei es gewesen, der sie und die Schwester vom Heim abgeholt habe. «Für mich war das mein Vater.» Erst als er starb, Mueller war 15, erfuhr sie, dass ihr Held nicht ihr leiblicher Vater war. Als sie diesen später suchte, stand sie vor seinem Grab. Die Mutter starb im vergangenen Herbst. Mueller sagt, sie und ihre Schwester hätten bis zuletzt einen guten Kontakt zu ihr gehabt. «Manche können das vielleicht nicht verstehen, aber ich habe meine Mutter geliebt.» Alleinerziehende hätten damals keine andere Wahl gehabt. Keine Mutter und kein Vater gebe sein Kind aus freien Stücken her. Mueller hat heute selbst einen 32-jährigen Sohn und einen knapp dreijährigen Enkel.

Auch Brigitte Wüst, Bereichsleiterin Adoptiv- und Pflegefamilien im Kanton St. Gallen, sagt, kaum ein Elternteil gebe sein Kind freiwillig ab. Gründe dafür ­seien, «wenn die Eltern psychisch oder körperlich krank sind, wenn sie mit dem Kind überfordert sind oder wenn die Bedürfnisse des Kindes in einem Heim besser erfüllt werden können als zu Hause».

Jetzt, als Grossmutter, holt Mueller ihre Matura nach. Sie ist gelernte Arztgehilfin und Mediatorin und als Sozialberaterin sowie beim Staatssekretariat für Migration (SEM) tätig. Ohne Matura seien ihre Möglichkeiten allerdings begrenzt. In ihrer Maturaarbeit will Mueller herausfinden, warum Eltern Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre ihre Kinder ins Heim gegeben haben, respektive geben mussten. «Sicher interessiert mich das Thema persönlich, aber es geht mir um die historische Aufarbeitung und darum, den Eltern eine Stimme zu geben.» Die Betroffenen sind alt, viele über 80. «Ich weiss von meiner Mutter, wie schwierig es ist, über diese Erfahrungen zu sprechen.» Das Thema sei mit Scham behaftet. Berichte wie jene aus dem Kinderheim Steig machten das schlechte Gewissen noch grösser. Muellers Wunsch ist es, beide Seiten zum Sprechen zu bringen: Kinder und Eltern. Nächstes Jahr, wenn ihre Prüfungen vorbei sind, möchte sie weiter ihrer eigenen Geschichte nachgehen. Es gebe viele offene Fragen.

Interviewpartner gesucht

Für ihre Maturaarbeit sucht Moni Mueller Mütter und Väter, die ihre Kinder Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre in ein Kinderheim gegeben haben, oder bei denen die Kindeswegnahme durch die Behörden erfolgte. Mueller möchte mit den Eltern über ihre Beweggründe und Erfahrungen sprechen. Die Interviewpartner bleiben auf Wunsch anonym. Interessierte können ein E-Mail schreiben an mueller_maturaarbeit@bluewin.ch oder einen Brief an: St. Galler Tagblatt, Ressort Ostschweiz, «Heimkinder», Fürstenlandstrasse 122, 9001 St. Gallen. Die Redaktion leitet die Briefe weiter. (red)


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