Der Zwang zur Berufserfahrung

EINSTIEGSHÜRDE ⋅ Bund, Kantone und Sozialpartner wollen die Praktika vor Lehrbeginn abschaffen. Praktische Erfahrung müssen auch viele Studenten sammeln, um an Fachhochschulen zugelassen zu werden.
08. August 2017, 07:22
Sina Bühler

Sina Bühler

ostschweiz@tagblatt.ch

«Gesucht: Praktikantin/Praktikant Vollzeit. Anstellungsdauer: 1 Jahr. Arbeitsbedingungen: attraktiv.» Die heutige Jugend wird auch «Generation Praktikum» genannt. Feste Stellen nach Abschluss der Ausbildung sind rar, schon von Berufseinsteigern wird Erfahrung verlangt. Diese holen sie sich über befristete und schlecht bezahlte Praktika. Es gibt sogar Branchen in welchen Interessenten noch vor der Lehre ein Praktikum machen müssen. Laut Savoir Social, der Dachorganisation im Sozialwesen, betrifft dies etwa eine grosse Mehrheit jener, die ein Fähigkeitszeugnis als Fachfrau oder Fachmann Betreuung anstreben.

Laut Ruedi Giezendanner, Leiter des St. Galler Amtes für Berufsbildung, müssen Praktika im Unterschied zu Lehrverträgen nicht amtlich genehmigt werden. «Uns fehlt deshalb die gesetzliche Grundlage, um intervenieren zu können.» Für Giezendanner sind Praktika eigentlich unnötig und vor allem keine Berufsausbildung: «Die berufliche Grundbildung schliesst direkt an die obligatorische Schule an», sagt er. Ein Praxisnachweis in der Branche gehöre deshalb nicht zu den Anforderungen an die Lehrstellensuchenden. Das sieht auch Darius Eigenmann von der Gewerkschaft Unia so: «Praktika vor der Lehre stehen in direktem Gegensatz zu unserem dualen Bildungssystem.» Die meisten Praktikumsstellen würden ohne jeglichen Ausbildungscharakter und mit sehr niedrigen Löhnen durchgeführt. «Für die Betriebe sind Praktikantinnen und Praktikanten nur billige Arbeitskräfte, welche oft nicht mal einen Ausbildungsplatz zugesichert bekommen», sagt Eigenmann.

Das Risiko, dass Jugendliche über Praktika als billige Arbeitskräfte ausgenützt werden, haben auch Bund, Kantone und verschiedene Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen im Sozialwesen erkannt. Sie haben kürzlich eine gemeinsame Erklärung publiziert, die sich gegen solche Praktika vor Lehrbeginn richtet. Für Jugendliche unter 18 Jahren sollen sie gänzlich eingestellt werden, für Erwachsene seien sie zu reduzieren. Ausserdem sollen gewisse Rahmenbedingungen gelten: Ein Arbeitsvertrag mit einem klaren Aus­bildungsziel, eine Höchstdauer von einem Jahr, die schriftliche Zusicherung einer Lehrstelle, ein fairer Lohn und ein Arbeitszeugnis.

An der FHS gelten Praktika für die Berufszulassung

Der Praxisbezug der Fachhochschulen hat die Zunahme von Praktika stark gefördert. Es ist allerdings eine Anstellungsform, die vom Arbeitsrecht praktisch nicht reglementiert wird. An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen (FHSG) ist die praktische Ausbildung Teil des Studiums und wird einer strengen Qualitätskontrolle unterzogen. «Praktika gelten für die Berufszulassung, daher haben wir eine enge Zusammenarbeit mit den Betrieben», sagt Prorektorin Birgit Vosseler, die den Bereich Gesundheit leitet. Die Notenkriterien würden gemeinschaftlich erarbeitet, die Bewertung besprochen. Ausserdem würden alle Studierenden mindestens einmal am Praktikumsplatz besucht. Die FHSG gibt auch zu den Arbeitsbedingungen Empfehlungen ab, selbst für die Vorpraktika, die geleistet werden müssen, wenn Studierende noch keine Berufserfahrung in der Pflege haben. Auch im Bereich Soziale Arbeit an der FHSG gehören Praktika zum Studium. Die zwei Praxismodule machen zusammen rund 50 der insgesamt nötigen 180 ECTS-Punkte aus. Daher dürfen auch nur von der Fachstelle Praxisausbildung bewilligte Betriebe Studierende ausbilden. Das Praktikum muss anhand eines von der FHS vorgegebenen Qualifizierungsrasters benotet werden. Klappt die Zusammenarbeit nicht, sind die Studierenden allerdings nicht der Willkür der Betriebe ausgeliefert: Sie können dagegen ein Rekursverfahren einleiten.

Bei der HSR Rapperswil hingegen gehören Praktika nicht direkt zur Ausbildung. Wer aber ohne berufliche Erfahrung dort studieren will, muss ein Vorpraktikum absolvieren. Laut Willi Meissner, Kommunikationsverantwortlicher bei der HSR, geht es dabei um den «gesetzlich verlangten Nachweis der Arbeitswelterfahrung». Die Praktikumsverträge werden nicht überprüft.

Keine Zunahme bei Praktikumsverträgen

Praktika seien im Kanton immer mit einer Ausbildung verbunden, sagt Rolf Wirth, Kommunikationsleiter des St. Galler Amtes für Wirtschaft und Arbeit AWA. Das Amt hat bisher keinen Anstieg von Praktikumsverträgen festgestellt und kontrolliert daher nicht systematisch. Andere Kantone tun dies, allen voran Genf, wo viele internationale Organisationen Praktikanten anstellen. Allerdings würden auch in St. Gallen Praktikanten im Rahmen der Betriebskontrollen zur Arbeitssicherheit und zum Gesundheitsschutz überprüft.

Die Tripartite Paritätische Kommission habe ein Auge darauf, ob die Löhne orts- und branchenüblichen sind. «Werden tiefe Löhne festgestellt, erfolgen Einigungsverhandlungen mit dem Arbeitgeber. Bei wiederholt missbräuchlicher Lohnunterbietung kann sie der zuständigen Behörde einen Antrag auf Erlass eines Normalarbeitsvertrages mit zwingenden Mindestlöhnen stellen.» Das ist allerdings mehr Theorie als Praxis. Im Kanton St. Gallen gibt es bisher nur zwei dieser Verträge: einen für die Hauswirtschaft von 1993 und einen für die Landwirtschaft von 2004.


Leserkommentare

Anzeige: