Der Riss durch die heile Bergwelt

BERGBAHNENSTREIT IM OBERTOGGENBURG ⋅ Der Streit zwischen beiden Bergbahnbetreibern im Obertoggenburg ist noch nicht beigelegt. Der Entscheid über ihre Zukunft dürfte erst in einigen Monaten fallen. Zeit, sich in der zerstrittenen Gegend die Füsse zu vertreten.
05. August 2017, 05:18
Regula Weik

Regula Weik

regula.weik

@ostschweiz.ch

Sattgrüne Alpwiesen. Bestossene Alpen. Majestätische Berggipfel. Eine Bilderbuchlandschaft. Das Herz eines jeden Tourismusfachmanns müsste bei deren Anblick sogleich dem Höhenrausch anheimfallen. Eine Annahme. Überprüfen lässt sie sich nicht. Jedenfalls nicht an diesem Tag. Es ist Sonntag. Das Büro von Toggenburg Tourismus in Wildhaus geschlossen. Ein paar Faltprospekte in einen Ständer an der Wand geklemmt – eine sanfte Beruhigung und kleine Hilfe für Unternehmungslustige am Ruhetag. Wanderer, Freizeitsportler, Entdeckungssüchtige: Orientiert euch selber, bitte.

«Toggenburg für Schneehasen und Wandervögel», verheisst die Werbetafel an der Talstation der Sesselbahn. Doch wo im Winter Schneehasen ihre im angenehmsten Fall elegant-unauffällige Drängeltaktik anwenden, kommen sich heute keine Wandervögel ins Gehege. Und auch keine fliegenden Hirsche galoppieren einem durch den Kopf; die nahe Bar – im Winter ein beliebter Après-Ski-Treff – hat Sommerpause. «Unser Geschäft ist derzeit geschlossen. Wir freuen uns auf die kommende Skisaison mit Ihnen», lässt der Besitzer des angrenzenden Sportgeschäfts allfällige Kunden und Passanten wissen. Wen wundert’s, Karl Alpiger ist im Schnee gross geworden. Die Startnummern, die im Winter die Bar schmücken, erzählen von seinen Rennen und Erfolgen.

Fünf Bahnanlagen leuchten grün auf der Anzeigetafel. Alle offen. Alle an derselben Gebirgsflanke – zwischen Wildhaus und Alt St. Johann. Eine Karte, ein Gebiet. Die Betreiber der Bergbahnen freilich sind sich alles andere als grün. Die Aktionäre der Bergbahnen Wildhaus AG sind nicht gut auf «jene dort drüben» zu sprechen. Gemeint ist primär Mélanie Eppenberger, Verwaltungsratspräsidentin der Toggenburg Bergbahnen AG, mit Sitz in Unterwasser. «Jene dort drüben» haben sich erfrecht, den Wildhausern ein Übernahmeangebot zu unterbreiten – per Inserat. Die Wildhauser reagierten wie ein angeschossenes Tier. Sie hielten mit ihrer Empörung nicht zurück. Über Tage gingen die Wogen hoch. Stünde das Schwimmbad nicht «drüben» in Unterwasser, es wäre übergeschwappt und hätte das Tal unter Wasser gesetzt. Die Badi der Wildhauser aber ist am Schönenbodensee, ein «Strandbad am Natursee», wie es im Verzeichnis der Freibäder der Schweiz gepriesen wird.

3,6 Kilometer, 50 Minuten, 180 Höhenmeter

Keine Stunde ist es zu Fuss von Wildhaus hinüber nach Unterwasser – exakter: hin­unter nach Unterwasser. Wildhaus liegt auf 1090 Metern über Meer und kann auf das Nachbardorf hinunterblicken. Das hindert die Wildhauser nicht daran, zu monieren, die Aktionäre «dort drüben» würden den Kopf reichlich hoch tragen. 3,6 Kilometer mit dem Auto, 180 Meter Höhendifferenz – keine gewaltigen Zahlen, doch an manchen Tagen trennen die beiden Dörfer Welten. So scheint es jedenfalls aussenstehenden Beobachtern des Toggenburger Bergbahnenstreits.

Doch bevor das Grübeln darüber überhand nimmt: Auf dem Sessellift ins Oberdorf lässt sich der Kopf durchlüften. «Grüezi, einen schönen Tag», begrüsst der Bahnmitarbeiter die heranschwebenden Gäste. Bänke und Burger. Sonnenschirme und Schlorziflade. Terrasse und Teigecken. «Wildhaus. Erleben. Geniessen.» Der Slogan auf dem Zucker ist verführerisch – doch der Berg ruft. Oder besser klingt. Wenige Schritt weg vom Bergrestaurant ist der Einstieg zum Klangweg. Ein touristisches Erfolgsprodukt des Obertoggenburgs. Eines, das frei ist von Misstönen zwischen Wildhaus, Unterwasser und Alt St. Johann. Hinauf auf den Berg hüben, hinunter ins Tal drüben oder umgekehrt, zurück an den Ausgangspunkt mit dem Postauto. Klangweg-Billett heisst die Rundwanderfahrkarte und sie kann sich exklusiv schimpfen – «andere kombinierte Tickets für die Bahnanlagen in Wildhaus und Unterwasser haben wir nicht», lautet die Auskunft an der Kasse in Wildhaus. Nicht im Sommer. Das gemeinsame Skiticket ist gesichert – vorerst, bis und mit Wintersaison 2018/19. «Zur Rettung des gemeinsamen Skitickets im Obertoggenburg» haben die Toggenburg Bergbahnen denn auch ihren «unverschämten» Aktientausch oder Aktienkauf lanciert.

Die Single-Line – im Winter der Expresszugang zu höher gelegenen Pisten – ist zugesperrt. Die Sommergäste stürmen die Sesselbahn nicht in Massen. Heute nicht und wohl auch morgen nicht. «Heute sind es auffällig wenige Leute. Sie trauen wohl dem Wetter nicht», sagt der Bahnangestellte. «Nehmen Sie Platz, wir bedienen Sie», heissen die Gastgeber auf Gamsalp die Besucher willkommen. Eine «saisonale» Einladung. Im Winter, bei Selbstbedienung, schaukeln die Getränke öfter bedrohlich auf dem Tablett, gezollt den Tücken der Skischuhe.

St. Moritz des Toggenburgs?

Bahnwechsel. Unterwasser. Frontenwechsel? Es gehe nicht «um Sesselkleberei und persönliche Befindlichkeiten», hatte Mélanie Eppenberger im Frühsommer geantwortet, als sie diese Zeitung nach den Hintergründen der «Aktienaktion» der Toggenburg Bergbahnen AG fragte. Der Gast erwarte am Berg «ein Angebot aus einer Hand». Die gehässigen Worte der vergangenen Monate lassen nicht so rasch daran glauben. Der Gong mahnt zum Einsteigen. «Vorsicht Abfahrt.» «The train ist about to leave.» Erste Anzeichen der so oft kritisierten Abgehobenheit dieser hier drüben?

Schon zuckelt die Standseilbahn auf den Iltios los. Dereinst soll sie doppelt so viele Gäste befördern und aus einem Stationsgebäude der Basler Architekten Herzog & de Meuron losfahren – weltbekannt und altbekannt im Toggenburg. Die Talstation in Unterwasser wäre ihr dritter Wurf und schon fast ein Heimspiel für die Basler, nach dem Gipfelrestaurant auf dem Chäserrugg und den Stationen der Stöfelibahn. Stimmt die hinter vorgehaltener Hand beklagte – oder beneidete? – «Mondänität» in Unterwasser also doch? Die Bahnbegleiterin in der Luftseilbahn auf den Chäserrugg lässt derart elitäre Gedanken rasch vergessen. Einige Tipps und Informationen, herzlich und unaufdringlich – Gemsen, acht Minuten Fahrzeit, 912 Meter Höhendifferenz, Ankunft auf 2262 Meter über Meer.

Im Tal schauen die Wildhauser hinunter nach Unterwasser. Auf dem Berg müssen sie hochblicken, von der Gams­alp zum Chäserrugg. Realer Beweis, dass es die Bahnbetreiber in Unterwasser doch hoch im Kopf haben? Grund für die ihnen nachgesagte Überheblichkeit? Wie auch immer: Es soll eine andere Klientel angesprochen werden als in Wildhaus. Samstag-Diner. Vollmond-Diner. Eventlocation. Ob Chäserrugg oder Iltios, ob Speisekarte oder Wanderprospekt: Sie sind zweisprachig. Und auch hier ist das Klangweg-Billett das einzige kombinierte Bahnangebot.

Original Toggi-Burger seit 1999, Bloderkäse, Toggenburger Mandelgipfel, Olma Bratwurst – auf dem Iltios; Toggenburger Salat, Mistkratzerli, Toggenburger Käseauswahl, Rindsfilet (Luma handselected Swiss Beef) – auf dem Chäserrugg: Die nähere und weitere Region findet sich beiderorts auf der Speisekarte. Die Preise steigen mit der Höhenlage. Das St. Moritz des Toggenburgs schiesst es kurz durch den Kopf, ehe ein Windstoss die Gedanken durcheinanderwirbelt und auch dieser allfällige Ansatz für die Missstimmung zwischen den beiden Bergbahnbetreibern vom Winde verweht ist. Noch bleibt Zeit. Die Toggenburg Bergbahnen haben ihre Frist an die Aktionäre der Bergbahnen Wildhaus AG bis in den Spätherbst verlängert. Zeit für «jene hüben wie drüben», auf dem Schrattenkalk zwischen Gamsalp und Iltios balancierend das Gleichgewicht (wieder) zu finden. Oder ganz einfach im Schwendisee die erhitzten Gemüter abzukühlen.


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