Das kurze Glück des Goldgräbers

SCHATZSUCHE ⋅ Mit dem Metalldetektor streift ein Mann durch die Felder und Äcker der Ostschweiz. Weil er eine Goldmünze von 1738 illegal verkauft, durchsucht die Polizei sein Haus und findet nebst weiteren Münzen und Medaillen Marihuana und illegale Messer.
13. Juli 2017, 05:18
Roman Hertler

Roman Hertler

roman.hertler@tagblatt.ch

Es ist bitterkalt an diesem frühen 27. Januar 2015. Das Haus liegt etwas abseits in einer kleinen St. Galler Gemeinde. Die Scheinwerfer der Polizeiautos reflektieren die weissen Flocken, die vom dunklen Himmel rieseln. Die Räder knirschen auf dem Weg, der noch nicht vom Neuschnee befreit ist. Nur die Spuren von Beat Tanners* Partnerin, die schon früh zur Arbeit fuhr, sind noch leicht zu erkennen. Vor Tanners Haus hält das kleine Kommando der St. Galler Kriminalpolizei. Mit dabei: der zuständige Staats­anwalt, die stellvertretende Kantonsarchäologin und ein Hund. «Rücken an die Wand, die Nase nicht zuvorderst», weist der Einsatzleiter die Nichtuniformierten an, bevor er klingelt.

Regula Steinhauser hat Tanner schon seit längerem auf dem Radar. Im Internet macht sich die Kantonsarchäologin schlau über die Münzsammler- und Schatzsucherszene. Dafür investiert sie enorm viel Freizeit, irgendwann ist sie davon angefressen. Auf Video- und Verkaufsplattformen sucht sie nach Hinweisen. Dabei stösst sie auf Tanners Youtube-Kanal, auf dem dieser einen seiner neusten Funde präsentiert: einen «Louis d’or», eine Goldmünze aus Frankreich von 1738 (siehe Kasten). Über Ricardo verkauft er das Gold an einen Sammler aus dem Freiburgischen – für 590 Franken. Scheinbar will sich Tanner aus dem Erlös einen besseren Metalldetektor kaufen. Das darf doch nicht wahr sein, denkt sich Regula Steinhauser: Die historische Münze gehört doch dem Kanton! Im ZGB heisst es in Artikel 724: «Herrenlose Naturkörper oder Altertümer von wissenschaftlichem Wert sind Eigentum des Kantons, in dessen Gebiet sie gefunden worden sind.»

Der Fall kommt ins Rollen. Steinhauser wird aufgefordert, an der Hausdurchsuchung bei Tanner teilzunehmen. Auf dem Polizeiposten wird der Einsatz besprochen. Unter anderem wird die Frage aufgeworfen, was passiert, wenn Tanner weitere Fundstücke einfach aus dem Fenster wirft. «Kein Problem», antwortet der Einsatzleiter. «Er hat ja einen Metalldetektor.»

Tanner teilt Funde mit Grund- besitzern und Gras mit Freunden

So geht das Kommando also vor Tanners Tür in Stellung, der Staatsanwalt und die Kantonsarchäologin stellen sich mit dem Rücken zur Wand neben den Eingang. Sie warten auf eine Reaktion. Schläfrig öffnet der 53-jährige Goldsucher die Tür und stutzt. Die Stimmung bleibt aber freundlich. Tanner weiss, weshalb ihn die Behörden frühmorgens aus dem Bett holen. Er leistet keinen Widerstand und händigt der Polizei weitere Schätze aus, die er in der Region gefunden hat: Christus-Marien-Medaillen, süddeutsche und italienische Heiligenmedaillen, Wallfahrtsmedaillen, Münzen, Batzen, Halbbatzen, Kreuzer, Schilling, Franken. Die Funde stammen aus unterschiedlichsten Regionen und Epochen, vom 17. bis ins 19. Jahrhundert. Die ursprünglichen Besitzer lassen sich nicht mehr ermitteln. Trotzdem gehören die Schätze nicht ihrem Finder, sondern dem Kanton.

Im Verlauf des Verfahrens stellt sich heraus, dass Tanner von 2012 bis 2015 noch weitere Münzen gefunden hat. Die hatte er aber an die Grundstückbesitzer verschenkt, auf deren Boden er «sondeln» durfte. «Hadrianische Fundteilung» heisst dieses Prinzip, das auf römisches Recht zurückgeht. Demnach gehört ein Schatz, dessen wahrer Besitzer nicht zu ermitteln ist, zur Hälfte dem Finder und zur Hälfte dem Eigentümer der Sache, in welcher der Schatz verborgen lag – meist also dem Grundbesitzer. Die «Hadrianische Teilung» wurde in der Schweiz 1911 mit der Einführung des Zivilgesetzbuches abgeschafft. Tanner hätte seine Funde dem Kanton melden müssen.

Es ist nicht sein einziger Gesetzesverstoss. Bei der Hausdurchsuchung findet die Polizei ein Spickmesser, das der Beschuldigte in den 1990er-Jahren in Italien erwarb, obwohl er wusste, dass diese in der Schweiz verboten sind. Ausserdem besitzt er zwei Schmetterlingsmesser, die er in der Schweiz gekauft hat. Er hätte bei «pflichtbewusster Vorsicht» erkennen müssen, dass diese Messer ebenfalls verboten sind, hält die Staatsanwaltschaft dazu fest.

Damit nicht genug: In seinem Garten hat Tanner ausserdem mehrere Hanfpflanzen hochgezogen. Die für eine Outdoor-Anlage üppige Ernte über 1,6 Kilogramm ist nicht für den Verkauf, sondern für den Eigenbedarf und den einiger Freunde bestimmt. Die Polizei findet ausserdem Gegenstände und Utensilien für den Betrieb einer Indoor-Anlage, die zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr in Betrieb ist. Das Material gehört Martin Graf*, dem Sohn von Tanners Partnerin, der ebenfalls im Haus lebt. Tanner hat Graf geholfen, die Indoor-Anlage aufzubauen und zwischen 2013 und 2014 zu betreiben. Auch das daraus geerntete Gras war für den Eigenbedarf und jenen von Grafs Freunden bestimmt. Das Einsatzkommando stellt die mit der Produktion und dem Konsum von Marihuana in Verbindung stehenden Gegenstände und die 1,6 Kilo Outdoor-Hanf sicher und vernichtet sie anschliessend. ­Ebenso die drei verbotenen Messer. Die 23 Münzen, die auf St. Galler Boden gefunden wurden, wechseln in den Besitz des Amtes für Kultur. Zwei Medaillen, die Tanner auf Thurgauer Boden gefunden hat, gehen an das dortige Amt für Archäologie. Verfahrenskosten mitsamt Busse, die Tanner auferlegt werden: rund 5000 Franken.

Die juristische Odyssee des «Louis d’or»

Damit der «Louis d’or», der die Sache ins Rollen gebracht hat, wieder seinen Weg nach St. Gallen findet, ist einiges an juristischem Aufwand nötig. Die Freiburger Polizei wird beim Käufer der Münze vorstellig. Bei dessen Einvernahme stellt sie die Münze sicher. Die Freiburger Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren allerdings ein. Dagegen erhebt die St. Galler Kantonsarchäologie Beschwerde, weil sie verhindern will, dass die Münze an den Käufer zurückgeht. Das Freiburger Kantonsgericht entscheidet, dass das Verfahren wieder aufgenommen wird und dass die Münze dem Kanton St. Gallen gehört. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den Käufer der Hehlerei. Dieser erhebt wiederum dagegen Beschwerde, weshalb der Fall erneut verhandelt wird – diesmal beim Bezirksgericht Tafers. Das Urteil fällt salomonisch aus: Die Münze gehört definitiv St. Gallen, und der Käufer wird vom Vorwurf der Hehlerei entlastet.

Beat Tanner hat sich mittlerweile eine temporäre Sondierbewilligung bei der Kantonsarchäologie beschafft. Nachdem sie abgelaufen ist, hat er sie aber nicht mehr erneuert. Offenbar ist er der Auffassung, dass die Amtsstelle nicht befugt sei, Bewilligungen zu erteilen. Für eine Stellungnahme war Tanner gestern leider nicht erreichbar. Er ist in den Ferien – vermutlich auf Schatzsuche.

*Name geändert.


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