47 Tage Ungewissheit

KRIMINALFALL ⋅ Am 31. Juli 2007 wurde Ylenia Lenhard in Appenzell entführt. Polizei, Armee und private Helfer suchten wochenlang. Das Schicksal des Mädchens bewegte die ganze Schweiz.
29. Juli 2017, 10:23
Andri Rostetter
Das Hallenbad liegt am Dorfrand von Appenzell, gleich neben dem Kindergarten. Die fünfjährige Ylenia kennt den Weg, 1500 Meter sind es von ihrem Zuhause bis zum Bad. Am 31. Juli 2007, morgens um 9 Uhr, nimmt sie ihr Kickboard und fährt los. Sie hat am Vortag ein Shampoo vergessen und will es holen. Nach etwa 20 Minuten ist sie beim Hallenbad. Der Bademeister und eine Frau erkennen sie. Dann geht Ylenia. Zuhause kommt sie nie an.

Kurz nach dem Mittag ist die Suchaktion bereits im Gang. Polizisten durchkämmen mit Suchhunden die Gegend. Ein Hund zeigt bei der Sitter eine Spur an. Taucher steigen ins Wasser. Sie finden nichts.

Während die Beamten in Appenzell die Gegend absuchen, ereignet sich rund 20 Kilometer Luftlinie entfernt ein mysteriöser Zwischenfall. Ein 46-jähriger Mann, der sich über Mittag im Hartmannshölzli bei Niederwil aufhält, wird von einem Unbekannten angesprochen. Plötzlich zieht der Unbekannte eine Waffe und schiesst ohne Vorwarnung. Der 46-Jährige wird getroffen. Er flieht verletzt aus dem Wald und kann an der Strasse eine Autofahrerin anhalten, die ihn ins Spital bringt. Die Polizei leitet sofort eine Grossfahndung ein. Am Abend entdeckt sie in Billwil bei Oberbüren einen weissen Renault-Kastenwagen mit spanischem Kennzeichen. Vom Fahrer fehlte jede Spur.

Am 1. August drehen die Polizisten in Appenzell wieder jeden Stein um. Das Mädchen bleibt unauffindbar.

In Billwil setzt die Polizei einen Suchhund ein. Nach kurzer Zeit findet der Hund die Leiche eines Mannes. Der Mann hatte sich mit einem Schuss in den Kopf selbst getötet. Dass es sich um den Mörder von Ylenia handelt, weiss zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Noch ist nicht einmal zweifelsfrei geklärt, ob er mit der Schussabgabe auf den 46-Jährigen zu tun hatte. Klar ist nur, um wen es sich handelt: Der Tote ist Urs Hans von Aesch, 67-jährig, Auslandschweizer mit Wohnsitz in Spanien.

Zusammenhänge werden langsam sichtbar

Am selben Abend stellt die Polizei an einem Wegkreuz in Billwil einen Rucksack und einen Velohelm sicher. Im Rucksack befinden sich Ylenias Kleider, sorgfältig zusammengelegt. Spätestens jetzt sehen die Fahnder einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden des Mädchens, dem Tötungsversuch am 46-Jährigen und dem Suizid von Urs Hans von Aesch. Hat der 67-Jährige Ylenia in Appenzell entführt und wähnte sich im Bürerwald von dem 46-Jährigen beobachtet? Hat er auf ihn geschossen, um einen allfälligen Zeugen aus dem Weg zu räumen?

In der Nacht findet die Polizei Yle­nias Kickboard im Hartmannshölzli. Die Suche läuft auf Hochtouren, die Ermittler hoffen nach wie vor, das Mädchen lebend zu finden. Die «Soko Rebecca», die nationale Zentralstelle für die Fahndung nach vermissten Kindern, und die spanische Polizei werden eingeschaltet. «Was wir aber bis jetzt an persönlichen Gegenständen des Kindes gefunden haben, lässt das Schlimmste befürchten», sagt der damalige St.Galler Kripo-Chef Bruno Fehr. Erste DNA-Auswertungen bringen am 6. August – sechs Tage nach Ylenias Verschwinden – Gewissheit: Urs Hans von Aesch hatte direkten Kontakt mit Ylenias Helm, Rucksack und Kickboard. Die Polizei sucht weiter. Die Ermittlungen werden nochmals intensiviert, Polizisten aus Schaffhausen, Thurgau, Graubünden, Liechtenstein und der Stadt St.Gallen werden aufgeboten. Zeitweise stehen bis zu 220 Polizisten, Feuerwehrleute und Soldaten im Einsatz.

Am 10. August treffen spanische und Schweizer Ermittler an von Aeschs Wohnort in Spanien ein. Sie finden Fotos von einem Dutzend Kindern zwischen acht und zehn Jahren. Keines zeigt die beiden Mädchen, die in den 1980er-Jahren als Pflegekinder bei von Aesch und seiner Frau waren, als das Paar noch in Iselisberg wohnte. Immer mehr Details werden bekannt. Zum Beispiel, dass von Aesch nie eigene Kinder wollte. Der «Blick» macht Gedichte publik, die der Mann an Bekannte schrieb: «Lasst die Ungezeugten ungezeugt! Die Ungeborenen ungeboren.» In einem TV-Interview sagt von Aeschs Frau später: «Wenn ich seine Gedanken seines letzten Jahres nachvollziehe, dann muss ich mir sagen, er könnte wirklich gedacht haben, er erspare dem Kind dieses Leben. Denn am Ende dachte er: Jedes Kind, das nicht geboren wurde, ist glücklich zu schätzen.»

In der Schweiz bricht die Polizei die flächendeckende Suchaktion ab. Ab jetzt sucht sie nur noch punktuell weiter, wenn es neue Anhaltspunkte gibt. Aus der Bevölkerung treffen nach wie vor Dutzende Hinweise zu Ylenias Verschwinden ein. Täglich. Bis zum 17. August sind es fast 2000. Es hilft nichts, das Mädchen bleibt unauffindbar. Am 29. August setzt die Innerrhoder Kantonspolizei eine Belohnung von 22'000 Franken aus. Die Sendung «Aktenzeichen XY . . . ungelöst» berichtet über den Fall. Die Polizei sucht weiter, verfeinert das Suchgebiet, analysiert neue Szenarien. «Der Kriminalist kennt keine Resignation», sagt der St.Galler Kripo-Chef Fehr.

Am Samstag, 15. September, um 12.11 Uhr, geht bei der Polizei ein Notruf ein. Am Telefon meldet sich ein Mann, der gerade im Hartmannshölzli unterwegs ist. Er hat Ylenia gefunden. Über Wochen hatte der 28-Jährige Informatiker aus Winterthur auf eigene Faust gesucht. «Ich wollte helfen, die Ungewissheit über den Verbleib und das Befinden des Mädchens zu beenden», sagt er ein paar Tage später in einem Interview in dieser Zeitung.

Revolver, Schaufel, Gabel, Nitroverdünner

Am 19. November laden Polizei und Staatsanwaltschaft zu einer letzten Pressekonferenz zum Fall Ylenia ein. Für die Justiz ist klar: Urs Hans von Aesch hatte die Tat über mehrere Wochen hinweg geplant. Bereits am 10. Juli 2007 hatte er in einem Einkaufszentrum in Glattbrugg Nitroverdünner gekauft, um sein Opfer zu betäuben. Tags darauf kaufte er in Zürich Schaufel, Säge, Grabgabel und Kreuzpickel. Die Schaufel und die Säge fand die Polizei später in der Nähe der Leiche des 67-Jährigen. Nach seiner Einkaufstour entnahm von Aesch aus seinem Schrankfach bei der Thurgauer Kantonalbank in Frauenfeld einen Revolver der Marke Smith & Wesson – das genaue Datum ist nicht klar. Es war jene Waffe, mit der er am 31. Juli auf den 46-jährigen Mann im Hartmannshölzli geschossen hatte. Bereits aus Spanien mitgebracht hatte er einen selbstgebastelten Schussapparat, einen Pfefferspray und ein Elektroschockgerät. Auch Klebeetiketten in der Form von Zahlen und Buchstaben, wie man sie zur Abänderung von Nummernschildern verwendet, hatte er dabei.

Die Untersuchung des St.Galler Instituts für Rechtsmedizin ergab, dass Ylenia an einer Toluol-Vergiftung gestorben ist. In ihrem Körper habe das Gift «in hoher bis sehr hoher Konzentration» nachgewiesen werden können, heisst es im Untersuchungsbericht. Toluol ist als Lösungsmittel in Nitroverdünner enthalten und wirkt stark narkotisierend. Sämtliche Ergebnisse sprechen dafür, dass das Gift über den Mund eingenommen wurde. Nichts deutet darauf hin, dass Ylenia Gewalt ausgesetzt oder Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden war.

Am 26. September versammeln sich mehrere hundert Personen in Appenzell an der Trauerfeier. 200 Personen finden in der Kirche Platz, weitere 400 verharren auf dem Vorplatz und verfolgen den Gottesdienst über Lautsprecher. Nach der Feier lassen die Trauergäste bunte Luftballone in den Himmel steigen – als Symbol für die Farbtupfer, die Ylenia so gemocht hat.

In der Todesanzeige steht: «Warum musstest Du schon sterben?»

Ein Gespräch mit Ylenias Mutter folgt in der morgigen Ausgabe der «Ostschweiz am Sonntag».


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