Der geprügelte Tierarzt

TIERQUÄLEREI ⋅ Seit einer Woche prasselt die Kritik auf den Thurgauer Kantonstierarzt Paul Witzig ein. Tierschützer bezeichnen ihn als bequemen Bürokraten. Doch Weggefährten kritisieren, dass Witzig als Buhmann herhalten muss.
13. August 2017, 08:00
Michael Genova

Michael Genova

michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch

Nach der Räumung des Hofs in Hefenhofen trat der Thurgauer Kantonstierarzt Paul Witzig am vergangenen Mittwoch vor die Medien und sagte: "Wir haben kein akutes Tierleid angetroffen, so wie es auf den Bildern zu sehen war." Dabei erwähnte er auch, dass fünf Tiere eingeschläfert werden mussten, weil sie nicht mehr transportfähig waren.

«Das ist widersprüchlich, und das ist typisch für ihn», findet Reinhold Zepf, Präsident des Thurgauischen Tierschutzverbands (TTSV). Für ihn ist klar, dass Witzig als Kantonsarzt zu wenig entschlossen gegen den Pferdezüchter Ulrich K. vorgegangen sei. «Er ist unfähig und muss so schnell wie möglich entlassen werden», sagt Zepf. Witzigs Glaubwürdigkeit sei angeschlagen, er werde es künftig schwer haben, sich durchzusetzen, wenn er etwa bei Bauern Verstösse anmahnen müsse.

«Möglichst nicht anecken»

Seit der Publikation schockierender Bilder abgemagerter und toter Pferde vor zehn Tagen steht der Thurgauer Kantonsarzt unter Dauerbeschuss. Der vorläufige Höhepunkt: Am Mittwoch hat Erwin Kessler, Präsident des Vereins gegen Tierfabriken (VgT), eine Strafanzeige gegen Paul Witzig eingereicht. Der Thurgauer Kantonsarzt habe mit schweren Amtspflichtsverletzungen Ulrich K. davor geschützt, dass Tierquälereien amtlich festgestellt werden konnten. Zur Strafanzeige will sich Witzig bislang nicht äussern.

Paul Witzig ist seit 15 Jahren Kantonstierarzt und leitet das Veterinäramt des Kantons Thurgau. Zuvor war der 62-Jährige selbständiger Tierarzt mit eigener Praxis in Pfyn. Wäre er nicht Tierarzt geworden, dann vielleicht Wildtierbiologie oder Förster, erzählte er der «Leuetatze», der Personalzeitschrift des Kantons Thurgau. Als «Bewegungsmensch» fahre er täglich mit dem Velo zur Arbeit. Einmal pro Woche begleitet ihn seine Hündin Vania, die in einem Kistchen auf dem Anhänger mitfährt.

VgT-Präsident Erwin Kessler kennt Witzig seit seiner Wahl zum Kantonstierarzt. Zu Beginn sei er sein Amt mit viel Elan angangen und habe sogar einiges bewirkt. So bestätigte in jener Zeit das Bundesgericht einen Entscheid des Thurgauer Veterinäramts, das Unterstände für weidende Tiere forderte. Mit den Jahren sei die Zusammenarbeit jedoch zunehmend schwieriger geworden, sagt Kessler. «Er hat sich zu einem Bürokraten entwickelt, wurde ängstlich und frustriert.» Dies hänge wohl auch mit dem Druck bäuerlicher Interessensgruppen zusammen, glaubt Kessler.

Besonders aufgefallen sei ihm Witzig dann im Fall Ulrich K. «Witzig hat versucht, möglichst nicht anzuecken», sagt Kessler. Dass man bei einem notorischen Tierquäler eine Deeskalationsstrategie verfolgte, sei absolut unentschuldbar. «Witzig musste wissen, was es bedeutet, wenn man Kontrollen anmeldet.»

Weggefährte verteidigt Witzig

Ein Tierarzt und ehemaliger Mitarbeiter des Veterinäramts ärgert sich über die vernichtende Kritik der Tierschützer. Gerade Exponenten der Tierschutzorganisationen müssten aus eigener Erfahrung wissen, wie gefährlich der Umgang mit der Familie K. sei. So beschreibt Erwin Kessler auf seiner Website, wie ihn der Vater von Ulrich K. im Mai 2005 mit einer Peitsche angegriffen hatte.

«Ich kann verstehen, dass Witzig in der öffentlichen Wahrnehmung angeschossen ist», sagt der ehemalige Mitarbeiter. Schliesslich seien der Kantonstierarzt und das Veterinäramt fachlich für den Fall verantwortlich. Allerdings sei schon lange klar gewesen, dass Witzig die komplexe Aufgabe mit seinem Team nicht mehr alleine bewältigen konnte. «Wenn ein Fall ein solches Ausmass annimmt, ist auch die Politik gefragt», sagt er. Dies habe letztlich auch die Räumungsaktion auf dem Hof in ­Hefenhofen gezeigt. Dafür habe der Kanton die Schweizer Armee und eine beträchtliche Zahl von Polizisten aufbieten müssen.

Zur Deeskalationsstrategie des Kantons und zur Praxis angekündigter Kontrollen bei Ulrich K. will sich der ehemalige Mitarbeiter nicht äussern. Während seiner Zeit im Veterinäramt habe er Witzig als «sehr loyalen und kompetenten Chef» erlebt. Als Kantonstierarzt habe er sich für «gute Lösungen» eingesetzt. Als konfliktscheu habe er ihn deswegen nicht erlebt. «Er konnte auch rigoros durchgreifen.» So erinnert er sich auf Anhieb an drei Fälle, bei denen Witzig unnachgiebig gegen desolate Zustände in Nutztierhaltungen vorgegangen sei.

Vertreter von Bauern und Pferdezüchtern wollen sich zu Witzigs Amtsführung nicht äussern. Markus Brägger, Präsident des Pferdezuchtvereins Thurgau, sagt: «Dafür kenne ich ihn zu wenig.» Das grösste Problem aus seiner Sicht sei der Anwalt von Ulrich K., der eine Lösung des Falls immer wieder verhindert habe. «Ihn würde ich am meisten verurteilen.» Für die Deeskalationsstrategie des Kantons hat Brägger ebenfalls kein Verständnis. «Wenn jemand nicht spurt, muss man halt schweres Geschütz auffahren.»

Im Sandwich gegensätzlicher Interessen

Auch Markus Hausammann, Präsident des Verbands Thurgauer Landwirtschaft, will Witzigs persönlichen Leistungsausweis nicht kommentieren. Er verweist auf ein systembedingtes Problem. Veterinärämter würden an der Zahl der Kontrollen und eröffneter Tierschutzstrafverfahren gemessen, sagt Hausammann. Das binde viele Ressourcen, die bei aufwändigen Fällen wie dem vorliegenden vielleicht fehlten. «Ich erlebe oft, dass Bauern für kleinste Mängel mit finanziellen Sanktionen bestraft werden.» Der Verband kämpfe schon lange dafür, dass Veterinärämter sich auf die gravierendsten Fälle konzentrierten.

Oft müssen Kantonstierärzte zwischen unvereinbarer Positionen vermitteln: Forderungen von Tierschützern prallen auf kommerzielle Interessen von Tierhaltern. Ein Beispiel dafür ist der Fall des Lipperswiler Freizeitparks Connyland. Als 2011 innert einer Woche zwei Delphine starben, geriet Kantonstierarzt Witzig ins Schussfeld von Tierschützern, die eine Schliessung des Delphinariums verlangten. Untersuchungen hatten ergeben, dass die Tiere an einem Antibiotikum gestorben waren. Die Betreiber des Connylands ihrerseits wollten schon bald wieder neue Delphine importieren. Witzig ging auf beide Forderungen nicht ein. Das Aus für das Delphinarium kam erst durch die Hintertür: 2012 erliess das Schweizer Parlament ein Importverbot für Delphine.

Der Fall Ulrich K. bewegt auch Berufskollegen aus anderen Kantonen. Er zeige exemplarisch das Spannungsfeld, in dem Kantonstierärzte heute stehen, sagt Reto Wyss, Präsident der Vereinigung der Schweizer Kantonstierärztinnen und Kantonstierärzte. «In der öffentlichen Meinung können wir schnell als Buhmänner dastehen, obwohl die gesamten Fakten für eine Beurteilung eines Falles der Öffentlichkeit gar nicht hinreichend bekannt sind.» In gewissen Fällen werfe man den Kantonstierärzten vor, übertrieben einzufahren und hartherzig strenge Massnahmen zu verfügen, sagt Wyss. In anderen Fällen reagierten Kantonstierärzte in der Meinung der Öffentlichkeit zu langsam und zu lasch. «Die Herausforderung besteht in diesen Situationen darin, sich vom massiven Druck nicht leiten zu lassen, sondern die Verfahren korrekt nach rechtsstaatlichen Prinzipien durchzuführen.»

Oft hilft nur Polizeischutz

Das ist ein beschwerlicher Weg, denn viele Tierhalter revanchieren sich ihrerseits mit Anzeigen und Rekursen. Die meisten kritisierten Tierhalter seien nicht bewusste Tierquäler, sondern oft der Überzeugung, ihre Tiere korrekt zu halten, sagt Wyss. «Beschwerden gegen angeordnete Massnahmen sind somit recht häufig.»

Wie aber geht man mit gewaltbereiten Tierhaltern wie Ulrich K. um? Reto Wyss arbeitet als Kantonstierarzt im Kanton Bern, wo er relativ häufig Polizeischutz anfordern muss. «Pro Woche begleitet uns die Polizei bei etwa drei bis fünf Kontrollen zu Tierhaltern, bei denen die Möglichkeit besteht, dass sie gewaltbereit sind», sagt er. Rund 10- bis 15-mal pro Jahr komme es zu gemeinsamen Kontrollen mit der Polizei bei Tierhaltern, die bereits gewalttätig waren oder konkrete Drohungen ausgesprochen haben.


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