Dem Tod so nah

HOSPIZ ⋅ Sie pflegen und betreuen schwerkranke Menschen bis zum letzten Atemzug. Das Hospiz im Werdenberg ist das erste und bislang einzige stationäre Hospiz im Kanton St. Gallen. Seit dem Betriebsstart im Januar ist die Nachfrage ungebrochen.
11. Juni 2017, 05:16
Julia Nehmiz

Julia Nehmiz

julia.nehmiz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Kathrin G.* muss sterben. Bald. Der Krebs, der seit zwei Jahren ihre Organe durchwuchert, ist nicht heilbar. Keine Chemo mehr möglich, keine Operation, keine Bestrahlung. Die 46-Jährige weiss um ihren Zustand. Ihr Mann weiss es auch. Er war es auch, der im Kantonsspital fragte, ob seine Frau nicht ins Hospiz verlegt werden könnte. Er hatte darüber mal in der Zeitung gelesen. Jetzt war es ihm wieder eingefallen.

Das «Hospiz im Werdenberg» ist das erste und bislang einzige stationäre Hospiz im Kanton St. Gallen. Sie sagen bewusst nicht «Sterbehospiz». Der Tod ist dort zwar allgegenwärtig. Aber gefeiert wird das Leben: «Endlichkeit. Bewusst. Leben» steht als Motto auf Schildern, Flyern, Kärtchen. Eröffnet wurde das Hospiz offiziell am 1. Januar. Ein knappes halbes Jahr ist es nun in Betrieb. Es wird gebraucht. Und geschätzt. 35 Menschen haben sie bis zum Tod begleitet. Manchmal über mehrere Monate. Oft für ein paar Tage. Einmal für zwölf Stunden.

Kathrin G. liegt ermattet in ihrem Bett. Der Transport im Krankenwagen von St. Gallen nach Grabs war anstrengend. Noch am Tag zuvor war nicht sicher, ob sie transportfähig sei. Jetzt schaut sie aus der grossen Fensterfront, die den Blick frei gibt auf Alpstein, Rheintal und das Dorf Grabs. Föhn rüttelt an den Bäumen, graue Wolken ziehen über den Himmel. Im Zimmer Nummer 5 atmen Kathrin G. und ihr Mann tief aus. Ankommen. Zum wahrscheinlich letzten Mal. Die Freundin von Kathrin G. hilft, die Taschen auszupacken, sie dekoriert Tisch und Wand mit Bildern, Fotos, Karten und Blumen. Pfleger Stefan kümmert sich um die vielen Schläuche und Drainagen, die aus Kathrin G.s geschwächtem Körper heraus- und hineinführen, er stellt die Schmerzpumpe ein, und vor allem: Er widmet sich mit Hingabe und Zeit den Neuankömmlingen. Mit wenigen Worten schafft er es, ein Gefühl von Daheimsein zu erzeugen.

Trotz aller Heiterkeit, die Trauer ist eben auch da

Darum geht es den Pflegekräften, der Heimleitung: Sie wollen ein Hort sein der Ruhe und Zuversicht. Den Patienten, den Angehörigen einen letzten Ort bieten, an dem so viel wie möglich aufgefangen wird. An dem man Abschied nehmen kann. Frieden schliessen. Loslassen. Den Tod annehmen. Und lachen. «Wir haben alle einen ziemlich schwarzen Humor», sagt Pfleger Stefan, als würde er einen warnen wollen, dass im Hospiz oft und gern und auch mal derb gescherzt wird. Er und Claus hatten einige Jahre auf der Palliativstation des Kantonsspitals gearbeitet. «Wir sind wie Pat und Patachon. Wie Harry Potter und Hagrid», sagt Stefan, frisch rasierte Glatze, akkurates Bärtchen, und lässt einen Kaffee aus der Maschine. Claus schaut ins Zimmer 2, die 93-jährige Käthi B. ist um die Zeit sonst immer wach. «Heute ist sie noch ganz verschlafen», sagt Claus. «Sie kommt ein bisschen später zum Frühstück.» Im Stübli ist schon der Tisch gedeckt. Nur Käthi B. nimmt Platz, die anderen Patienten schaffen es nicht, oder wollen lieber im Zimmer bleiben. Die drei plaudern beim Frühstück. «Wir müssen ein Kreuz machen im Kalender, dass Stefan mit uns isst und nicht nur einen Smoothie trinkt», frotzelt Claus. «Einmal habe ich einen Löffel davon probiert, es war fein, aber noch mal muss ich das nicht haben», sagt Käthi B. und streicht Konfi auf ihr Brötchen. «Entsinnst du dich, wir haben gestern übers Trinken gesprochen», sagt Stefan und schenkt ein Glas Wasser ein. «Prost», Claus stösst mit ihr an. Käthi B. nimmt kleine Schlucke, der fast tennisballgrosse Tumor auf der Schilddrüse drückt auf die Speiseröhre. Sie verzieht das Gesicht: «Das ist saures Wasser.» «Magst Du Sirup?», fragt Stefan. «Nein, Kaffee ist mir lieber.»

Wenn das Gespräch auf Käthi B.s Vergangenheit kommt, kommen ihr die Tränen. Trotz aller Heiterkeit, die Trauer ist eben auch da. Und sie darf auch Platz haben. Neben den Pflegefachkräften bietet eine Seelsorgerin Gespräche an.

Trotzdem bleibt die Frage: Warum braucht es dafür ein Hospiz? Reichen nicht die Angebote von Spitälern, Pflegeheimen und Spitex?

Nein, sagt Mathias Engler. Er ist Geschäftsführer des Pflegeheims Werdenberg und einer der «Väter» des Hospizes. Im Pflegeheim haben sie sich schon vor einigen Jahren zum Thema Palliative Care weitergebildet. Aus dem gesamten Team heraus sei der Gedanke entstanden, das zu vertiefen – und die Nische «Hospiz» zu besetzen. Denn wohin sollen Patienten, die austherapiert sind, die sich in der «End-of-life-Phase» befinden, die also im Akutspital nicht mehr behandelt werden? «Als einziger Ausweg blieb das Pflegeheim, aber das war vor allem für jüngere Schwerkranke und deren Angehörige nicht wirklich geeignet», sagt Engler. Er und seine Mitarbeitenden entwickelten ein Konzept, wurden beim Kanton vorstellig – und bekamen das Okay. Noch sind sie in Grabs in der Pilotphase. Doch die Rückmeldungen sind ermutigend. Im Gästebuch auf der Station, in vielen Briefen und Traueranzeigen bekunden Angehörige ihren Dank.

«Wir wurden hier mit brutal viel Liebe empfangen»

Von Zimmer 5 piepst der Alarm. Braucht Kathrin G. Hilfe? Pflegerin Alice eilt hinüber. Nein, Kathrin G. und ihr Mann wollen reden. Peter G., 45 Jahre, Jeans, T-Shirt, dunkle Augenringe, möchte erzählen. Und danken: «Wir wurden hier mit brutal viel Liebe empfangen.» Die Krankengeschichte seiner Frau sprudelt aus ihm heraus. Auf den Tag genau nennt er Diagnosen und Therapien. «Sie kämpft und kämpft.» Er streichelt seiner Frau über Arm und Wange. «Du bist ein Indianer und wirst ein Indianer bleiben.»

Vor Auffahrt hatten sie im Spital ein Gespräch mit den Ärzten, da hiess es, man könne nichts mehr machen. Am Mittwoch war er zum Vorgespräch hier. «Ich habe das Zimmer gesehen und gedacht, das will ich meiner Frau noch erfüllen.» Es sei hier so offen, so schön, er sei gespannt, wie ihre Kinder auf das Zimmer reagieren. Pflegerin Alice klopft an, sie bringt ein Mundpflege-Set, das Öl haben die hauseigenen Ölfachfrauen hergestellt.

«Hier ist alles so unkompliziert und mit Herz, ich hätte nicht geglaubt, dass es in der heutigen Zeit so etwas noch gibt», sagt Peter G. «Hier steht der Mensch im Vordergrund.» Kathrins Freundin wischt sich über die Augen. Vorerst sind sie froh, im Hospiz zu sein. Für wie lange, weiss niemand. Das Gästebett für Peter G. steht bereit.

* Die Namen der Patienten und ihrer Angehörigen wurden geändert.


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