«Nur wenige Fälle landen vor Gericht»

TIERSCHUTZ ⋅ Während der Kanton Thurgau in den letzten Wochen am Pranger stand, wurde Nachbar St. Gallen gelobt. Er ist der einzige Kanton, der einen Staatsanwalt für Tierdelikte hat: Jörg Gross über verhungerte Rinder, Verhaltensstörungen bei Hunden und Bussgelder.
06. Oktober 2017, 06:58
Elvira Jäger

Elvira Jäger

ostschweiz@tagblatt.ch

Jörg Gross, die Bilder von den abgemagerten Pferden von Hefenhofen sind noch sehr präsent. Der Fall sorgte wochenlang für Schlagzeilen. Verstehen Sie die Empörung?

Ich verstehe sie, aber der Fall Hefenhofen hat dennoch viele Facetten. Die Behörden sind ans Amtsgeheimnis gebunden und können nicht ausführlich Auskunft geben. Wer genau was getan hat, ist für mich schwierig zu beurteilen. Es gibt auch Leute, die der Meinung sind, das Ganze sei von den Medien aufgebauscht worden.

Warum empört so ein Einzelfall auch jene Menschen, denen es normalerweise nicht so wichtig ist, wie das Tier gelebt hat, dessen Schnitzel auf ihrem Teller liegt?

Das ist ein Phänomen, aber was man isst, muss jeder für sich selber entscheiden. Im Übrigen passt so ein Fall mit seiner Emotionalität perfekt ins Schema der drei B, welche den Medien Erfolg garantieren.

Welche drei B meinen Sie?

Blut, Babies, Büsis.

Man konnte lesen, der Fall Hefenhofen wäre im Kanton St. Gallen nicht möglich gewesen. Was sagen Sie dazu?

Ich will mich weder über den Thurgau noch über den konkreten Fall äussern, aber ich denke, es kann in jedem Kanton etwas passieren. Entscheidend ist, dass die Behörden gut zusammenarbeiten.

Welche Behörden meinen Sie?

Zum einen die Strafverfolgungsbehörden, die Verstösse ahnden und deren Blick naturgemäss in die Vergangenheit gerichtet ist. Zum andern das Veterinäramt, welches beispielsweise ein Tierhalteverbot ausspricht. Sein Blick ist in die Zukunft gerichtet, es geht um die Wiederherstellung des Tierwohls.

Wie kommt es, dass St. Gallen als einziger Kanton einen Staatsanwalt für Tierdelikte hat?

Das kam mit der neuen Strafprozessordnung des Kantons St. Gallen im Jahr 2000. Ursprünglich wollte man einen Tieranwalt, hat dann aber die Parteirechte für Tiere dem Kantonstierarzt übertragen. Wir Staatsanwälte vertreten den Staat in Tierschutzsachen, sind Anlaufstelle für die Polizei und stehen in engem Kontakt mit dem Veterinäramt.

Was versteht man unter Parteirechten für Tiere?

Der Kantonstierarzt kann Einspruch erheben, wenn er mit dem Freispruch eines Tierhalters nicht einverstanden ist. Er hat auch das Recht, bei Befragungen und Beweisaufnahmen anwesend zu sein.

Wer erstattet bei Tierschutzfällen überhaupt Anzeige?

Im Normalfall das Veterinäramt oder die Polizei, etwa bei Hundebissen. Die Anzeige kommt in der Regel schriftlich, mit Fotos oder Videos als Beweismittel. Wir führen dann Befragungen durch und entscheiden, ob der Sachverhalt gegen das Tierschutzgesetz verstösst.

Gibt es auch Anzeigen von Privatpersonen?

Ja, aber ich muss diese zunächst an Polizei oder Veterinäramt weitergeben.

Wer oder was wird angezeigt? Der Nachbar, der dem Hund zu wenig zu fressen gibt?

Das kommt vor. Es geht aber auch darum festzustellen, ob ein Hundehalter seine Aufsichtspflicht verletzt hat, weil sein Tier jemanden gebissen oder gewildert hat. Das sind bisweilen ganz schwierige Überprüfungen. Oder nehmen Sie den Fall, in dem ein Dritter einen Hund ausführt und der Hund beisst jemanden. Da stellt sich die Frage, ob der Hundehalter ausreichend über das Verhalten seines Hundes in brenzligen Situationen informiert hat.

Es gibt sicher auch Anzeigen, die Nutztiere betreffen?

Die Nutz- und Heimtierfälle halten sich etwa die Waage. Es gibt leider auch ganz schlimme Geschichten. So hat ein Spaziergänger bei einem Stall festgestellt, dass etwas nicht stimmt, weil sein Hund dort immer reagiert hat. Wir haben schliesslich drei bereits halb verweste Rinder im Stall gefunden. Die Tierpathologie an der Universität Zürich hat die Kadaver untersucht und festgestellt, dass sie verhungert sind. Der Bauer war ein alter, kranker Mann. Das war wirklich tragisch.

Wie häufig sind solche Fälle im Kanton?

Das sind absolute Einzelfälle, aber wir müssen dennoch auf sie vorbereitet sein.

Kommt Vernachlässigung von Tieren häufig vor?

Natürlich gibt es Fälle von zu wenig Futter oder zu wenig Auslauf bei Heim- und Nutztieren. Resultiert ein Gesundheitsschaden oder eine Verhaltensstörung, liegt eine Vernachlässigung vor. Die Schwierigkeit ist, die Verhaltensstörung des Tieres nachzuweisen. Man muss auch unterscheiden zwischen Vernachlässigung und Misshandlung.

Inwiefern?

Misshandlung ist aktiv: Ein Tier wird durch ein Tun verletzt. Vernachlässigt wird beispielsweise ein krankes Tier, wenn die angemessene Krankenfürsorge vom Tierhalter unterlassen wird.

Was haben Tierquäler für Sanktionen zu gewärtigen?

Tierquälerei ist laut Gesetz ein Vergehen und wird mit Geld- oder Freiheitsstrafen geahndet. Wer Tierhaltervorschriften missachtet, macht eine Übertretung und muss mit einer Busse rechnen.

Wie hoch sind solche Bussen?

Bussen und Geldstrafen sind nicht nur vom Verschulden, sondern auch von den Vermögensverhältnissen des Beschuldigten abhängig. Man kann also von der Höhe der Geldstrafe nicht auf die Schwere des Verschuldens schliessen.

Wie viele Fälle landen vor Gericht?

Wenige. Vielleicht fünf im Jahr.

Immerhin vertraten Sie im vergangenen Juni vor Kreisgericht in Uznach die Anklage im Fall eines Schweinemästers aus dem Linthgebiet und forderten acht Jahre Gefängnis.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, deshalb kann ich dazu nichts sagen.

In Hefenhofen wurden die kantonalen Kontrolleure offenbar derart beschimpft, dass sie sich nicht mehr auf den Hof trauten. Kommt das im Kanton St. Gallen auch vor?

Ich selber führe keine Kontrollen durch, das ist Sache des Veterinäramtes. Ich kenne aber Fälle, in denen Tierhalter ausfällig oder tätlich wurden während einer Kontrolle. Die Kontrolleure müssen uns solche Vorfälle melden. Die Tierhalter müssen mit einer Geldstrafe rechnen.

Wie oft kommt das vor?

In den letzten fünf Jahren hatte ich keinen solchen Fall.

Sie sind seit 2003 im Amt. Belastet Sie Ihre Arbeit manchmal?

Das werde ich oft gefragt. Natürlich gibt es Bilder, die man nicht mehr aus dem Kopf bringt. Aber das kommt in anderen Berufen auch vor.


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