Nicht einmal Zeit fürs WC

PETITION ⋅ Mieser Stundenlohn, Arbeit auf Abruf und massiver Zeitdruck: Für Zalando arbeitende Angestellte von Zulieferfirmen leiden laut der Gewerkschaft Unia unter schlechten Arbeitsbedingungen. Eine Firma dementiert.
14. Dezember 2017, 07:23

Zalando ist mit einem Jahresumsatz von 534 Millionen Franken der zweitgrösste Onlinehändler der Schweiz. Das schreibt die Gewerkschaft Unia in einem Communiqué vom Mittwoch. Die Pakete kämen zwar aus Deutschland, für den Onlineriesen arbeiteten aber auch Arbeitnehmende in der Schweiz, die Zalando-Päckli sortieren, reinigen und verschicken. Laut Natalie Imboden, Branchenverantwortliche Detailhandel bei Unia, handelt es sich bei den Zalando-Zulieferern um die Unternehmen MS Direct und Ingram Micro.

MS Direct mit Hauptsitz in St.Gallen sei für die Retouren in der Ostschweiz, Ingram Micro für diejenigen in der Westschweiz zuständig, sagt Imboden. Ob Zalando noch mit weiteren Subunternehmen in der Schweiz zusammenarbeite, sei der Gewerkschaft nicht bekannt. Die Unia bezeichnet die Arbeitsbedingungen bei den Schweizer Subunternehmen als skandalös: «Ein mieser Stundenlohn, Arbeit auf Abruf, befristete Verträge und massiver Zeitdruck (Computersystem misst Arbeitstempo) gehören zum Arbeitsalltag der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Retouren-Dienst», heisst es im Communiqué.

Schwere Vorwürfe in der Unia-Hauszeitung

In der Unia-Hauszeitung «Work» erhebt eine ehemalige Mitarbeiterin, die anonym bleibt, schwere Vorwürfe. Mit einem Kleiderroller hätten die Mitarbeitenden alle Artikel reinigen, korrekt zusammenfalten und in Säcke verpacken müssen – und zwar schnell. 45 Kleidungsstücke pro Stunde sei die Vorgabe gewesen.

Alle zwei Stunden sei die Schichtleiterin gekommen und habe sie gerügt, weil sie die Vorgabe nicht erreichte. «Wenn ich auf die Toilette musste, fiel mein Schnitt noch tiefer. Da fing ich an, weniger zu trinken», wird die ehemalige Mitarbeiterin zitiert. Die Gewerkschaft hat eine Onlinepetition lanciert. Darin wird Zalando Schweiz aufgefordert, bei den Zulieferfirmen «an­ständige» Arbeitsbedingungen und einen Lohn von mindestens 22 Franken in der Stunde zu garantieren. Ganz anders tönt es von Seiten der betroffenen Firma MS Direct, die seit einigen Wochen in Arbon am Bodensee einen neuen Standort für die Zalando-Retouren betreibt (Ausgabe vom 18. November). Die von der Gewerkschaft kritisierten Löhne von 16.50 Franken gebe es nicht. «Wir zahlen einen ­Einstiegsstundenlohn von 19.10 Franken brutto, inklusive Ferien- und Feiertagsentschädigung», sagte Sven Bradke, Mediensprecher von MS Direct.

Die Retouren-Abteilung in St.Gallen mit rund 90 Mitarbeitern sei Ende Juni geschlossen worden. Im Oktober wurde in Arbon der neue Standort eröffnet. «Die Arbeitsplätze sind topmodern und optimal temperiert», sagte Bradke.

Ein Teil der Mitarbeiter habe nach Arbon gewechselt, viele seien neu hinzugekommen. Auf die Ausschreibungen seien Hunderte Bewerbungen eingegangen, sagt Bradke. Die Stadt Arbon und das Amt für Wirtschaft des Kantons Thurgau begrüssten die Eröffnung dieses Standorts, biete er doch vielen ungelernten arbeitssuchenden Personen eine Anstellung und einen angemessenen Verdienst.

Gespräche blockiert

Letzte Woche hatten sich zwei Unia-Vertreter mit der Geschäftsleitung von MS Direct für eine erste Aussprache getroffen. Weitere Gespräche waren geplant. Ob es dazu kommt, ist offen. MS Direct bedaure das Vorgehen der Unia. «Wir nehmen die Lohnforderung zur Kenntnis, weisen aber darauf hin, dass höhere Löhne angesichts der internationalen Arbeitsteilung im Versandhandel aktuell nicht zu erfüllen sind.» Es bestehe die Gefahr, dass die Geschäftstätigkeit vollständig ins günstigere Ausland ausgelagert würde. (sda)


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