Mut im Land der Kräutersulz

OSTSCHWEIZ ⋅ Der Bund Schweizer Architekten ehrt heute Ueli Vogt, Landschaftsgärtner und Architekt. Der 51-Jährige hat das Zeughaus Teufen in den letzten Jahren neu positioniert und das Museum zu einem besonderen Ort der Baukultur gemacht.
08. Juni 2017, 22:00
Christoph Zweili
Wenn Tradition auf Moderne trifft, ist es Ueli Vogt am wohlsten. Auf diesem Weg entsteht Neues, Spannendes: «Ich mag alles, nur keine Langeweile.» Im ehemaligen Artillerie-Zeughaus in Teufen, erbaut von 1853 bis 1855, lässt der Kurator das Publikum nach seiner eigenen Wahrheit suchen. So wird im Zuge einer Wechselausstellung aus dem Muster von Bauernschränken plötzlich ein textiles Feuerwerk von Jakob Schläpfer auf den Laufstegen dieser Welt. Und noch einen Schritt weiter gedacht bringt ein junger Designer die gleichen Motive auf Turnschuhe. Kunst trifft Gegenwart: Der 51-Jährige will diese Überlagerung von Themen, Gestaltungsformen und Techniken sicht- und spürbar machen. Es ist diese Wechselwirkung verschiedener Disziplinen, die ihn immer wieder aufs Neue fasziniert.

Im eindrücklichen Dachstock, an dem die darunter liegenden Decken aufgehängt sind, ist 2012 das Grubenmann-Museum eingezogen. Vogts Vorgängerin, Rosmarie Nüesch (89), hatte es in den 60er- und 70er-Jahren aufgebaut, der gebürtige Güttinger hat es zusammen mit ihr transformiert, wie er sagt. Seit 2012 erfüllt er es mit neuen Ideen und neuem Leben. Dafür wird ihm heute Freitag in St. Gallen der Preis des Bunds Schweizer Architekten (BSA) verliehen. Vogt gelinge es an seinem Wirkungsort in Teufen immer wieder, baukulturelle Aspekte «auf überraschende und unvoreingenommene Weise» in eine Beziehung zu künstlerischen und gesellschaftlichen Themen zu setzen. Dank seiner Kompetenz sei das Zeughaus Teufen heute «ein exemplarisches Beispiel für ein kleineres Zentrum für Baukultur, das sich erfolgreich im ländlichen Kontext behauptet und dabei kontinuierlich an überregionaler Ausstrahlung gewinnt».

Vogt freut sich über die nationale Auszeichnung: «Ich denke, ich habe sie verdient. Als Zeichen der Anerkennung, dass mein Ansatz funktioniert.» Künftig erhofft er sich noch mehr Ausstrahlung für sein Haus; denn: «Es ist mitunter schwer, ein Museum in einem Dorf wie Teufen zu betreiben.» Eine Anspielung auf die Lage in der Agglomeration und die fehlende Laufkundschaft? «Stimmt, es kommen mehr Fremde als Einheimische.» Vogt wäre aber nicht Vogt, wenn er in der Lage in der Provinz nicht dennoch sofort eine Chance sähe: «Ich muss das Publikum anlocken, mutiger sein als andere.»

«Jeder Besucher soll selbst die Möglichkeit haben sich zu irren»

Viele Museen inszenieren die Traditionen. Davon gibt es im Appenzellerland reichlich, so wie anderswo auch. Doch Ueli Vogt nervt die Inszenierung des Chüeligürtel-Mythos und des Appenzeller Kräutersulz-Geheimnisses manchmal. Seine Intention geht darüber hinaus. Der Kurator, bis 2011 Leiter des Werkstoffarchivs Sitterwerk in St. Gallen, ist ein emotionaler Querdenker. Einer, der sich als Teil einer Welt voller Möglichkeiten fühlt und diese ständig neu entdeckt – oft mit ansteckend verschmitztem Lachen. Und er ist einer, der über sich selber sagt, im Leben viel Glück gehabt zu haben, der den Dingen mit Leichtigkeit begegnet und ihnen selbst in schweren Zeiten mit Humor etwas abgewinnen kann. Dabei bringt er manchmal Dinge zusammen, die scheinbar nicht zusammengehören wollen.

Im mittleren Geschoss des Zeughauses werden noch bis Oktober drei kunstvolle Frauenkleider entworfen – von Personen, die nicht in der Modebranche tätig sind. Die Ausstellung ist Teil des Gemeinschaftsprojektes «iigfädlet – Ostschweizer Textilgeschichten» von acht Museen aus der Region. Der Kurator beteiligt das Publikum am Entstehungsprozess, ein Wechselspiel zwischen Coutureatelier und Handwerk. Erklärt wird in der Ausstellung wenig. «Jeder Besucher soll selbst die Möglichkeit haben sich zu irren und das nicht den Fachleuten überlassen», sagt Vogt schelmisch. Für ihn liegt die Wahrheit oft im Dazwischen: «Es ist nicht alles gut oder schlecht, es gibt meist auch Facetten.» Wo die Architektur berechenbar sei, sei der Mensch im Grunde überflüssig, «das können Maschinen besser». Aber ästhetische und kulturelle Werte seien urmenschlich, «da ist der Mensch gefragt». Oft gebe es nicht die eine präzise Antwort auf eine bauliche Situation. Hier könne die Kunst vermitteln: «Sie gibt Antwort auf Fragen, die noch nicht einmal gestellt sind.»

Der St. Galler will weiterhin hartnäckig seinen Weg gehen, ungewöhnliche Zugänge für seine Besucher schaffen, Dinge ausprobieren – selbst wenn Risiken damit verbunden sind: «Lieber grandios scheitern, als verklemmt etwas richtig machen.» So spricht ein Macher. Einer, der sich traut und genau hinschaut: Schon von Kindsbeinen an.
 

Leben in einer «verklemmten Zeit»

Die Baukultur als Kulturdisziplin ist ein eher neuer Begriff. Immerhin hat das nationale Parlament die Gestaltung des Lebensraums im Grundsatz als kulturellen Akt anerkannt. Nationale Baukulturpreise helfen, den Begriff auf Bundesebene zu etablieren, «doch viele Preise gibt es nicht», sagt Vogt. Gäbe es denn viel mehr auszuzeichnen? Der St. Galler ist unsicher: «Unsere Zeit wird wohl als ‹Die Verklemmte› in die Geschichte eingehen.» Vielleicht sei in der Vergangenheit zu vieles falsch gemacht worden: «Daher entsteht heute wenig Grossartiges. Das heisst aber auch, man macht wenig kaputt – anders als in den 70er-Jahren.»

Ueli Vogt freut sich über den vom BSA gewählten Titel des Architektur- und Baukulturvermittlers. «Damit kann ich leben.» Früher habe er immer gesagt, er sei Landschaftsgärtner und Architekt, über 30 Jahre lang. «Ich habe nie selber gebaut, wohl auch, weil ich zu viele Kompromisse eingehen müsste, wenn ich für andere bauen würde. Doch heute denke ich, ich wäre ein guter Architekt.»

Die Tätigkeit als Vermittler und Botschafter für eine lebendige Kultur in der Region ist für Ueli Vogt «noch nicht ausgelotet»: «Ich will im Zeughaus Teufen weiterhin im Windschatten der öffentlichen Wahrnehmung segeln. Hier kann man mehr wagen als anderswo.»

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