Moschee-Täter will mildere Strafe

BLUTRACHE ⋅ Unter grosser Medienpräsenz und Sicherheitsvorkehrungen der Polizei hat das Kantonsgericht St. Gallen die Berufung des zu 18 Jahren Haft verurteilten Moschee-Täters verhandelt. Das Urteil steht noch aus.
01. November 2017, 07:48
Claudia Schmid

Claudia Schmid

ostschweiz@tagblatt.ch

Am 26. Mai 2016 erklärte das Kreisgericht St. Gallen den heute 53-jährigen serbischen Staatsangehörigen des Mordes, der Gefährdung des Lebens und des mehrfachen Vergehens gegen das Waffengesetz schuldig. Es verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren. In der Gerichtsverhandlung vor erster Instanz war der Beschuldigte geständig, im August 2014 während des Freitagsgebets in der El-Hidaje-Moschee im Westen der Stadt St. Gallen einem in Gebetshaltung knienden Mann siebenmal in den Rücken geschossen zu haben. Das Kreisgericht ging davon aus, dass Blutrache das Motiv gewesen war.

Vorsätzliche Tötung statt Mord

In der Berufung verlangt nun der Beschuldigte, er sei lediglich wegen vorsätzlicher Tötung und mehrfachen Vergehens gegen das Waffengesetz schuldig zu erklären und zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren zu verurteilen. Die Staatsanwaltschaft beantragt mit Anschlussberufung die Erhöhung der Sanktion auf 20 Jahre.

In der Befragung des vorsitzenden Kantonsrichters erzählte der Vater von drei Kindern teilweise mit brüchiger Stimme, dass er in einer religiösen Bauernfamilie mit sechs Brüdern und zwei Schwestern aufgewachsen sei, mit 21 Jahren in die Schweiz kam und bis 2010 gearbeitet habe. Danach sei wegen Arbeitslosigkeit eine schwierige Zeit mit depressiven Phasen gekommen.

Kurz vor der Tat habe er Albträume im Zusammenhang mit dem Tode seines Bruders gehabt. Darin sei ihm das spätere Opfer erschienen. Er habe das unkon­trollierbare Gefühl gespürt, dass der Mann ihn verfolge. Unter grossem psychischenm Druck sei er mit dem Auto von Unterterzen in die Moschee nach St. Gallen gefahren. Zu diesem Zeitpunkt habe er aber nicht beabsichtigt, jemanden zu töten. Die Waffe habe er spontan aus dem Auto geholt und dann auf das Opfer geschossen. Ihm tue es sehr leid, was geschehen sei. Seit der Tat fühle er sich sehr schlecht.

Der Bruder des Serben war vor 20 Jahren in Walenstadt bei einem Streit zwischen drei albanischstämmigen Männern erstochen worden. Die Beteiligten waren der heutige Beschuldigte, sein Bruder und der später in der Moschee Getötete, der damals als mutmasslicher Täter vor Gericht stand und wegen Notwehr freigesprochen wurde. Der Beschuldigte und das Opfer in der Moschee waren Freunde und Arbeitskollegen, die sich seit der Kindheit kannten. Nach dem Tode des Bruders verwandelte sich die Freundschaft in Feindschaft. Versöhnungsversuche zwischen den Familien scheiterten wiederholt.

Der vorsitzende Richter warf dem Beschuldigten vor, dass er die Geschichte mit dem Albtraum nicht bereits von Anfang an, sondern erst später erwähnte. Auch machte er auf Widersprüche zwischen den Aussagen der ersten und zweiten Gerichtsverhandlung aufmerksam. Dabei ging es vor allem um Äusserungen zum albanischen Gewohnheitsrecht. Während der Beschuldigte vor erster Instanz noch erklärte, die Familien hätten über die sogenannte Besa verhandelt, verneinte er dies in der Berufungsverhandlung.

Neues psychiatrisches Gutachten verlangt

Gegen Ende der dreieinhalbstündigen Befragung ging es um den Anklagepunkt betreffend Gefährdung des Lebens. Er habe nur das Opfer im Visier gehabt, die andern Betenden in der Moschee habe er nicht verletzen wollen und nicht gefährdet, betonte der Beschuldigte. Der Verteidiger beantragte in seinem Plädoyer ein neues psychiatrisches Gutachten, das vom Kantonsgericht bereits vor der Berufungsverhandlung mangels Relevanz abgewiesen wurde. Er erklärte, dass der Schuldspruch wegen Gefährdung des Lebens neu nicht mehr bestritten werde. Im vorliegenden Fall handle es sich unbestritten um eine schwere Straftat, bei der eindeutig Rache als Motiv im Spiel gewesen sei. Dies alles aber bedeute trotzdem nicht, dass ein Mord im Rechtssinne vorliege, da es auf die Umstände ankomme.

Beim Beschuldigten handle es sich um einen Mann mit eingeschränkter Intelligenz. Es müsse zwingend mit einem zweiten psychiatrischen Gutachten geklärt werden, ob eine verminderte Zurechnungs- und Schuldfähigkeit vorliege. Vieles deute darauf hin, dass der Beschuldigte paranoide Züge aufweise. Der unverschuldete Stellenverlust wegen Konkurs der Firma habe ihn aus der Bahn geworfen. Später habe eine Herzoperation seine Psyche belastet. Um ein korrektes Urteil zu fällen, brauche es die Beurteilung eines zweiten Gutachters.

Tat gezielt und skrupellos ausgeführt

Die Vorinstanz habe ein Urteil mit überzeugenden Ausführungen gefällt, betonte der Staatsanwalt. Es habe festgehalten, dass die Tat gezielt und skrupellos ausgeführt worden sei. Weil der Beschuldigte es nicht ertragen habe, dass das spätere Opfer nach dem Tod des Bruders straffrei geblieben sei, habe er Selbstjustiz verübt. Der Staatsanwalt lehnte das Einholen eines zweiten Gutachtens ab.

Das Urteil des Kantonsgerichts wird in den nächsten Tagen erwartet. Der vorsitzende Richter kündigte an, das Gericht werde zum Urteil eine Medienmitteilung veröffentlichen.


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