Sonja Nef fiebert mit Wendy, Lara und Co. mit

MÖRSCHWIL/PYEONGCHANG ⋅ Sonja Nef war um die Jahrtausendwende die beste Riesenslalomfahrerin der Welt. Zu Hause in Mörschwil fiebert sie mit der Ski-Nati in Pyeongchang mit.
09. Februar 2018, 20:39
Interview: Andreas Ditaranto

Am Samstag starten die ersten Wettkämpfe an den 23. Olympischen Winterspielen in Pyeongchang. Im 8812 Kilometer entfernten Mörschwil blickt die einstige Ausnahmeathletin Sonja Nef dem Grossanlass freudig-gespannt entgegen – die 45-jährige gebürtige Appenzellerin ist über all die Jahre hinweg eng mit der Ski-Nati verbunden geblieben. Dies nicht zuletzt, weil ihr Mann Hans Flatscher, mit dem sie seit 1994 liiert und seit 2011 verheiratet ist, seit über sechs Jahren das Schweizer Frauenteam trainiert.

Auch die beiden Töchter des Ehepaars, die elfjährige Sophia und die knapp zehnjährige Anna, die beide für den Skiclub Gossau fahren, fiebern jeweils mit «Papis Frauen» mit – vor allem mit Wendy Holdener und Michelle Gisin. Eine skibegeisterte Familie – der jüngste Spross Julian (4) brettert ebenfalls schon seit dem Alter von zwei Jahren den Hügel runter.
 

WM-Titel und Olympia-Bronze

Auch Sonja Nef zog es bereits mit zwei auf die Ski, mit acht drückte sie vor dem Fernseher ihrem grossen Idol Erika Hess die Daumen, mit sechzehn wurde sie ins C-Kader von Swiss Ski aufgenommen. Kaum eine kurvte so elegant um die (Riesen-)Slalomstangen wie Sonja Nef. Und ab der Jahrtausendwende auch kaum eine Skifahrerin so schnell; mit 15 Weltcupsiegen (zweimal gewann sie die Disziplinenwertung), dem WM-Titel 2001 in St.Anton und der Bronzemedaille an den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City sorgte Nef für viel Jubel bei Schweizer Skifans.
 

Noch immer ein Sonnenschein

Die Ostschweizerin galt als Sonnenschein im Ski-Weltcup. Dabei ging vergessen, wie hart Sonja Nef für ihre Erfolge kämpfen musste. Von Beginn an wurde sie durch Verletzungen zurückgeworfen und musste sich mehrmals am Knie operieren lassen. Als ihr Körper nicht mehr mitmachte, trat der Skistar 2006 unter Tränen zurück. Nach dem Ende ihrer Karriere konzentrierte sich Nef ganz auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau – ohne den Skizirkus aus den Augen zu verlieren.

Auf den Ski steht Sonja Nef immer noch, auch wenn das Knie keine hohen Belastungen mehr zulässt. Und an Ausstrahlung hat die frühere Siegfahrerin ohnehin nichts eingebüsst.

Sonja Nef, wie viele Medaillen holen die Schweizer Skifahrerinnen und -fahrer in Südkorea?
Sonja Nef:
Den Teamevent miteingerechnet, sechs bis sieben Medaillen. Gönnen würde ich es allen – alle arbeiten hart und ich freue mich immer sehr mit unseren Athletinnen und Athleten, wenn es klappt. Durch die Arbeit meines Mannes stehe ich ja immer noch in regem Kontakt mit den Fahrerinnen und kenne sie persönlich. Auch die eine oder andere Freudenträne werde ich wie bei Erfolgen im Weltcup oder Weltmeisterschaften wohl wieder verdrücken müssen...

Auf wen aus dem Swiss-Ski-Team würden Sie eine Olympia-Gold-Wette abschliessen?
(Lächelt) Bin ich eine Zockerin? Nun ja, vielleicht – man muss das Risiko schon lieben, wenn man Skirennfahrerin werden will. Jedenfalls würde ich sicher wie viele auf den Favoriten setzen – Gold für Beat Feuz in der Abfahrt. Eine grosse Medaillenanwärterin ist natürlich auch Wendy Holdener, doch schweren Herzens würde ich eher auf Silber tippen. Sollte sich Mikaela Shiffrin im Slalom keine gravierenden Fehler leisten, führt an ihr auch in Pyeongchang kein Weg vorbei.

Als Olympia- und WM-Medaillengewinnerin wissen Sie, worauf es am Tag X ankommt...
Gefragt sind mentale Stärke, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und volle Fokussierung auf das einzig Wichtige in dem Moment – so gut und und schnell wie möglich Ski fahren. Erfolge fährt man ein, weil man im Sommer und Herbst darauf hinarbeitet – «Glück» muss man erzwingen.

Somit braucht es keinen speziellen Glücksbringer von Ihnen für Ihren Mann Hans Flatscher und sein Team in Pyeongchang?
Nein, Hans ist eh kein bisschen abergläubisch – im Gegensatz zu mir. In meiner aktiven Zeit brauchte ich zur Rennvorbereitung schon das eine oder andere gleichbleibende Ritual.

Aufgrund der Zeitverschiebung werden die olympischen Skirennen bei uns mitten in der Nacht übertragen. Stellen Sie den Wecker, um die Rennen live am TV schauen zu können?
Während Hans’ Abwesenheit bin ich ja mit den Kindern alleine und kann mich über ein volles Programm von morgens bis abends nicht beklagen – da geht’s mir nicht anders als anderen Müttern auch. Aber zumindest für die Männerabfahrt und den Frauenslalom werde ich den Wecker wohl stellen und wenigstens mal kurz reinschauen und mitfiebern. Der «Gwunder» ist natürlich schon gross, wie die Schweizer in Südkorea abschneiden werden.

Kommen bei Ihnen selber bei Grossanlässen wieder vermehrt Erinnerungen hoch?
Meine Gedanken sind primär bei den Athletinnen und Athleten – gerade weil ich das Ganze schon mitgemacht habe. Das sind einzigartige Gefühle – ins Flugzeug steigen, die vielen Begegnungen, der Start, das Überqueren der Ziellinie, die Zeremonien. Olympia kann man mit nichts vergleichen!

Werden Sie und die Kinder trotz der Distanz und der Zeitverschiebung regelmässig Kontakt zum Familienvater haben?
Wir hören und sehen uns täglich – wie immer, wenn Hans als Teamverantwortlicher unterwegs ist. Wir haben hier zu Hause in Mörschwil extra Skype auf dem TV-Gerät eingerichtet.

Was würden Sie sagen, wenn eines Ihrer Kinder – alle drei sind begeisterte Skifahrer – Skirennfahrer werden möchte?
Wenn eines der Kinder tatsächlich mit 15 oder 16 den Wunsch äussern sollte, würden Hans und ich es natürlich nach Kräften unterstützen. Dass wir als Familie, so oft es geht, gemeinsam auf den Ski stehen, bedeutet in erster Linie aber nichts anderes, als dass wir wenn immer möglich gerne etwas zusammen unternehmen wollen.

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