Mit Sensoren den Menschen auf der Spur

Im weltweiten Wettbewerb um die besten Köpfe an den Hochschulen will die Universität St. Gallen den Forschungsstandort stärken. Dafür hat sie ein «Behavioral Lab» für Verhaltensforschung ausgebaut.
12. September 2017, 05:18
Bruno Knellwolf
Wird in der Schweiz über Forschung gesprochen, ist oft von der ETH Zürich oder Lausanne die Rede, die mit Aufsehen erregenden Ingenieursleistungen punkten können. Geforscht wird aber auch intensiv an der Universität St. Gallen. «Wir sind eine Wirtschaftsuniversität. Egal aus welcher Perspektive betrachtet, dreht sich die Forschung bei uns dementsprechend um Wirtschaft und Marketing», sagt Kuno Schedler, Prorektor Forschung & Faculty. Diese Forschungsleistungen lassen sich der breiten Öffentlichkeit aber weniger plakativ vermitteln als Studien aus der Raumfahrt oder der Medizin. Zu einem attraktiven Universitätsstandort gehört aber ein funktionierendes Forschungsumfeld. «Noch nie waren weltweit so viele Forscherinnen und Forscher an der Arbeit wie zurzeit», sagt Schedler an der gestrigen Jahresmedienkonferenz. Ein grosser Wettbewerb sei im Gange, bei dem es zum einen um die Darstellung der Forschung gehe und zum anderen um die Arbeit der Forscher selbst, die sich international präsentieren wollen.

Die Strategie des FC Barcelona

Forscher suchten sich an den Universitäten ihre Nischen, was leicht zu einer Verengung der Sichtweise führen könne. Damit die Forschung gesellschaftlich relevant sei, müsse sie aber international vernetzt sein. Um das und anderes zu gewährleisten, habe man an der Universität das Prorektorat Forschung & Faculty eingeführt. Dieses kümmere sich darum, dass sich die Forscher hier wohl fühlten und dementsprechend gute Leistungen brächten. Schedler vergleicht das mit der Strategie des FC Barcelona, der seinem Nachwuchs verspricht, Karriere machen zu können. «Den besten Nachwuchs ausbilden und dann die besten Spieler behalten.» Dafür werden den Nachwuchsforschern und den etablierten Wissenschaftern Hilfsangebote an der Universität St. Gallen gemacht. Wie profiliert man sich am besten mit einem Forschungsthema, wie findet man einen Mentor, wo publiziert man einen wissenschaftlichen Artikel und vieles mehr. Auch für die Familie des Forschers müsse gesorgt werden, wolle man die besten Kräfte in St. Gallen behalten, wie Monika Kurath, Direktorin Forschung & Faculty, erklärt. Immerhin findet die Forschung in St. Gallen in 41 Instituten und Centers statt. 98 Professoren, 81 Assistenten, 20 Dozierende sowie 675 Doktorierende sind daran beteiligt. Drei Millionen Franken werden pro Jahr in die eigene Grundlagenforschung gesteckt.

Sind auch einige Forschungsresultate aus der Universität St. Gallen der Öffentlichkeit schwer vermittelbar, von allgemeinem Interesse sind die Forschungen am «Behavioral Lab», durch das der Labor-Leiter Labinot Demaj führt. In verschiedenen Räumen kann hier Verhaltensforschung mit den modernsten technischen Hilfsmitteln betrieben werden. Der Arbeitsraum ist mit Kameras und Sensoren ausgerüstet, mit denen das Verhalten der Probanden aufgezeichnet und später analysiert werden kann. Wie in einem TV-Krimi können die Menschen von einem benachbarten Beobachtungsraum aus beobachtet werden – anonym hinter einem Spiegel.

So kann zum Beispiel erforscht werden, in welcher Zusammensetzung Teams am besten zusammenarbeiten. Wenn man zum ersten nur positiv eingestellte Leute zusammensetzt, zum zweiten nur negativ gepolte oder einen Mix daraus. Diese drei Versuchsgruppen können in diesem Raum unter Beobachtung zusammengeführt, gestresst und provoziert werden mit einem Spiel, in dem sie zusammen am Bildschirm eine Bombe entschärfen müssen. Noch haben die Forscher vom «Behavioral Lab» nicht ausgewertet, welche der drei Gruppen die Aufgabe am besten gelöst hat.

Den Forschern steht auch ein Eye-Tracker zur Verfügung. Anhand der Analyse der Pupillen-Bewegungen lässt sich Leseforschung machen, mit der eruiert werden kann, was auf einer Verpackung gelesen oder eben nicht gelesen wird. Oder wohin Menschen in einem Verkaufsregal der Migros schauen. Über diese Aufmerksamkeitsstudie lässt sich schliesslich das Verkaufsregal so klug wie möglich zusammenstellen, um den Verkauf zu lancieren.

Virtuell durch den Verkaufsladen gehen

Zum Labor gehört auch ein Virtual-Reality-Raum, der unter anderen vom Autobauer Audi genutzt wird. Virtuell lassen sich darin Verkaufsläden nachbauen, in dem man die Leute mit der VR-Brille nach Produkten suchen lassen kann. «In dieser Forschung stehen wir noch ganz am Anfang», sagt Demaj, der mit vier Mitarbeitern in diesem Forschungslabor arbeitet. Dieses steht allen Disziplinen und Fachrichtungen der HSG zur Verfügung, die von der Verhaltensforschung profitieren können. Zwar werde das Lab noch am meisten von BWL und Marketing genutzt. Aber auch für Juristen sei das Labor interessant, die wissen wollten, wie Menschen auf Gesetze und Urteile reagieren könnten. Bereits habe man im neuen Labor Kapazitätsengpässe. Die Bevölkerung sei übrigens eingeladen, sich an der Verhaltensforschung zu beteiligen. Freiwillige sind gesucht.


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