In St.Gallen sollen Ärzte und Pflegefachleute gemeinsam lernen

MEDICAL MASTER ⋅ Ab 2018 werden in St. Gallen die ersten Medizinstudierenden Praxiskurse besuchen. Schweizweit einzigartig: Sie sitzen mit Studierenden der Pflege gemeinsam im Unterricht. Damit sollen alte Rangordnungen aufgebrochen werden.
02. November 2017, 05:19
Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

ostschweiz@tagblatt.ch

Der geplante Medical Master in St. Gallen soll schweizweit einzigartig werden. Die Medizinstudierenden sollen ab 2020 nicht nur Kurse in medizinischer Grundversorgung am Kantonsspital St. Gallen belegen, sondern auch an der Universität St. Gallen (HSG) und an der Fachhochschule St. Gallen (FHS). An der HSG werden die angehenden Mediziner in Management & Governance unterrichtet, an der FHS in interprofessioneller Zusammenarbeit. Aussergewöhnlich an den Kursen der FHS: Die Medizinstudenten werden diese gemeinsam mit Studierenden der Pflege belegen. «Das gibt es bislang hierzulande noch nicht, dass die Studierenden zusammen körperliche Untersuchungen und Diagnosen lernen», sagt Birgit Vosseler, Fachbereichsleiterin Gesundheit und Pro­rektorin an der FHS. Vosseler sitzt zusammen mit Vertretern der HSG, des Kantonsspitals St. Gallen, des Ostschweizer Kinderspitals und der Geriatrischen Klinik St. Gallen in der Curriculum-Arbeitsgruppe, die für die Inhalte des Medical Master verantwortlich ist.

Höhere Kosten, komplexere Krankheiten

Zu den wichtigsten Zielen gehören laut Vosseler, Medizin und Pflege näher zusammenzurücken und die Hierarchie zwischen diesen Fachbereichen aufzubrechen. Dies sei notwendig, weil sich die gesellschaftlichen Anforderungen veränderten, die Menschen älter und die Krankheiten komplexer werden. Auch die Gesundheitskosten würden weiter massiv steigen, wenn es künftig kein gemeinsames System Medizin-Pflege gebe. Über 80 Studienanwärterinnen und -anwärter hat dieses neue Konzept überzeugt: Sie alle meldeten sich in diesem Frühjahr für ein Medizinstudium im sogenannten «St. Galler Track» an. 41 Studierende haben einen Platz bekommen und bereits in diesem Herbstsemester ihr Bachelorstudium an der Universität Zürich begonnen. In drei Jahren werden sie dann für den Master nach St. Gallen wechseln.

Bislang blieb bei der öffentlichen Diskussion um den Medical Master ein wichtiges Detail unerwähnt: Die Medizinstudierenden werden bereits während der Bachelorausbildung, also ab kommendem Jahr, einmal pro Woche Praxiskurse in St. Gallen belegen. «Es hätte keinen Sinn gemacht, dass Studierende, die interprofessionell ausgebildet werden sollen, erst im Masterstudium zu uns stossen», sagt Vosseler. Daher freue sich die Arbeitsgruppe, dass es in Absprache mit der Universität Zürich möglich geworden sei, bereits Bachelorstudierende an einem Tag in der Woche nach St. Gallen zu holen.

Von der Diagnose zur Patientengeschichte

Im Zentrum der interprofessionellen Ausbildung werden nicht mehr nur Organe, Krankheiten und Diagnosen stehen, sondern Patientengeschichten sowie Krankheits- und Pflegeverläufe in verschiedenen Lebensphasen. Um zu verdeutlichen, was man sich darunter vorstellen muss, nennt Vosseler als Beispiel ein neugeborenes Baby mit Herzfehler. Die Medizin- und Pflegestudierenden werden im Rahmen eines betreuten Praxismodules gemeinsam lernen, das Baby zu behandeln und zu begleiten. Im zweiten Bachelorjahr werden sie die Herztöne des Babys abhören, darüber diskutieren und gemeinsam eine Diagnose stellen. Zu der Aufgabe der Pflege gehört beispielsweise die Aufgabe, die Eltern im Umgang mit dem Baby zu schulen, während seitens der Medizin die Behandlung festgelegt wird. Auch dabei sollen sich die Studierenden absprechen. Im dritten Bachelorjahr wird es im Praxismodul wiederum um denselben Herzfehler gehen. Allerdings ist das Baby nun ein Jugendlicher. Dann wird es darum gehen, wie Ärzte und Pflegende den Jugendlichen dabei unterstützen können, die Krankheit zu akzeptieren. Zudem sollen sie ihm helfen, mit der Krankheit umzugehen und Lebensqualität zu schaffen. In jedem weiteren Studienjahr werden auf diese Weise verschiedene interprofessionelle Themenblöcke rund um die Krankheit aufgegriffen und vertieft.

Insgesamt werden die Medizin- und Pflegestudierenden gemeinsam zwölf verschiedene Krankheitsbilder in den verschiedenen Lebensphasen der Patientinnen und Patienten behandeln. Solche gemeinsamen Kurse und Praxismodule werden rund ein Fünftel des gesamten Studiums ausmachen.

Kanada und Niederlande als Vorbilder

Obwohl die Schweiz eines der besten Gesundheitssysteme weltweit hat, hinkt sie laut Vosseler im Bereich der Interprofessionalität stark hinterher. Viel weiter seien diesbezüglich die Niederlande und Kanada. «In Kanada gibt es bereits seit den 1960er-Jahren interprofessionelle Studiengänge und gemeinsame Bachelorabschlüsse», sagt sie. Wichtig sei es in diesem Zusammenhang auch, dass die zukünftigen Ärzte an der Universität St. Gallen in Management & Gover­nance ausgebildet werden. «Die Ärztinnen und Ärzte werden immer enger mit Organisationen wie der Spitex, palliative Care oder Rehabilitationseinrichtungen zusammenarbeiten. Eine Ärztin oder ein Arzt muss heute wissen, was das alles kostet.»

Drei grosse Schritte sind es noch bis zum Medical Master in St. Gallen: Bis Ende Jahr werden die Inhalte des Curriculums erarbeitet und anschliessend der St. Galler Regierung vorgelegt. Segnet diese das Konzept ab und sagt das St. Galler Stimmvolk 2018 Ja zum Medical Master, muss der Studiengang noch mit der Universität Zürich akkreditiert werden. Dies ist nötig, weil St. Gallen in Kooperation mit der medizinischen Fakultät der Universität Zürich den Studiengang anbietet und der Studiengang seitens der Wissenschaft überprüft und zugelassen werden muss.


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