«Man wollte die Herkunft vertuschen»

GLOBUS ⋅ Dank optischer und radiografischer Analyse wurde das Geheimnis um die Herkunft des berühmten St. Galler Globus gelüftet. Möglich geworden ist das durch den Sensationsfund eines Aargauer Kochs: Das Pergament hat jahrelang auf seinem Estrich gelegen.
22. September 2017, 06:46
Bruno Knellwolf

Bruno Knellwolf

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Am Anfang der Geschichte steht ein Koch aus dem Aargau. Dieser hatte um das Jahr 2000 herum in einer Brockenstube der Heilsarmee ein hübsches Pergament gefunden, auf dem ein farbiger Globus abgebildet ist. Für ein paar Franken kaufte der Koch das Bild, hängte es in seine Stube und räumte es später in den Estrich. Bis er eines Abends im Schweizer Fernsehen einen Bericht vom Kulturgüterstreit zwischen den Kantonen St. Gallen und Zürich sah. Darin wurde das Streitobjekt, der St. Galler Globus, gezeigt, der während des Toggenburger Kriegs 1712 von den reformierten Zürcher Truppen geraubt worden war und noch heute im Landesmuseum in Zürich steht.

Der Koch realisierte, dass der Erd- und Himmelsglobus auf seinem Pergament gleich aussah wie der 2,3 Meter hohe Globus, dessen Kopie in der St. Galler Stiftsbibliothek steht. Über einen Historiker fand das Pergament den Weg zu Jost Schmid, Leiter Abteilung Karten und Panoramen der Zentralbibliothek Zürich. Der gebürtige Arboner erkannte schnell, dass es sich beim Pergament um einen Sensationsfund handelte. Die Zentralbibliothek Zürich kaufte dem Oltner Koch das historische Bild ab – seither wird emsig daran geforscht.

Bald erkannte Jost Schmid, dass es sich beim Pergament um eine Art Verkaufsprospekt gehandelt haben muss. Diese Verkaufs-Vorschau wurde erstellt, bevor der damalige St. Galler Fürstabt den Globus im Jahr 1595 gekauft hatte. Dank des Sensationsfunds konnte festgestellt werden, wie der St. Galler Globus ursprünglich ausgesehen hat. Und auch, wie die Kurbel und der Zeiger im Original konstruiert waren. Aufgrund der Handschrift auf der Rückseite des Kalbspergaments konnte der Geograf Schmid im Laufe der Forschungsarbeiten erkennen, dass es sich bei der Schrift um eine Notiz eines St.Gallischen Stiftsarchivars aus dem 17. Jahrhundert handeln muss.

Röntgenanalyse und Infrarot-Reflektografie

Noch brennender als solche Details interessierte die Forscher aber die Herkunft des umstrittenen St. Galler Globus. Diese ist nun mit technischen Mitteln, einer Röntgenanalyse und Infrarot-Reflektografie durch die Firma Art Conservation, definitiv geklärt worden. Für diese Forschung haben sich die Stiftsbibliothek, die Zentralbibliothek und das Schweizerische Nationalmuseum zusammengeschlossen. Die Freunde der Stiftsbibliothek haben die radiografische Analyse finanziert.

Hatte man noch bis vor dem Pergamentfund angenommen, der Globus stamme aus dem süddeutschen Raum, aus Konstanz oder Augsburg, ist jetzt klar, dass das Schmuckstück aus Norddeutschland stammt und vom Globenbauer Tilemann Stella (1525–1589) hergestellt wurde. Der Geograf und Bibliothekar hat am Mecklenburgischen Hof in Schwerin gearbeitet. Herausgefunden hat man das aufgrund dreier zeitgenössischer Porträts, die auf dem originalen Globuskorb überklebt und übermalt worden sind. «Ein Porträt zeigt den gelehrten St. Galler Mönch Iso aus dem 9. Jahrhundert. Dieser wurde erst in St. Gallen draufgemalt», sagt Jost Schmid. Genauso wie der antike Archimedes, dem einst ein anderes Porträt gewidmet worden war.

Doch warum wurden die ursprünglichen Porträts übermalt? «Primär ging es darum, die reformatorische Herkunft der gezeichneten Menschen zu vertuschen. Zweitens darum, den Globus zu einem St. Galler Objekt zu machen», sagt Schmid. «Unter Archimedes hat man mit der Infrarot-Reflektografie David Chytraeus gefunden, der als Theologe in Rostock unterwegs war.» Der andere war der protestantische Gelehrte Gerhard Mercator, ein damals weitherum bekannter Kartograf, sowie der Globus-Erbauer Stella. Auf dem dritten, nun aus der Versenkung geholten, Porträt ist schliesslich der junge Herzog Johann VII. von Mecklenburg zu sehen, der mit dem Bild von Mönch Iso übermalt worden ist.

Versteckte reformierte Persönlichkeiten

Aufgrund dieser versteckten historischen Persönlichkeiten mit reformiertem Hintergrund aus Norddeutschland ist klar, dass der Globus Ende des 16. Jahrhunderts in Schwerin hergestellt worden ist, wo Tilemann Stella im Dienste des Herzogs Johann Albrecht I. zu Mecklenburg gestanden hat. Wie Jost Schmid in der «Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte» schreibt, waren zwei Arbeitsschritte nötig, um den Erd- und Himmelsglobus fertigzustellen. 1576 war er bis auf einige wenige Dekorarbeiten fertig. Der Mecklenburger Herzog verstarb jedoch 1576 nach einer kurzen Krankheit, weshalb seine Widmung auf dem Globus fehlt. Sein Sohn, Johann VII., hat sich wohl deshalb rund 15 Jahre später in einem der übermalten Porträts abbilden lassen und sich damit zum Auftraggeber und Besitzer des Werkes gemacht.

Schmid nimmt an, dass Stella etwa zwei Jahre am St. Galler Himmelsglobus gearbeitet hat. «Wahrscheinlich wurde das Bauprojekt 1574 begonnen.» Darauf lässt unter anderem die Kopie eines Kupferstichs der Seeschlacht von Lepanto schliessen, die 1571 stattgefunden hat. Als Herzog Johann VII. im Jahr 1592 starb, war das Herzogtum stark verschuldet. Das Eigentum der Herzoginnenwitwe und deren Kinder wurde veräussert. Dies war wohl der Grund, weshalb kurz nach dem Tod des Herzogs zuerst ein aufwendiger Verkaufsprospekt zum Erd- und Himmelsglobus gemacht wurde, welcher schliesslich im Estrich des Kochs landete. Und auch, weshalb der Globus über den Konstanzer Apotheker Lukas Stöckli den Weg in die Fürstabtei St. Gallen fand, wo man keine Freude an den reformierten Porträtierten hatte.


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