Leuchtende Visitenkarte der Stadt

ST.GALLER BAHNHOFPLATZ ⋅ Am neugestalteten St. Galler Bahnhofplatz sollen künftig Ankunfts- und Wartehallen sowie die dezent beleuchteten Gebäudefassaden die nächtliche Erscheinung prägen. Von den wenigen Leuchtreklamen dürften einige erhalten bleiben.
22. August 2017, 18:28
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener

@tagblatt.ch

Soll die überdimensionierte Bratwurst am St.Galler Bahnhofplatz auch in Zukunft leuchten? Und was ist mit der riesigen Strumpfhose? Hypothetische Fragen, denn selbstverständlich gibt es weder das eine noch das andere: Anders als jener spanische Sherryproduzent, dessen legendäre Leuchtreklame seit sage und schreibe 1936 am Puerta del Sol im Herzen Madrids prangt, haben St.Galler Metzger oder Textiler ihre berühmten Marken nie als Leuchtwerbung dem bedeutendsten Platz der Stadt aufgeprägt.

Mit einer historischen Ausnahme: In den 1940er-Jahren warb auf dem Dach des um 1950 abgebrochenen Hotels Bahnhof die frühere St.Galler Strumpffabrik Perosa – prominent, wenn auch nur mittels Schriftzug. Und natürlich hat die Ostschweizer Metropole ihre ureigene, schweizweit bekannte Neonreklamen-Ikone: Die 1946 installierte Leuchtschrift «Chocolat Maestrani» prägt den Bahnhof, wenn auch nicht auf dem Platz, sondern im Innern, auf der östlichen Stirnseite der Perronhalle.

Nun ist St.Gallen nicht Madrid, und sein Bahnhofplatz auch nicht mit dem Picadilly Circus in London oder dem Times Square in New York vergleichbar, den berühmten Leuchtstätten kommerzieller Werbung, ganz zu schweigen von asiatischen Grossstadtplätzen wie etwa in Tokio. Im Gegensatz zu jenen Orten glamouröser Stadtverheissungen – Le Corbusier schwärmte einst in Manhattan von der «herrschenden Elektrizität: dynamisch, explosionsartig, fliessend und wie ein Feuer prasselnd» – präsentiert sich der St.Galler Bahnhofplatz in der Nacht mit ostschweizerischem Understatement, auch was die Leuchtreklamen angeht: Die wenigen Neonschriftzüge gelten Marken der Hauseigentümer und Mieter: Axa Winterthur (zweimal), Schützengarten, Heineken, Universal Job, Appenzeller Käse – damit hat es sich.

Nicht Leuchtreklamen, sondern Wartehallen prägen das Licht

Man kann sich jetzt, da der Bahnhofplatz langsam seine neue Gestalt annimmt, fragen, was da künftig leuchten soll am meistfrequentierten Verkehrsknotenpunkt der Ostschweiz. Täglich 80000 Menschen verkehren hier, viele davon in Dämmerungs- oder Nachtstunden. Sie sollen den grossen Platz, der 1907 nach dem Vorbild der Piazza delle Erbe in ­Verona gestaltet wurde (aber nie jene Italianità erreichte, wie Kritiker seit jeher monieren), auch in der Dunkelheit neu erleben. Dabei spielen die Leuchtreklamen allerdings nur eine marginale Rolle: Die prägendsten Lichtkörper auf dem künftigen Platz sind die von innen heraus leuchtenden Buswartestellen und die gläserne Bahnankunftshalle, die mit kaltweissem Licht laut dem Beleuchtungskonzept «klare Akzente setzen». Dazu kommt die Grund- und Raumbeleuchtung in warmweissem Licht: Seilleuchten über den Strassen, Lichtstelen in den Aufenthaltszonen und von Projektoren beleuchtete Fassaden, die den Platzraum klar definieren und «für eine homogene Erscheinung sorgen» sollen.

Die Leuchtreklamen, die mit einer Ausnahme nur an den in den 1950er-Jahren gebauten Geschäfts- und Hotelbauten «Walhalla» und «Metropol» hängen, werden im Konzept der zuständigen Zürcher Beleuchtungsplaner Königslicht nicht einmal genannt. Und die Hauseigentümer haben sich «mit dem Thema noch nicht beschäftigt», wie es bei den Verantwortlichen der Schützengarten (Metropol) und Axa Winterthur (Walhalla sowie Liegenschaften zwischen Me­tropol und Südostbahn, wo demnächst das vegane Restaurant Tibits eröffnet) übereinstimmend heisst. Beim lokalen Bierproduzenten geht man davon aus, «dass wir unsere Werbung in dieser Form behalten». Bei der Versicherung steht derzeit die Baueingabe für die umfassende Walhalla-Sanierung (2018) im Vordergrund; im Hinblick darauf hat man den bisherigen Reklamen-Mietern gekündigt. Über künftige Reklamen und allfällige Werbeflächen müsse man ­diskutieren, heisst es in Winterthur. Von der Kündigung betroffen ist die Firma Appenzeller Käse, die am Walhalla-Geschäftsbau seit gut 20 Jahren warb, weil sie früher dort ihre Geschäftsstelle hatte. Ob die regionale Marke den laut einer Sprecherin «nicht uninteressanten Werbeplatz» wieder für sich reklamieren will, ist noch offen.

Rücksicht auf Raumwirkung und denkmalgeschützte Bauten

Die Stadt interessiert der nächtliche Bahnhofplatz als leuchtende Visitenkarte – mit oder ohne Leuchtreklamen als Bestandteil der Fassadenbeleuchtung. Anfang September findet laut Stadtingenieur Beat Rietmann eine weitere «Testbeleuchtung» statt, namentlich an der spiegelnden Metallfassade des «Walhalla». Ob diese, wie vorgesehen, nicht direkt, sondern wie das Rathaus nur durch Reflexionen der umliegenden Gebäude beleuchtet wird, ist zu klären. Offenbar sind noch nicht alle privaten Liegenschaftsbesitzer vom zurückhaltenden Lichtkonzept gleichermassen überzeugt – dezent könne schnell «ins Sterile kippen», meint einer. Die Leuchtreklamen unterstehen dem Amt für Baubewilligungen. Den Bedürfnissen der Mieter sei Rechnung zu tragen, sagt dessen Leiter Ivan Furlan, doch begrüsse man gemäss Reklamereglement an den zumeist denkmalgeschützten Ensembles rund um den Bahnhofplatz eine Struktur und Ordnung der Reklamen innerhalb des Gebäudes. Verträglich und nicht beliebig lauten Stichworte. Allzu aufgeräumt dürfe der Bahnhofplatz als «sehr dynamischer, urbaner Ort» allerdings nicht wirken, meint Stadtbaumeister Hans­ueli Rechsteiner. Und zu viel Design könne provinziell wirken – sich selber sein statt Grosse nachahmen, heisst die Devise.


Leserkommentare

Anzeige: