Lenins Helfer aus St.Gallen

FRITZ PLATTEN ⋅ In der Ausstellung im Landesmuseum zur Russischen Revolution wird auch an einen Mann erinnert, der nahezu vergessen ist – und der Lenins Reise erst möglich gemacht hat.
07. Juni 2017, 07:17
Rolf App

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Am 9. April 1917 machen sie sich auf den Weg. 32 Personen sind es, vorwiegend Russen, aber der Schweizer Fritz Platten führt sie an. Er hat ausgehandelt, dass Lenin & Co. im plombierten Eisenbahnwagen durch Deutschland reisen, dass es zwar Zoll-, aber keine Passkontrollen gibt. Sein SP-Genosse Robert Grimm hat zwar betont, Fritz sei ein aufrichtiger Revolutionär, aber ein schlechter Diplomat. Doch Lenin schlägt diese Kritik eines ihm tief suspekten, weil viel zu wenig revolutionären Sozialdemokraten in den Wind. Er will zurück, will in der Heimat die Revolution verwirklichen. Da kommt ihm dieser Mann gerade recht, der auf dieser Reise bekennt: «Ich bewundere die Kraft Ihres Glaubens, mit ­welchem Sie den Sieg voraussehen.»

Sie hat ihn weit weg von seiner Heimat gebracht. Geboren wird Fritz Platten nämlich am 8. Juli 1883 in St. Fiden, heute ein Stadtteil St.Gallens, als Sohn eines Arbeiters, der aus Westfalen eingewandert ist. Gegenüber der Kommunistischen Internationalen (Komintern) beschreibt Platten ihn als «Arbeiter, Sozialdemokrat», die aus dem Toggenburg stammende Mutter als «Magd, Analphabetin». Die Familie ist arm, viele Kinder sind zu versorgen. 1890 zieht sie nach Zürich, hier macht Fritz Platten die Schlosserlehre. Nach einem Streik wird er entlassen, schliesst sich der Emigrantenorganisation «Internationale Sozialisten» an und lernt russische Emigranten kennen. In ihrem Dienst reist er 1906 nach Riga und wird verhaftet. Sechs Jahre später steht er im Zürcher Generalstreik an vorderster Front und wird Sprecher der Parteilinken. Er gehört auch dem Oltner Komitee an, das im November 1918 einen landes­weiten Generalstreik organi-siert.

Fritz Platten rettet Lenin vor einer Kugel

Und: Wie kein zweiter bleibt er der Russischen Revolution verbunden, fasst Peter Huber in «Stalins Schatten in der Schweiz» Plattens weiteren Weg zusammen. «Zwischen 1917 und 1919 reist er dreimal unter abenteuerlichen Umständen ins revolutionäre Russland; bei einem fehl­geschlagenen Attentat im Januar 1918 soll er Lenin das Leben gerettet haben.» Auf Lenins Auto wurde geschossen, dabei habe, so der Untersuchungsbericht, Platten Lenins Kopf mechanisch nach unten gedrückt, und «die Kugel glitt über den Finger von Plattens Hand». 1919 schlägt auch Fritz Plattens grösste Stunde. An der Seite von Lenin prä­sidiert er den Gründungskongress der Komintern. Das Schlussbild zeigt ihn zusammen mit Lenin, Sinowjew, Bucharin und Trotzki – jenen Revolutionären also, die nach Lenins Tod 1924 und nach der Machtergreifung Stalins ins Fadenkreuz der Verfolgung geraten. Und mit ihnen dann auch Fritz Platten, der sich, nach einer kurzen Karriere als Mitbegründer der Kommunistischen Partei der Schweiz und vier Jahren im Nationalrat, dauerhaft in Russland niedergelassen hat.

«Was bedeuten hunderttausend Tote im Namen des Proletariats, wenn damit ein jahrhundertelanges Glück der Proletarier geschaffen werden kann», ruft der charismatische Redner 1919 am SP-Parteitag aus. Zwischen 1934 und 1939 wird im stalinistischen Terror eine halbe Million Parteimitglieder hingerichtet, vier bis fünf Millionen landen im Gefängnis. Unter ihnen Fritz Platten. Das Schreiben eines gewissen A. W. Pollak an die Kommunistische Partei gibt im Oktober 1936 den letzten Anstoss. Es rät, diesen Mann zu überprüfen, der 1926/27 im Moskauer deutschen Klub «einer der verbissensten Trotzkisten» gewesen sei. Die Russen leben in tiefer Angst vor den Verfolgungen. Noch gefährdeter sind die Ausländer. Schon einmal, 1928, hat Platten sich von Sinowjew und Trotzki losgesagt. Als 1936 die ersten Moskauer Schauprozesse stattfinden, stimmt er in Briefen an die Schweizer Arbeiter den Todesurteilen vorbehaltlos zu, beschwört die «Reinheit und Geschlossenheit der Partei». Nur mit eiserner Disziplin könne sie ihre historische Mission erfüllen. Es ist eine Haltung, die in der Ausstellung im Landesmuseum auch der 2012 verstorbene englische Historiker Eric Hobsbawm beschreibt, der erst 1956 vom Sowjetkommunismus abgerückt ist. «Der Partei war zu gehorchen, auf jeden Fall.»

Plattens Leben endet im Straflager

Zuerst wird Plattens Frau verhaftet (und später erschossen), 1938 er selber. Man presst ihm unter Folter das Geständnis ab, er sei polnischer Spion gewesen, vor Militärgericht widerruft er es. Verurteilt wird Fritz Platten zu vier Jahren Lagerhaft wegen «illegalen Waffenbesitzes». Es geht um eine Waffe, die ihm einst Lenin geschenkt hat. Als die Sache im Westen bekannt wird, gehen die Schweizer Kommunisten, deren begabtester Redner er gewesen ist, eilig auf Distanz zu Platten. Unter den Sozialdemokraten setzt sich einzig der Zürcher Ständerat Emil Klöti für ihn ein. Im Lager bei Archangelsk, wohin er gebracht wird und wo er 1942 erschossen wird, beschreibt ihn der deutsche Lagerarzt Louis Rautenberg als einen Menschen «von solcher Herzensgüte, solcher Hilfsbereitschaft, wie ich solchen bis dahin in meinem Leben nie kennengelernt hatte». «Während des Krieges 1914–1918 befand ich mich im Zentrum der Ereignisse in der Schweiz und arbeitete ­ Seite an Seite mit Lenin», schreibt er im Juni 1940 an seine Freundin. «Ich ertrage es schwer, dass ich mich jetzt mit solchen Dingen beschäftigen muss wie dem Übergipsen von Holzschindeln.»


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