«Leistung der Kirchen wird kaum wahrgenommen»

PODIUM ⋅ Wie passen Politik und Religion in der heutigen Zeit zusammen? Darüber haben Vertreter aus Politik, Theologie und Literaturwissenschaft im Rahmen des Reformationsjubiläums diskutiert.
24. November 2017, 05:20

Öffentlich über seinen Glauben diskutieren, ohne dafür belächelt zu werden: Das müsse das Ziel in unserer Gesellschaft sein, lautete das Fazit des Podiums «Glaube, Politik, Gerechtigkeit – Haben sich die Bibel und die Politik noch etwas zu sagen?». Darüber diskutiert haben im Rahmen des Reformationsjubiläums Ulrike Landfester, Prorektorin der Universität St. Gallen, Regierungsrat Martin Klöti, Martin Gehrer als Präsident des Administrationsrates des Katholischen Konfessionsteiles, Dompfarrer Beat Grögli, Martin Schmidt, Präsident der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen, und Gust Ledergeber, Präsident der Evangelischen Allianz und Pastor in der «Stami, Kirche, die bewegt». Rund 30 Personen waren am Mittwoch in den Hofkeller in St. Gallen gekommen, um zu sehen, wie Politik, Theologie und Literaturwissenschaft die Grenzen zwischen Religion, Glaube und Politik ausloteten. Es ging dabei auch um Vergleiche zu den USA, wo Parlamentarier Bibelkurse belegen, um Bundespräsidentin Doris Leuthard, die in ihrer Neujahrsansprache «Gottes Segen» wünschte, und um die Funktion christlicher Werte in Zeiten der Globalisierung.

Moschee in Wil als positives Beispiel

Martin Klöti plädierte für den interreligiösen Dialog und betonte die Wichtigkeit, anderen Religionsgemeinschaften wertfrei und auf Augenhöhe zu begegnen. Er erwähnte als positives Beispiel die Moschee in Wil und deren vereinenden Charakter. Er zollte zudem Respekt dafür, wie die Gemeindemitglieder in Eigeninitiative solch einen Bau umgesetzt haben.

In diesem Zusammenhang erwähnte Martin Gehrer, wie erschütternd es sei, dass kaum wahrgenommen wird, was die beiden Landeskirchen für das Gemeinwohl tun. Dem stimmten Martin Schmidt und Beat Grögli zu: Die fünf Prozent Muslime in der Schweiz würden von Medien und Öffentlichkeit mehr wahrgenommen als die 70 Prozent Christen. An diesem Punkt müsse man ansetzen. Öffentlich diskutieren und die Politik mit einbeziehen, wie es während des Reformationsjubiläums vielerorts im Kanton getan wird, ist laut Schmidt der erste Schritt in diese Richtung.

«Wir haben verlernt zu sagen, was richtig ist»

Für einen Bibelkurs für St. Galler Parlamentarier nach amerikanischem Vorbild sprach sich niemand aus, obwohl sich Schmidt überzeugt zeigte, das diese Idee funktionieren könne, wenn sie gut umgesetzt würde. Dem stimmte auch Ulrike Landfester zu. Es komme immer darauf an, wie man den Zugang zur Bibel vermittle. Sie könne als Zeugnis von Menschen gelesen werden, die ihre Regeln für das Zusammenleben niederschrieben. «Dieses Argument überzeugt auch meine Studierenden, sich mit der Bibel auseinanderzusetzen, und stösst gerade in jüngerer Zeit zunehmend auf offene Ohren», sagte sie und fügte an: «Wir haben verlernt zu sagen, was richtig ist und was nicht.»

Gust Ledergerber sieht die Hauptaufgabe der Kirche darin, den Menschen wieder Werte zu vermitteln, was eine grosse Herausforderung sei in Zeiten, in denen Glaube ein Tabuthema sei. «Glaube und Religion können gerade gebrochenen Menschen helfen.» Das könne der Staat genauso, warf Martin Klöti ein. «Man kann Gotteshand ja nicht erst reichen, wenn jemand gescheitert ist.» Konsens herrschte bezüglich Doris Leuthards «Gottes Segen». Dies werteten die Podiumsteilnehmer als positives Zeichen.

Nina Rudnicki

ostschweiz@tagblatt.ch


Leserkommentare

Anzeige: