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Tagblatt Online, 03. August 2010 01:03:36

Wie Rentner ausgenutzt werden

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Werner Hess – in seinen Händen eine jener Einladungen, die mit leeren Versprechungen locken. (Bild: Bild: Martina Brassel)

TROGEN. Veranstalter von Werbefahrten treiben in der Region ihr Unwesen. Sie versprechen älteren Menschen Geschenke und laden sie auf Kaffeefahrten ein. Werner Hess aus Trogen ist mit einem blauen Auge davongekommen.

Martina Brassel

Es ist Donnerstag, 22. Juli, 6.50 Uhr: Werner Hess wird am Bahnhof von einem Reisecar abgeholt. Er freut sich bereits seit Wochen auf den Ausflug in eine Käserei – angeboten von der Firma DVA Delta Vital AG mit Sitz in Oetwil an der Limmat. «Ich dachte, es wäre interessant, einmal eine Käserei zu besichtigen», erinnert sich der 87jährige Rentner.

Das ist aber nicht der einzige Grund, warum er an der Werbefahrt teilnimmt: Ihm sind zusätzlich Geschenke, ein Gewinn und ein Mittagessen versprochen worden.

Am Morgen kurvt der Car quer durch die Ostschweiz, überall werden ältere Leute abgeholt. «Ich habe mich nicht mit den anderen unterhalten», so Werner Hess. Irgendwann sei aber jemand zu ihm gekommen und habe ihn gebeten, ein Formular an zwei Stellen zu unterschreiben.

Dass er damit seine Unterschrift unter einen Kaufvertrag für ein Blutdruckmessgerät, eine Therapie und eine Digitalkamera im Wert von 1848 Franken gesetzt hat, wird dem Rentner erst später klar. Die Reise geht weiter. Um die Mittagszeit hält der Reisecar an. «Wir haben etwas zu essen bekommen», so Werner Hess. Eine Käserei ist bis zu diesem Zeitpunkt nicht besichtigt worden. «Dann haben sie angefangen, Geschenke zu verteilen.» Weil ihm das Ganze doch allmählich suspekt vorkommt, verlässt der 87-Jährige die Gruppe und will zu Fuss nach Hause gehen. Stunden später findet ihn ein Mann in der Nähe von Bischofszell, abends um 21 Uhr ist Werner Hess wieder zu Hause in Trogen.

Am nächsten Morgen klingelt es: Ein Lieferant der DVA Delta Vital AG steht mit den «bestellten» Gegenständen vor der Tür von Werner Hess. Zufällig ist sein Sohn Stefan Hess vor Ort. Der Lieferant will die Gegenstände aushändigen und dafür die 1848 Franken kassieren. «Ich habe ihm klargemacht, dass mein Vater diesen Betrag nicht bezahlen und vom Vertrag zurücktreten wird», so Stefan Hess. Nach langem Hin und Her habe der Lieferant die Sachen ohne Geld wieder mitgenommen. Später hat der Sohn den Vertrag schriftlich gekündigt.

Hohe Dunkelziffer

Die Geschichte von Werner Hess ist kein Einzelfall. «Seit Jahren werden ältere Leute gezielt auf Werbefahrten eingeladen.

Oft wird ihnen im voraus ein Gewinn versprochen», weiss Ueli Frischknecht, Mediensprecher der Kantonspolizei Appenzell Ausserrhoden. Die Adressen hätten die Firmen aus Wettbewerbsformularen.

«Die älteren Leute nehmen an diesen Fahrten teil, erhalten ein Geschenk und fühlen sich verpflichtet, etwas zu kaufen», so Ueli Frischknecht. Die Dunkelziffer in solchen Fällen ist hoch. Oft erstatteten die Opfer keine Anzeige, weil sie sich schämten und nicht darüber sprechen wollten.

Dazu kommt: «Straf- oder zivilrechtlich gegen solche Firmen vorzugehen ist schwierig, ein Straftatbestand oft nur schwer nachweisbar.» Der Grund: Die älteren Leute erinnern sich nicht mehr an Namen oder andere Details, die für eine Verurteilung notwendig wären. Dies zeigt auch der Fall von Werner Hess.

Nächste Fahrt steht bevor

Werner Hess fühlt sich über den Tisch gezogen. Auch wenn der Rentner aus Trogen noch mit einem blauen Auge davongekommen ist. Für die nächste Werbefahrt – eine Reise ins Tessin – hat er sich bereits vor Wochen angemeldet. «Da bekäme ich 1200 Franken und einen Mercedes», so der Rentner. Liest man das Kleingedruckte auf der Einladung, wird klar, dass auch diese Reise nichts anderes ist als ein weiterer Versuch, an das Geld des 87-Jährigen zu kommen. «Ich werde da sicher nicht hingehen», sagt Werner Hess heute. Er hat seine Lehren gezogen.

Immer wieder fallen aber Hunderte von älteren Menschen auf die Tricks von Firmen wie der DVA Delta Vital AG herein. Diese wollte auf Anfrage zum Fall keine Stellung beziehen. Die Dame am anderen Ende der Leitung reagierte genervt und beendete das Gespräch nach wenigen Minuten abrupt.





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