Jörg Kachelmann, 04. September 2010 14:22:00
Ab Montag vor Gericht
Jörg Kachelmann
Jörg Kachelmann am 29. Juli 2010: Der Schweizer Meteorologe wird aus der Untersuchungshaft entlassen. Ob er zurück ins Gefängnis muss, wird der Prozess zeigen. Mit einem Urteil wird im Oktober gerechnet. (Bild: Bild: ky)
BERLIN. Jörg Kachelmann muss sich vor dem Landgericht Mannheim verantworten. Er steht unter Verdacht, seine langjährige Freundin vergewaltigt zu haben. Kachelmann bestreitet die Tat. Zum Prozess sind viele Gutachter und Zeugen geladen.
Fritz Dinkelmann
Es gibt Rechtsexperten, die sich wundern, dass Jörg Kachelmann schon jetzt der Prozess gemacht wird – nur rund fünf Monate nach seiner Verhaftung im März auf dem Frankfurter Flughafen. Namenlose Beschuldigte, denen Vergleichbares vorgeworfen wird wie dem Schweizer Wetterexperten, müssen in der Regel deutlich länger in Untersuchungshaft auf die Gerichtsverhandlung warten.
Steht Kachelmann vielleicht schon jetzt vor Gericht, weil seine Fangemeinde im Verbund mit manchen Medien Druck auf die Justiz ausgeübt hat?
Es gibt andererseits Experten, die folgendes sagen: Kachelmann sass unverhältnismässig lang in Untersuchungshaft. Dann stellte sich heraus, dass diese unbegründet war. Da aber sei Kachelmanns Existenz schon ruiniert gewesen.
Weil die Mannheimer Justiz an einem Promi ihr Mütchen kühlte, mit möglicherweise nicht ganz so gewichtigem Beweismaterial wie behauptet?
Staatsanwaltschaft blossgestellt
Kachelmann musste am 29. Juli aus der U-Haft entlassen werden, nachdem das Oberlandesgericht Karlsruhe festgestellt hatte, dass kein dringender Tatverdacht mehr bestehe. Es stehe «Aussage gegen Aussage», wobei es Zweifel gebe an der Glaubwürdigkeit des mutmasslichen Opfers Sabine W. Die 37jährige Radiojournalistin erstattete bei der Mannheim Justiz Anzeige gegen Kachelmann.
Er, ihr langjähriger Freund, habe sie in ihrer Wohnung in Schwetzingen vergewaltigt und mit einem Messer am Hals verletzt. Kachelmann bestritt das von Anfang an und engagierte einen der besten deutschen Strafverteidiger, um seine Unschuld zu beweisen: Reinhard Birkenstock.
Anfänglich agierte der Anwalt zögerlich, bis er der Mannheimer Justiz den Fall entriss und triumphierte.
Denn die Karlsruher Richter gingen bei ihrer Begründung für Kachelmanns Haftentlassung ungewöhnlich weit; so weit, dass sich die Mannheimer Staatsanwaltschaft blamiert sah. Die einzige Hauptbelastungszeugin habe widersprüchliche Angaben zum Tatablauf gemacht, und es sei nicht auszuschliessen, dass sie Kachelmann habe falsch belasten wollen.
Kaum objektive Beweise
Im Klartext äusserten die Karlsruher Richter unverhohlen Zweifel an der Glaubwürdigkeit einer Zeugin, die zuvor – auf Antrag der Staatsanwaltschaft – von einer renommierten Aussage-Psychologin begutachtet worden war. Deren Fazit: Das mutmassliche Opfer habe «die Tat selbst bei eingehender Befragung nur vage und oberflächlich wiedergeben» können. Es mangelt an objektiven Beweismitteln in diesem Fall.
Ist nachweisbar, dass Kachelmann seiner Freundin ein Messer an den Hals gedrückt hat, um sie gefügig zu machen? Die Mehrheit der Rechtsmediziner sagt, die Verletzung spreche eher dafür, dass sich die Frau selbst gekratzt habe – mit «einem spitzen Fingernagel», meinte der Gerichtsmediziner Bernd Brinkmann. Trotz dieser Ausgangssituation kann Kachelmann dem Prozess nicht gelassen entgegensehen.
Denn sollte das Gericht ihn wegen besonders schwerer Vergewaltigung verurteilen, droht ihm eine Minimalstrafe von fünf Jahren Gefängnis. Wer die Machtkämpfe innerhalb der Justiz kennt, weiss, dass sich Gerichte trotzig zeigen können, wenn sie zurechtgewiesen wurden. Und der Druck auf das Gericht ist enorm.
Urteil für Oktober erwartet
Kachelmanns Geschichte hat eine Lawine von emotionalen Berichterstattungen ausgelöst.
So schien es teils, dass Kachelmann vor Gericht kommt, weil er mit «mindestens 18 Frauen» (Magazin «Süddeutsche Zeitung») intime Verhältnisse pflegte und bei jeder den Eindruck erweckte, sie sei die einzige. Doch bei diesem Prozess geht es nicht um die Liebschaften des Ex-ARD-Wetterfront-Mannes. Im Zentrum steht die Frage, ob Kachelmann ein Vergewaltiger ist oder Opfer einer Frau, die sich an ihm rächen wollte.
Zum Auftakt der Verhandlung wird das Gericht die Anklageschrift verlesen und Kachelmann zu dessen Person befragen. Dutzende Gutachter und Zeugen sind geladen, um einen Fall zu klären, bei dem die Mannheimer Justiz beweisen muss, dass sie unbefangen ist und sich weder von der Kachelmann-Fangemeinde noch von möglicherweise überehrgeizigen Staatsanwälten beeinflussen lässt. Der Prozess soll 12 Tage dauern. Mit einem Urteil ist im Oktober zu rechnen.
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