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Missbrauchsvorwürfe, 09. März 2010 06:25:00

«Geschichten der Demütigung»

Missbrauchsvorwürfe

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Das Schulheim Wiesen liegt auf Herisauer Gemeindegebiet. (Bild: Bild: Urs Bucher)

HERISAU. Gegen das Schulheim Wiesen in Herisau werden massive Vorwürfe erhoben: Sexueller Missbrauch und Gewalt gehörten dort zum Alltag. Tatsächlich schliesst das Heim im Sommer 2011 – und wird zur Institution für straffällige Jugendliche.

urs-peter zwingli/Adrian Vögele

«Die Geschichten von Misshandlungen, Demütigungen und sexuellem Missbrauch ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des (. . .) Schulheims Wiesen» – so beginnt der gestern von der Ein-Mann-Organisation «Kinder ohne Rechte» (siehe Kasten) im Internet publizierte Text. Er liest sich als eigentliche Anklageschrift. Weiter heisst es darin, dass «es sich nicht um Einzelfälle handelt». Die Missstände im Heim Wiesen seien «systembedingt, das Heim ist mit der Betreuung der Kinder überfordert».

Übergriffe zwischen Kindern

Das Schulheim Wiesen, idyllisch im Grünen ausserhalb von Herisau gelegen, richtet sich laut der eigenen Website an «verhaltensauffällige, normal begabte oder lernbehinderte Kinder und Jugendliche». Das Altersspektrum reicht von der ersten Klasse bis zum Lehrstellen-Alter von 16 bis 18 Jahren. Getragen wird das Schulheim von der christlichen Stiftung Gott hilft (siehe Kasten).
Glaubt man «Kinder ohne Rechte», so gehen, bzw. gingen einige der jugendlichen Heimbewohner durch die Hölle: «Aufgrund mangelnder Aufsicht kam es in den letzten Jahren wiederholt zu sexuellen Übergriffen zwischen Schulkindern.» So soll «erst kürzlich» ein Mädchen von drei Jugendlichen mit einem Messer bedroht, ausgezogen und sexuell belästigt worden sein – angeblich erfuhr die Heimleitung von dem Vorfall, habe aber «die Vertuschung vorgezogen».
Ein Mann, der in den 60er-/70er-Jahren im Heim gelebt haben soll, erzählt im Bericht, dass Jugendliche in einem Stall eine Hütte aus Strohballen gebaut hätten, «um darin ihre hilflosen Opfer am helllichten Tag zu vergewaltigen». Es seien Jahre vergangen, bis das Heimpersonal schliesslich eingeschritten sei.

«Akten eingesehen»

Der Autor des Textes, Michael Handel (siehe Kasten), gibt an, diese und weitere Vorwürfe belegen zu können. «Ich hatte Einsicht in interne Akten des Schulheims. Diese belegen, dass es in den letzten Jahren wiederholt zu sexuellen Übergriffen unter Jugendlichen kam. Dies aufgrund mangelnder Aufsicht», sagt Handel. Offensichtlich seien daraus aber keine Lehren gezogen worden.
Handel steht zudem nach eigenen Angaben in Kontakt mit Betroffenen, mit manchen bereits seit längerer Zeit: «Nach ihren Aussagen, die ich als glaubwürdig erachte, geht es im Schulheim drunter und drüber.»

Kein «System des Terrors»

Zuständig für die Aufsicht über das Heim ist das Ausserrhoder Amt für Volksschule und Sport. «Uns wurden keine derartigen Vorfälle zugetragen, weder von Jugendlichen, Eltern oder von Beiständen», sagt Amtsleiter Walter Klauser. Es gebe keine Anzeichen für ein «System des Terrors», wie es Handel in seinem Text beschreibe. «Uns ist kein strafrechtlich relevantes Verhalten im Schulheim Wiesen bekannt», sagt Klauser. Er gibt aber auch zu bedenken, dass «gewisse Vorfälle möglicherweise nicht bekannt werden – etwa wenn Kinder und Jugendliche unter Druck gesetzt werden». Die von Handel erhobenen Vorwürfe sind Klauser aber «zu anonym und zu wenig konkret», als dass er diese überprüfen lassen könnte.

«Allmächtiger Heimleiter»

Frei von Problemen ist der Betrieb im Wiesen aber keinesfalls. 2008 wurde es laut Klauser einer umfassenden pädagogische Kontrolle unterzogen. Ergebnis: «Viele Qualitätskriterien wurden nicht erfüllt», sagt Klauser. So habe der Heimleiter eine «Allmachtsstellung» inne, die zu seiner Überlastung und schliesslich Überforderung geführt habe. «Das hat die Weiterentwicklung des ganzen Betriebs gehemmt», sagt Klauser. Zudem sei der Lehrkörper zum Teil ungenügend aus- und weitergebildet. In einem Fall sei einem Lehrer die Hand ausgerutscht, worauf er habe gehen müssen. Ein weiterer Lehrer habe es toleriert, dass sich Schüler schlugen.
Diese Mängel ergaben zusammen laut Klauser «ein Risikopotenzial für die Zukunft». Konfrontiert mit diesen Problemen und sinkenden Schülerzahlen habe sich die Stiftung Gott hilft entschlossen, das Schulheim per Sommer 2011 zu schliessen und eine neue Institution am selben Ort aufzubauen.

Rechtliche Schritte vorbehalten

Das bestätigt Werner Haller, Mitglied des Stiftungsrates von Gott hilft: «Geplant ist eine Institution für straffällige Jugendliche.» Genaueres sei aber noch nicht spruchreif. Momentan befänden sich nur noch 15 Kinder in der Einrichtung.
Die Missbrauchsvorwürfe weist Haller als falsch zurück. Er kritisiert: «Der Text ist chaotisch und wirft angebliche Fälle aus fünf Jahrzehnten auf.» Man behalte sich rechtliche Schritte gegen «Kinder ohne Rechte» vor. Handel entgegnet, dass Gott hilft Missstände im Heim indirekt bestätigt habe: «Die Stiftung schrieb mir, sie sehe keinen Anlass, mir Unterlagen zu den <angedeuteten Vorkommnissen> zukommen zu lassen – das heisst für mich, dass es ebensolche Vorkommnisse gegeben hat.»
 



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