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Tagblatt Online, 10. Juli 2010 01:04:49

Der «Türschliesser»

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Bruder Karl

Seit 27 Jahren lebt Bruder Karl im Kapuzinerkloster in Appenzell. Nächsten Herbst wird er ausziehen müssen, die Kapuziner verlassen Appenzell. Er wird womöglich der Mönch sein, der als letzter die Türe hinter sich schliesst. Nicht zum erstenmal ist er der Letzte, der geht.

Bruder Karl, wo genau liegen die Gründe für die Aufgabe des Kapuzinerklosters in Appenzell?

Bruder Karl: Schon am letzten Kapitel, der Delegiertenversammlung vor drei Jahren, beschlossen die Delegierten den Fortbestand des Klosters Appenzell zu diskutieren. Man hat diesen Entscheid also kommen sehen. Es geht jetzt nur noch um den genauen Zeitpunkt – die Zielvorgabe ist Herbst 2011. Bis dann sollten wir das Kloster geräumt haben. Ob wir das aber schaffen, ist noch offen; es kann noch viel dazwischen- kommen.

Aber grundsätzlich werden wir nächstes Jahr aufgelöst. Die Gründe sind vielfacher Art. Erstens: Das Kloster ist viel zu gross; wir haben riesige Ausgaben für unsere Infrastruktur, eine Infrastruktur, die für 30 bis 40 Leute konzipiert ist – zur Zeit sind wir noch zehn Männer.

Wohnten auf dem Zenit des Klosters so viele Männer an der Hauptgasse 49?

Bruder Karl: Ja, in den 1960er-Jahren lebten hier über 40 Mitbrüder. – Auch der Garten ist viel zu gross.

Unser Gärtner ist über 80jährig... Ein weiterer Grund, wohl der Hauptgrund, ist, dass wir keine Nachfolger mehr haben. Wer noch hier ist, ist alt, viele von uns sind über 80 Jahre alt, teils gehbehindert, teils mit Altersbeschwerden und Krankheiten behaftet. Und ein dritter Grund ist der, dass uns auch in den Leitungsgremien Leute fehlen. Wenn wir nun Appenzell aufheben, kann der eine oder andere von uns solche Aufgaben übernehmen. Das sind die Hauptgründe für die Aufhebung. (überlegt) Unser Kloster ist 1588 gegründet worden...

Hat Ihre Situation auch eine gute Seite?

Bruder Karl: Wir können die Klosteranlage dem Kanton übergeben. Appenzell Innerrhoden hat uns den Boden und das Kloster bei der Gründung geschenkt. Formell wurde der Besitz dem Heiligen Stuhl in Rom überschrieben; denn der heilige Franziskus wollte, dass wir nie Besitzende sind. Wir Kapuziner legen ein Armutsgelübde ab, wonach wir keinen Besitz haben dürfen.

Wie ist denn der Zustand der Bausubstanz?

Bruder Karl: Die ist nicht so schlecht. Die Isolation ist sehr gering, ansonsten: Fenster, Dächer sind in einem guten Zustand.

Was machen die Patres nächsten Herbst?

Bruder Karl: Die Situation jedes einzelnen wird angeschaut; im Dialog werden wenn immer möglich unsere Wünsche berücksichtigt. Die Greisen und Kranken werden in eines der Klöster wechseln können, die ständige Pflege garantieren. Bei drei, vieren wissen wir jetzt schon, dass nur eine solche Lösung in Frage kommt.

Sie sind auch einverstanden damit. Wir andere, die wir noch bei guter Gesundheit sind, können wählen: Brig, Luzern, Rapperswil, Olten... Meine persönliche Option ist Wil – ich stamme aus Oberbüren und leite dort und in Appenzell Gospelchöre; so könnte ich meinen Verpflichtungen weiterhin nachkommen. So dramatisch ist die Lage für mich also nicht.

Seit wann leben Sie in Appenzell?

Bruder Karl: Seit 1983 – seit 27 Jahren. Ich bin hier stark verwurzelt. Ich hänge sehr an Appenzell. Ich spüre, dass mich die Appenzellerinnen und Appenzeller schätzen – und ich schätze sie; es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Das macht es für mich natürlich nicht einfacher.

Wie ist die Stimmung unter den Brüdern insgesamt?

Bruder Karl: Sicherlich leben wir nicht in einer Hurra-Stimmung; das gewiss nicht. Ich selber habe mit Händen und Füssen versucht, den Aufhebungstermin nach hinten zu schieben. Aber die ganze Gemeinschaft hier sieht die Notwendigkeit ein; wir fügen uns dem Willen des Kapitels, der Delegiertenversammlung. Aber sicher fällt dies dem einen oder anderen schwer. Uns steht die natürliche Auflösung bevor.

Bei der Auflösung eines anderen Klosters sagte ein Kapuzinermönch einmal: «Greifen konnte ich schon von Geburt an; teilen musste ich lernen; jetzt üben wir ein wenig das Loslassen.»

Bruder Karl: Loslassen gehört zu unserer Spiritualität. Wir Kapuzinermönche begreifen uns als Wandernde. Der Heilige Franziskus wollte das Evangelium erfüllen und so leben wie Jesus gelebt hatte: Jesus hatte kein Eigentum, keine Familie. Auch Jesus war letztlich als Pilger unterwegs. Früher blieben Kapuzinermönche in der Regel drei Jahre am selben Ort, bevor sie wieder weiterzogen. Wir sind ein Bettelorden – und weil wir keinen Besitz haben, sind wir an keinen Ort gebunden. Wir Kapuziner, wir wandern. Wir wandern. Unsere Heimat ist nicht diese Welt – unsere Heimat ist eine andere.

Spüren Sie Reaktionen aus dem Dorf?

Bruder Karl: Ja, wir spüren, dass viele Appenzellerinnen und Appenzeller gar nicht einverstanden mit unserem Entscheid sind. Viele macht das natürlich traurig. Ich begreife das auch: Das Kapuzinerkloster gehört zum Dorf. Schon als vor einigen Jahren die Kapuzinerinnen das Kloster Maria der Engel verlassen haben, gab es einen traurigen Abschied. Für Appenzell ist diese Entwicklung nicht leicht. Die Klöster haben in der Geschichte Appenzells viel für den Ort und den Kanton getan – nehmen wir nur einmal die Schulen. Wir spüren deshalb eine grosse Dankbarkeit des Kantons Appenzell Innerrhoden; diese überwiegt bei weitem die Kritik, der das Kloster wegen sexueller Übergriffe in den 1950er-Jahren kürzlich ausgesetzt war. Das Lob der Verdienste der Kapuziner lässt das andere verschwindend klein werden.

Kamen Menschen auch auf Sie persönlich zu?

Bruder Karl: Ab und zu, bei Begegnungen. Dann sagten sie oft: «Wie schade das ist, dass ihr gehen müsst!» Oder: «Müsst ihr denn wirklich gehen?»

Haben Sie eine Vorstellung, was der Kanton mit dem Kloster machen könnte?

Bruder Karl: Nein. Es sickerte noch gar nichts bis zu uns durch. Vielleicht hat das Erziehungsdepartement Raumbedarf; zur Zeit belegt dieses Räume des Gymnasiums. Wenn der Kanton hier Büros bauen will, müsste er womöglich das Klostergebäude aushöhlen; da käme viel auf ihn zu. Allein, unser grösster Kummer gilt der Frage, was wir mit all den Mobilien machen.

Was bleibt noch zu tun?

Bruder Karl: Wir müssen alles inventarisieren und bei den anderen Kapuzinerklöstern einen möglichen Bedarf nachfragen. Ausräumen, abräumen, entsorgen. Das alles müssen wir in Absprache mit dem Kanton machen. Dazu können wir zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nichts Genaues sagen. Ich war schon im Kloster in Näfels der letzte Lehrer, der seinen Pult räumte, danach gehörte ich zum letzten Noviziat des Klosters in Luzern, Jahre später war ich auch am Gymnasium St. Antonius der letzte unterrichtende Kapuziner. Und jetzt könnte ich auch hier der letzte sein, der hinter sich die Türe schliesst. Auf mir scheint kein guter Segen zu liegen: Wo ich hinkomme, gehen Türen zu! – Der Türschliesser.

Interview: Guido Berlinger-Bolt





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