Tagblatt Online, 22. September 2009 01:03:27
Bis du stark genug bist wegzugehen
Mengesha Feyisa im Lauftraining: «Ich lief immer in der Gruppe. Eine Gruppe gibt Tempo, zieht nach vorn.» (Bild: Bild: Martina Basista)
Mengesha Feyisa war äthiopischer und zweimal afrikanischer Meister über 1500 Meter, er nahm an Junioren-Leichtathletik-Weltmeisterschaften teil und reiste jahrelang für den Sport um die Welt. 2001 dann fand er sich im Asylbewerberzentrum in Vallorbe wieder. Heute lebt er in Herisau.
Guido Berlinger-Bolt
Herisau. Aus der äthiopischen Provinz Bokoji in den Kanton Appenzell Ausserrhoden – ein langer Weg, den Mengesha Feyisa gegangen ist, ein Weg mit unglaublichen Höhepunkten, aber auch ein unendlich trauriger Weg.
Heute lebt Mengesha Feyisa zusammen mit seiner Frau Emebet Abossa und seinen beiden Söhnen, dem 11jährigen Abenezer und dem zweijährigen Anaol, in Herisau. Seine Augen beginnen zu leuchten, wenn er von seiner Familie erzählt. Von seiner Frau, einer erfolgreichen Marathonläuferin: Dreimal gewann sie den Jungfrau-Marathon.
Von seinen Buben: Der ältere läuft auch, der kleinere hört bereits auf das Startkommando, bückt sich bei «Auf die Plätze» und spurtet dann los. Mengesha Feyisa strahlt.
Dann wird er still. Und beginnt von Äthiopien zu erzählen.
Ein sagenhafter Aufstieg…
1978 kommt er im Hochland, auf über 3000 Meter über Meer, zur Welt. Feyisa erzählt vom 10 Kilometer langen Schulweg. Damit sie nicht zu spät zur Schule kommen, rennen er und seine Freunde die Strecke.
Und abends wieder zurück. Feyisa erzählt von den Leichtathletik-Schulwettkämpfen. Später holt ihn seine alleinstehende Grossmutter in die Stadt.
Irgendwann wird der Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern auf dem Land abbrechen. Davor allerdings passiert noch viel.
Mengesha Feyisa trainiert regelmässig, und seine Leistungen werden immer besser.
An den Schulwettkämpfen fällt der ausgezeichnete Mittelstreckenläufer auf; erst sind es regionale, bald überregionale Meisterschaften, an denen er läuft. Und gewinnt. Schliesslich wird Mengesha Feyisa äthiopischer Meister über 800 und 1500 Meter und kommt in die Nationalmannschaft.
In seiner Heimatstadt beginnt er neben den mittlerweile internationalen Wettkämpfen eine Gruppe von 30 Läufern zu trainieren. Ab 1994 feiert er seine grössten Erfolge: Zweimal wird Feyisa Afrikameister, er nimmt an Junioren-Weltmeisterschaften teil und bereist die ganze Welt.
Mengesha Feyisa heiratet und bekommt zusammen mit seiner Frau Emebet Abossa kurze Zeit später einen Sohn. Dann bricht der 31-Jährige ab: «2001 gingen wir fort. In die Schweiz.»
…und unendliches Leid
Mengesha Feyisa macht eine Pause, reibt sich mit den Handflächen das Gesicht. In seiner Heimat nahmen die Spannungen unter den 80 Stämmen immer weiter zu. «Es gab kein Recht mehr in meinem Land», sagt er. Die Probleme nahmen zu. «Soweit», sagt Feyisa, «bis du bereit bist, deine Eltern, dein Land zu verlassen, bis du stark genug bist wegzugehen.» Wieder eine Pause. «Das war nicht einfach. Wegzugehen.» Der Auslöser ist der Tod seiner Schwester. Während eines Schülerinnenprotests wird sie so schwer zusammengeschlagen, dass sie den Verletzungen wenig später im Spital erliegt.
«Sie war meine liebste Schwester; ich hatte dafür gesorgt, dass sie zur Schule gehen konnte. Sie war eine gute Schülerin.» Eine Woche später ist er weg. Ein «Businessman» hatte seine Reise organisiert; er weiss nicht, wohin sie führt: «Einfach weg. Irgendwohin.» Und dann: «Ich vergesse meine Schwester nicht. Ich habe ihr Bild mitgenommen.»
Im Oktober 2001 kommt er in der Asylempfangsstelle in Vallorbe an. Einen Monat lange lebt der Spitzensportler auf engstem Raum mit ihm wildfremden Menschen; die Unsicherheit in ihm ist gross und belastet ihn stark. Sport zu treiben ist in dieser Zeit nicht möglich. Einen Monat später verbessert sich die Situation ein ganz klein wenig.
Wieder Sport
Mengesha Feyisa kommt ins Asylbewerberzentrum in Altstätten. Zwar muss er auch dort in beengenden Verhältnissen leben, er kann hier aber wenigstens wieder ein bisschen trainieren. Acht Monate lange mit 20 Männern in einem Schlafsaal; einige von ihnen schlafen tagsüber und liegen in der Nacht wach, andere schnarchen. Immerhin: Feyisa trifft in Altstätten auf Menschen, die ihn unterstützen: mit Trainingskleidung, im Turnverein – oder nur schon, indem die Küche des Heims ihm für spät am Abend ein Nachtessen zur Seite stellt.
Die Kinder sind Schweizer
Nach acht Monaten sind Mengesha Feyisa, seine Frau Emebet Abossa und sein erster Sohn anerkannte Flüchtlinge. Sie finden in Uznach nicht nur eine Wohnung, sondern auch eine zweite Heimat. «Unsere Situation wurde besser. Die Resultate auch», erinnert er sich. In diese Zeit fällt etwa sein Sieg am Alpin-Marathon in Davos. Sein erster Versuch, einen Marathon wettkampfmässig zu laufen.
Seit 2007 besitzt die Familie die Aufenthaltsbewilligung B. «Unsere Kinder sind Schweizer», sagt Feyisa. Abenezer spreche zwar auch ihre Sprache, die Sprache der Oromo. «Doch früher tat er das öfter. Heute spricht er lieber schweizerdeutsch.» Seit einem Jahr lebt die mittlerweile vierköpfige Familie in Herisau. Mengesha Feyisa arbeitet wieder als Trainer, zuerst beim TV Teufen, dann in Teilzeit als Masseur für den FC St. Gallen und seit kurzem in einer Privatpraxis im Fitness-Center «Up-Date» an der St. Galler Fürstenlandstrasse. Er träumt davon, sein Trainer-Standbein auszubauen, Trainings gleichzeitig für Spitzenläufer und für normale Läufer anzubieten, gleichzeitig Leistung und Gesundheit zu fördern.
Was gefällt Ihnen an Ihrer neuen Heimat am besten, Herr Feyisa? «Die Schweiz ist Weltmeister in Sachen Sauberkeit.» Nach kurzem Nachdenken dann schiebt er nach: «Sicherheit ist für mich sehr wichtig geworden. Sicherheit gibt mir viel Freiheit im Leben.»
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