Tagblatt Online, 12. Oktober 2010 01:01:43
Autotunnel «unrealistisch»
Die Idee eines Autotunnels zwischen Autobahnanschluss Kreuzbleiche und Appenzellerland hat bei Stadt und Kanton St. Gallen keine Chance: Kosten und Nutzen halten sich nicht die Waage.
Katja Müller
St. Gallen. Die Idee ist bestechend: Ein Tunnel zwischen Autobahnanschluss Kreuzbleiche und Liebegg soll die Teufener Strasse und Teile der Stadt vom Durchgangsverkehr befreien. Verschiedene Quartiervereine unterstützen eine entsprechende Petition des Riethüsli, bereits haben 1075 Personen unterschrieben (s. Ausgabe vom 29. September). Darüber, wie viel ein solches Projekt kosten würde und wie realistisch es ist, gehen die Meinungen aber auseinander.
Kosten von bis zu 300 Millionen
Initiant Mathias Schreier, Teufen, rechnet mit rund 125 Mio. Franken. Dem widersprechen nun Stadt und Kanton St. Gallen deutlich. Kantonsingenieur Urs Kost hat – anhand von Skizzen, ein konkretes Projekt gibt es nicht – die Kosten grob geschätzt: Ein 2,1 Kilometer langer Autotunnel würde rund 250 bis 300 Mio. Franken kosten.
Besonders teuer seien neben dem eigentlichen Tunnelbau die Fluchtwege, die Lüftung und der A1-Anschluss bei der Kreuzbleiche. «Ein solches Projekt ist völlig unrealistisch», fasst Kost zusammen; zumal der Kantonsrat über das Geld beschliessen müsste und eventuell ein Referendum ergriffen würde. «Ob das St. Galler Stimmvolk einen solchen Betrag gutheissen würde, um den Appenzellern einen direkten Anschluss an die Autobahn zu finanzieren, ist fraglich.
» Hinzu komme, dass durch einen solchen Tunnel ein anderes Grossprojekt gefährdet wäre: Die Südspange könnte nicht gebaut werden, wenn bei der Kreuzbleiche bereits ein Anschluss für einen Autotunnel vorhanden wäre.
Stadt: Zu wenig Entlastung
Auch die Stadt winkt ab und sieht keine Chance für einen Autotunnel.
Neben den Kosten sprechen für Stadträtin Elisabeth Beéry noch andere Zahlen gegen die Idee: «Ein Tunnel würde kaum die erwartete Entlastung für die Quartiere bringen.» Das Tiefbauamt hat berechnet, dass nur 29 Prozent der Autofahrer, die auf der Teufener Strasse fahren, tatsächlich auf die Autobahn wollen. Das würde heissen, dass über 70 Prozent den Tunnel gar nicht benutzen würden. «Der grösste Teil will in die Stadt.
» Angesichts der hohen Baukosten ergebe dies «ein miserables Kosten-Nutzen-Verhältnis», sagt Elisabeth Beéry. Deshalb sei die Idee auch nicht in den Richtplan aufgenommen worden. Zudem beteilige sich der Kanton grundsätzlich nur an Umfahrungsstrassen, die eine Entlastung von mindestens 50 Prozent brächten. Für die Stadt käme die Finanzierung eines solchen Projekts nicht in Frage. Es brauche eine Lösung für die ganze Stadt, nicht nur für einzelne Quartiere.
Umsteigen statt neue Strassen
Die Behörden unterstützen weiterhin den geplanten Bahntunnel der Appenzeller Bahnen (AB). Der Ruckhaldetunnel ist Teil der Durchmesserlinie Appenzell–St. Gallen–Trogen. Völlig verworfen wird die Idee der Quartiervereine, einen Tunnel für Autos und Bahn zusammen zu bauen. «Das ist technisch praktisch unmöglich», sagt Urs Kost. Wolle man die Sicherheit und den nötigen Abstand wahren, würde der Tunnel viel zu gross werden. «Dann wäre es billiger, zwei Tunnels zu bauen. » Zudem, hält Elisabeth Beéry fest, hätten Bahn und Autos völlig andere Ziele: Während die AB zum Bahnhof fahren, sollten die Autos auf die Autobahn gelenkt werden.
Das Verkehrsproblem auf der Teufener Strasse ist aber kaum wegzudiskutieren. Täglich fahren 13 800 Fahrzeuge durchs Riethüsli. Als Lösung sieht die Stadträtin nicht zusätzliche Tunnels oder Strassen. Die einzige Möglichkeit, die Blechlawine zu bekämpfen, sei, die Leute zum Umsteigen auf den öffentlichen und Langsamverkehr zu bewegen. Deshalb unterstütze die Stadt auch die Durchmesserlinie der AB. Diese könnte laut Elisabeth Beéry viele dazu bringen, für kurze Strecken die Bahn zu nehmen.
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