Tagblatt Online, 24. Mai 2012 08:20:00
Geheimnisvoller Stein
Die Inschrift des auf der Alp «Rheintaler Sämtis» gefundenen «Tibetersteins» ist ein Bittruf, um die Lasten des Lebens besser zu ertragen. (Bild: pd)
Im vergangenen Herbst hat das Museum Appenzell auf der Alp «Rheintaler Sämtis» einen Stein mit einer geheimnisvollen Inschrift entdeckt. Ein Tibetkenner deutet den Text als einen Bittruf.
ALPSTEIN. Eine Erkundungstour des Museums Appenzell im Zusammenhang mit Alpwüstungen im Alpstein führte im letzten Herbst auf die Alp «Rheintaler Sämtis» in der Nähe des Sämtisersees. Dabei wurde, wie der Museumskurator Roland Inauen in einem Communiqué mitteilt, ein 21 Zentimeter langer Stein mit einer Inschrift entdeckt, den Spezialisten als tibetischen Gebetsstein eingeordnet hätten. Trotz intensiver Nachforschungen habe jedoch der Urheber oder die Urheberin des Steins nicht eruiert werden können.
Um trotzdem etwas Genaueres über den Stein in Erfahrung zu bringen, ist man mit dem Tibetkenner Richard Dähler aus Zürich in Kontakt getreten. Dieser erinnert in seiner gedanklichen «Deutungsreise» an die chinesische Besetzung Tibets im Jahre 1950 und an den Aufstand in der Hauptstadt Lhasa, der einen Flüchtlingsstrom nach Indien zur Folge gehabt habe.
Flüchtlinge aufgenommen
Im Mai 1963 hat der Schweizer Bundesrat die Aufnahme von 1000 Tibet-Flüchtlingen bewilligt, wie Richard Dähler weiter schreibt. Die Familien seien aus indischen Lagern in die Schweiz gekommen, wo sie in voralpinen Gegenden angesiedelt und in örtlichen Betrieben angestellt worden seien. Dähler vermutet, dass wohl der eine oder andere von ihnen seine Freizeit im Alpstein verbracht hatte, konkret auf der Alp «Rheintaler Sämtis».
Einsam gefühlt
Weil die tibetische Bevölkerung zum überwiegenden Teil in der Landwirtschaft tätig ist, dürften gemäss Dähler der Aufenthalt auf der Alp und die Nähe zu den Tieren dem Mann, der den Stein beschriftet hat, zugesagt haben. Die Einfachheit der Unterkunft werde ihm vertraut gewesen sein. Mit grosser Wahrscheinlichkeit habe er sich aber einsam gefühlt und Halt in der Religion gesucht. «Davon zeugt die auf die Kalksteinplatte gemeisselte Bittinschrift», schreibt der Tibetkenner Richard Dähler. «Der Bittsteller, aus seiner Heimat, seinem Lebenskreis ausgestossen, über Indien in die unbekannte Schweiz verschlagen, ruft Hilfe an, der ihn die Pein des Lebens zu ertragen hilft und diesem vielleicht gar einen Sinn verleiht.» (pd)
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