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Tagblatt Online, 11. September 2012 10:12:35

«Gefährlich war er nicht»

Als friedlichen und tüchtigen Menschen haben die Brülisauer den Mann in Erinnerung, der kürzlich tot in seiner Waldhütte gefunden wurde. Geredet wird nur hinter vorgehaltener Hand.

JANINA GEHRIG/SARAH SCHMALZ

BRÜLISAU. Beim Dorfeingang von Brülisau steht ein Reisebus mit Zürcher Nummernschild und dem Aufdruck «Best of Switzerland Tours». Wenige Wanderer gehen in Richtung Talstation, wo die Seilbahn zum Hohen Kasten führt. Es ist ruhig hier, nur vereinzelt sind die Stimmen der Bauarbeiter zu hören, welche die Fassade der Dorfkirche renovieren. Die Verkäuferin in der Bäckerei gibt sich erst zugeknöpft. «Ich sage nichts mehr.» Seit die verweste Leiche eines 80jährigen Mannes vergangene Woche in einer Waldbehausung gefunden wurde (gestrige Ausgabe), ist das Dorf von Medienleuten überrannt worden. «Ein Riesentamtam» werde darum gemacht. «Dass er dort wohnte, hat man gewusst. Er war ein friedlicher Mann.»

«Er war ein <rüebiger> Typ»

Im Hotel Krone nebenan die gleiche Antwort auf die Frage nach dem Toten. «Ich sage lieber nichts. Ich habe ihn gekannt», sagt ein älterer Mann, der anonym bleiben will. Um dann anzufügen: «Er war ein <rüebiger> Typ, hat aber nicht so gerne gearbeitet.» Immerhin habe er kaum Alkohol getrunken und die alten Geräte der Dorfbewohner geflickt. Wenig überrascht ist er über dessen Leben in einer Waldhütte. «Schon sein Vater hat jeweils bis Weihnachten in einer Alphütte gehockt.» Dass der Tote Munition in seiner Hütte gelagert hatte, habe er allerdings nicht gewusst. «Ich wüsste auch nicht, wie er reagiert hätte, wenn die Polizei seine Hütte gestürmt hätte.»

Bei Eintritt Schuss

Die Wirtin vom Gasthaus Rössli hingegen ist sich sicher: «Gefährlich war der ganz sicher nicht.» Sondern ein friedlicher Mensch, der niemandem etwas zuleide getan habe. In der Gartenwirtschaft wird gejasst, der «Blick» liegt aufgeschlagen auf dem Tisch: «Mein Bruder, der Waldmensch». So habe ihn hier keiner bezeichnet, sagt eine ältere Frau. «Er war der <Gosauerlis Sepp>. Ein tüchtiger Mann. Er hat meine kaputten Haushaltsgeräte alleweil tiptop geflickt.» Dafür habe sie ihn zum Mittagessen oder zum Kaffee eingeladen. Erst kürzlich habe sie ihm einen Staubsauger zum Flicken mitgegeben. «Dazu ist er leider nicht mehr gekommen.» In der Hütte war die Frau nie. Schliesslich habe der Mann neben dem Eingang ein Schild montiert: «Bei Eintritt geht ein Schuss los.» Sie schaut zur Kirche nebenan. «Eine Abdankung wird es wohl nicht geben», mutmasst sie. «Er war ja so selten in der Kirche.» Es sei schon traurig, dass er so habe gehen müssen.

Im Restaurant Schäfli in Steinegg soll der 80-Jährige oft eingekehrt sein. Die unwirsche Begrüssung der Wirtin: «Presse? Ich sage nichts mehr. Er ruht jetzt.»







Leser-Kommentare:
4 Beiträge

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adolfk31 (26. August 2012, 03:56)
Für unsere anerkannten "Heiligen"

war dies eine Pflicht !

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diethelm (22. August 2012, 09:37)
Ich finde es gut,

dass man diesen Mann sein Leben hat leben lassen. Er hat ja niemandem etwas zuleide getan, und ob es ihm wirklich besser gegangen wäre in einem Obdachlosenheim oder so? Es gibt nun einmal Menschen, die in unserem üblichen Rahmen nicht zurecht kommen.

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deich (22. August 2012, 10:27)
Üblich

Zu fragen wäre, was hier "üblicher Rahmen" gewesen ist. Sicher nicht das Horten von Waffen und Pulver, schon eher die gegenseitige Fürsorge - müsste angenommen werden. Nun wird sogar eine kirchliche "Abdankung" angezweifelt. Dies wäre, mit Verlaub, unmenschlich. Passt das zum lieblichen Dorfbild unterm Alpsigel? Hoffentlich nicht!

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deich (22. August 2012, 08:40)
Trüb

Im hintersten Appenzell tut sich ein grosses Feld für investigative Journalisten auf, um mehr Klarheit in ein - zumindest für Aussenstehende! - eher trübes Kapitel der Dorfgeschichte unterm Hohen Kasten zu schaffen. Das scheint indes nicht allen Bewohnern zu passen.

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