Kanton übernimmt Aufsicht

BERUFSSCHULEN ⋅ Die St. Galler Regierung legt ein neues Führungsmodell für die Berufsfachschulen vor. Demnach gibt es weiterhin Fachschulkommissionen, doch sind sie dem Amt für Berufsbildung unterstellt. Reformbedarf bestand nicht erst seit dem Fall GBS.
24. August 2017, 05:19
Marcel Elsener, Regula Weik

Marcel Elsener, Regula Weik

ostschweiz

@tagblatt.ch

Mit massiven Vorwürfen sah sich im Frühling der Rektor des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St. Gallen (GBS), Lukas Reichle, konfrontiert. Die von anonymer Hand gesammelte Kritik an der Schulführung betraf auch die vom ehemaligen St. Galler CVP-Stadtparlamentarier und Versicherungsagenten Gian Bazzi präsidierte Berufsfachschulkommission, die als «schwach und schlecht informiert» bezeichnet wurde. Zahlreiche GBS-Insider und schulnahe Personen bemängelten das «seltsame Verhältnis» der Kommission zum Rektor und ihre «Mehrfachrolle» als Wahl- und Aufsichtsorgan in einem. Wenn die Kommission seinerzeit Reichle gewählt habe und später beaufsichtigen solle, wundere man sich nicht, wenn das Organ kritische Einwände nicht ernst nehme oder in gemeinsamer Sache mit dem Rektor abschmettere, zumal der Chef der Schule in der Regel an den Kommissionssitzungen teilnehme.

Weil die Abgrenzung der Aufgaben «nicht sauber durchdacht» sei, habe das Amt für Berufsbildung keine Handhabe, spitzte es ein Schulkenner gegenüber unserer Zeitung zu («Fragwürdige Aufsicht», Ausgabe vom 25. April). Bildungschef Stefan Kölliker bestätigte damals die «suboptimale» Führung und Aufsicht der Berufsschulen und die «Unklarheiten» bei den Zuständigkeiten; diese seien eine «Altlast» aus der Kantonalisierung der Berufsfachschulen Anfang 2002. Der Reformbedarf sei längst erkannt worden und eine bessere Organisation in Sicht. Die Regierung bereite eine Botschaft vor, «welche die verschiedenen Mängel in der Organisation der Berufsfachschulen beheben soll», kündigte Kölliker im Frühling an.

Meinungen über Kommissionen gehen auseinander

Jetzt liegt diese Botschaft zuhanden des Kantonsparlaments vor, in Form eines «Nachtrags zum Einführungsgesetz zur Bundesgesetzgebung über die Berufsbildung». Der Gesetzesentwurf regelt im Wesentlichen die klarere Kompetenzabgrenzung zwischen den Berufsfachschulkommissionen und dem Bildungsdepartement respektive dem Amt für Berufsbildung. Die traditionell geltende «unmittelbare Aufsicht» der aus Berufsvertretern zusammengesetzten Milizkommissionen für die regionalen Berufsfachschulen hatte seit der Kantonalisierung der Schulen immer wieder Probleme aufgegeben, «insbesondere während der Umsetzung von drei Sparpaketen», wie es in der Vorlage heisst. Zu den konkreten Problemen wollte sich der Bildungschef nicht äussern.

Die von der Regierung in Auftrag gegebene Analyse eines Experten (Andreas Werren, Winterthur) bestätigte bereits 2013 die strukturellen Probleme und den Handlungsbedarf; alle Beteiligten seien sich einig, dass «die ungeklärte Situation negative Auswirkungen auf die Zusammenarbeit untereinander» habe. In der Folge machte eine Projektgruppe Vorschläge für eine neue Organisation, die nach einer breiten Vernehmlassung kontroverse Meinungen ergab, speziell unter den Parteien: CVP und FDP favorisierten ein schlankes Modell ohne Berufsfachschulkommissionen, wohingegen sich SVP und SP – unter anderem wegen der «Verbundenheit mit der Region und der Kundennähe» – für die Beibehaltung der Kommissionen aussprachen und andernfalls eine Machtballung bei der Verwaltung befürchteten. Entsprechend ist die jetzt vorgeschlagene Lösung ein Kompromiss: Die Berufsfachschulkommissionen sollen wegen ihrer Verbindung zwischen Schule und Ausbildungsbetrieben weiterhin ihre Berechtigung haben. Doch werden sie grundsätzlich dem Amt für Berufsbildung unterstellt und erhalten klar abgegrenzte Aufträge für die lokale Schule, sprich Qualitäts- und Organisationsentwicklung, Personalführung sowie Steuerung der höheren Berufsbildung und Weiterbildung.

Zugleich würden die Kommissionen «redimensioniert», sagt Bildungschef Kölliker. Statt der heute mit bis zu einem Dutzend Mitgliedern besetzten Gremien sollen den Kommissionen nur noch fünf Personen inklusive Präsident angehören, allesamt schul- und amtsexterne Leute aus der regionalen Wirtschaft; der Präsident soll zeitlich im Umfang von zehn Stellenprozenten verfügbar sein.

Amtsleiter Berufsbildung rekrutiert Rektor

Gestärkt wird die Rolle des Leiters des Amts für Berufsbildung. Er berät, führt und steuert die Berufsfachschulkommission und den Rektor, heisst es in der Vorlage. Und: «Damit wird das Hauptanliegen des Projekts, die Führung der Berufsfachschulen aus einer Hand, erfüllt.» «Durchgegriffen» habe man bei der Wahl des Rektors und des Verwalters, so der Bildungschef. Er stellt aber sogleich klar: Das neue Wahlverfahren und das Zurückstutzen der Kompetenzen der Kommissionen habe «nichts mit dem Fall GBS zu tun». Die Berufsfachschulkommissionen sollen zwar noch Lehr- und Verwaltungspersonen wählen, doch sie haben entgegen der heutigen Praxis bei den beiden Leitern nur noch Mitspracherecht. Die Rekrutierung obliegt in beiden Fällen dem Amt, die Wahl des Rektors dem Departement.

Mit der bereinigten Zuständigkeitsordnung wird die Kantonalisierung der Berufsfachschulen faktisch abgeschlossen. Der Schritt bewirke einen «Qualitätssprung» und «generiert einen Mehrwert», ist die Regierung überzeugt. Und sie nimmt dafür «moderate» Mehrkosten von jährlich 200000 Franken in Kauf (1,5 Promille des Gesamtumsatzes aller Berufsfachschulen). Im September wird die vorberatende Kommission des Kantonsparlaments zum Geschäft bestellt. Die neue Regelung könnte ab Sommer 2018 in Kraft treten.
 


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