Innerrhoden fördert umstrittene Jagd

WILDTIERE ⋅ Obwohl die Baujagd auf Fuchs und Dachs selbst in Jägerkreisen umstritten ist, wird sie in Appenzell Innerrhoden erstmals um einen Monat verlängert. Im Thurgau hingegen ist die Methode nicht mehr erlaubt. Tierschützer fordern ein Verbot auf Bundesebene.
05. September 2017, 06:39
Margrith Widmer

Margrith Widmer

ostschweiz@tagblatt.ch

Die Baujagd wird kontrovers diskutiert. Tierschützer finden sie grausam, manche Jäger halten sie für legitim. Der Kanton Thurgau verbot als erster Kanton diese Jagdmethode. Dabei dringt ein Jagdhund in einen Fuchsbau ein, der Fuchs flieht durch einen anderen Ausgang – direkt vor die Flinte des Jägers. Aber es kommt auch zu Kämpfen zwischen Hund und Dachs: Hunde werden verletzt – oder verschüttet. Dackel oder kleine Terrier haben oft keine Chance gegen einen wehrhaften Dachs. Manchmal müssen die Hunde mit Hilfe von Feuerwehr und Baggern gerettet werden – manche Hunde können nicht ausgegraben werden und verendeten elend im Bau.

In Innerrhoden ist die Baujagd laut den Jagdvorschriften vom 1. Oktober bis 16. Dezember und vom 2. bis 31. Januar erlaubt. «Fur die Baujagd durfen nur geprufte Bauhunde verwendet werden (kantonaler Naturleitungstest oder Eignungsprufung fur Erdhunde zur Aus­ubung der Baujagd nach TJK oder gleichwertige Prufungen)», heisst es in den Jagdvorschriften. Die Hunde werden durch die Jagdverwaltung geprüft. Gejagt werden darf bei der Baujagd nur mit einem Hund. Innerrhoden hat als einer der ersten Kantone die Vorgaben des Bundes betreffend die Prüfungen von Baujagdhunden umgesetzt. Die Verlängerung der Frist für die Baujagd kam auf Wunsch der Jäger zustande: Fabian Dörig, der Präsident des kantonalen Patentjäger-Vereins Appenzell Innerrhoden, sagt, die an der Baujagd interessierten Jäger hätten im Januar «eher Zeit», da die übrige Jagd dann zu Ende sei. Aktiv seien «zwei bis drei Gruppen mit fünf oder sechs Jägern». Als weiteren Grund nannte er den Umstand, dass viele Füchse an Räude und Staupe erkrankt sind.

In Ausserrhoden ist die Baujagd vom 25. September bis 31. Dezember erlaubt. Eine anerkannte Baujagdprüfung gibt es laut Jagdverwalter Heinz Nigg nicht. Die Kantone müssen die Prüfungen bis 2020 regeln, bis dann gilt eine Übergangsfrist.

Im Kanton St. Gallen nur noch ganz selten

Im Kanton St. Gallen ist der Fuchs laut dem Leiter des Amts für Natur, Jagd und Fischerei, Dominik Thiel, während der ganzen Bundesjagdzeit vom 16. Juni bis Ende Februar jagbar. Für die Baujagd gibt es keine spezielle Jagdzeit. Sie wird im Kanton St. Gallen laut Thiel aber «nur noch ganz selten betrieben. Wer diese Jagd ausübt, übt sie im Winter aus.» Die Baujagd sei im Kanton St. Gallen rückläufig, sagt Peter Weigelt, Präsident des St. Gallischen Jagdvereins Hubertus. Im Gegensatz zu den beiden Patentjagd-Kantonen Appenzell wird im Kanton St. Gallen die Revierjagd ausgeübt. Im Revier von «Hubertus» gebe es gar keine Baujagd mehr, so Weigelt. Heute seien Jagdhunde viel mehr Familienhunde als früher. Ein Dachs könne einen Jagdhund lebensgefährlich verletzen – das wolle man vermeiden. Anders als der Fuchs flüchtet der Dachs nicht; er stellt sich dem eindringenden Hund. Hunde, die in der Baujagd eingesetzt werden, müssen dafür ausgebildet sein – in so genannten «Schliefanlagen». Dabei wird ein Bau nachgebildet und darin ein Fuchs eingesperrt, der durch Gitter oder Glas vom Hund getrennt ist. Es gibt keine Fluchtmöglichkeit; das bedeutet Stress pur für den Fuchs.

In der Schweiz ist noch keine Schlief­anlage in Betrieb. Manche Jäger bilden ihre Hunde deshalb im Ausland aus. Die Prüfung der Hunde obliegt den Kantonen. Mit der Ausbildung werde die Verletzungsgefahr für Hunde reduziert, argumentiert der Bundesrat. Deshalb hält er die Baujagd für vertretbar. Der Fuchs werde heute in der Schweiz weniger intensiv bejagt als früher, sagen die Vertreter der Baujagd. Wegen der tiefen Fellpreise lohne es sich kaum mehr. Mit dem Baujagdartikel habe der Bundesrat die Baujagd strenger geregelt und punkto Tierschutz verbessert. Eine schweizweite Abschaffung der Baujagd erachtet der Bundesrat für unnötig. Ein Verbot wäre ohnehin Sache der Kantone.

«Blutige Kämpfe und Streifschüsse»

Tierschützer sind anderer Ansicht. Der Schweizer Tierschutz (STS) begrüsste das Baujagdverbot im Thurgau, wie Präsident Heinz Lienhard auf Anfrage sagte. «Wildtiere müssen nicht mit jedem zur Verfügung stehenden Mittel bejagt werden. Bei der Baujagd kommt es immer wieder zu blutigen Kämpfen zwischen Hund und Fuchs und Streifschüssen auf flüchtende Füchse.» Der STS hofft auf eine Vorbildwirkung des Thurgauer Verbots auf andere Kantone. Er ist jedoch der Meinung, die Baujagd gehöre durch das eidgenössische Jagdgesetz verboten. «Das Tierschutzgesetz verbietet Kämpfe zwischen Tieren, die von Menschen organisiert werden, weil sie durch die Verursachung von Panik und Schmerzen tierquälerisch sind», sagt Lienhard. Die Baujagd, bei der genau das geschehe, werde aber ausgeklammert. Das sei ein Widerspruch.

Das Argument, wonach nur ganz wenige Füchse auf das Konto der Baujagd gingen, ist für Lienhard nicht stichhaltig: «Die Baujagd wird heruntergespielt.» Aus Jägerkreisen heisse es, sie werde nur durchgeführt, wenn andere Methoden unmöglich seien. Zahlen dazu gebe es aber nicht und man wisse offiziell nicht, wie viele Füchse erlegt würden. «Eine Meldepflicht besteht nicht und die Jägerschaft schweigt», sagt Lienhard. «Wahrscheinlich ist die Baujagd wirklich eine Randerscheinung. Umso widersprüchlicher ist es, dass sie beibehalten werden soll.»


Leserkommentare

Anzeige: