Wenn der Espenblock schweigt

FANSZENE ⋅ Nach dem Gerichtsurteil gegen einen 24-jährigen Böllerwerfer ist die Fanszene des FC St. Gallen ins Visier der Öffentlichkeit geraten. Ein Blick auf das Innenleben der verschwiegenen Szene.
28. August 2017, 09:00
Arcangelo Balsamo

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arcangelo.balsamo

@tagblatt.ch

«Gewaltbereite Chaoten, Idioten, Kriminelle», so werden sie aus ihrer Sicht von den Medien dargestellt und von der Öffentlichkeit wahrgenommen. Gemeint sind die Ultras – organisierte, fanatische Fussballfans, deren Ziel es ist, ihren Lieblingsverein überall und zu jeder Zeit zu unterstützen. In den vergangenen Wochen rückten sie wieder einmal in den Fokus der Öffentlichkeit. Grund ist das Urteil gegen einen FCSG-Fan, der im Februar 2016 einen Böller auf den Rasen der Swissporarena in Luzern geworfen hatte. Der Knall führte dazu, dass ein Matchbesucher seither mit einem irreversiblen Gehörschaden zu leben hat. Der mittlerweile 24-jährige Böllerwerfer wurde zu einer dreijährigen teilbedingten Freiheitsstrafe verurteilt, 18 Monate davon muss er im Gefängnis absitzen.

Wenn einzelne Fans über die Stränge schlagen, wird die ganze Szene in einen Topf geworfen und schlechtgemacht, so das Empfinden der Fans. «Die Medien fokussieren einseitig auf Chaos und Gewalt», sagte Michael Blatter 2011 in unserer Zeitung. Blatter war damals Mediensprecher des Dachverbands 1879 (DV). Der DV ist – gemeinsam mit der Fanarbeit St. Gallen –Anlaufstelle für die Anhänger des FC St. Gallen und vertritt die Anliegen der Fanszene gegenüber dem Club und den Medien.

Früher war nicht alles besser

St. Galler Fans waren in der Vergangenheit immer wieder für Tiefpunkte besorgt. 1982 rannte ein Fan während eines Spiels gegen YB auf das Feld und schlug den Schiedsrichter nieder. 1985 musste Schiedsrichter Nussbaumer aufgrund der aufgeheizten Stimmung im Espenmoos per Helikopter evakuiert werden. Noch in lebhafter Erinnerung ist die «Schlacht vom Espenmoos» von 2008: Als nach der Partie gegen Bellinzona der Abstieg feststand, stürmten Fans den Platz und lieferten sich eine Schlacht mit der Polizei.

Pascal Claude ist Autor des Fanzines «Knapp daneben» und der gleichnamigen, mittlerweile eingestellten Kolumne in der «Wochenzeitung». Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Fanszene im Fussball. 2013 erklärte er in einem Interview, dass es in den 1980er-Jahren «regelmässig zu Schlägereien zwischen verfeindeten Gruppen und auch innerhalb der Kurve» gekommen sei. Ausserdem seien rassistische Chöre damals keine Seltenheit gewesen. Dass diese in Schweizer Stadion mehrheitlich ausgestorben sind, hängt laut Claude mit dem Wandel der hiesigen Fankultur Mitte der 1990er-Jahre zusammen. Damals nahmen Ultras nach und nach den Platz der Hooligans in den Fanblocks ein. Besonders Kinder von Einwanderern aus Italien und Ex-Jugoslawien nutzten die entstandene Lücke. Dadurch kam es zu einer sozialen Durchmischung, die Rassismus weniger Raum bot.

Was die Ultra-Szene immer wieder stört: Ihr Beitrag zur Stimmung im Stadion wird von der breiten Öffentlichkeit praktisch nicht honoriert. Tatsächlich sind es nicht die «Cüplitrinker» in den Logen, die mit akustischer Unterstützung glänzen, sondern die «biersaufenden Chaoten» hinter dem Tor, die Spiel für Spiel ihre Stimmen bis aufs Letzte strapazieren, obwohl sie hinter ihren Transparenten und Fahnen kaum etwas vom Geschehen auf dem Feld mitbekommen. Die Ultras verbringen unzählige Stunden ihrer Freizeit damit, Fahnen zu malen und Choreografien zu organisieren. In St. Gallen haben Clubanhänger in den vergangenen Monaten den Umzug des Fanlokals in den «Bierhof» an die Rorschacher Strasse in St. Gallen gestemmt. Das Fanlokal wird von den Anhängern ehrenamtlich geführt. Das zeigt: Obwohl die Anhänger mit der Kurve «wild und frei» leben sollen (so der Text eines Chors der St. Galler Fans), ist die Fanszene alles andere als chaotisch, sondern hat durchaus ein Konzept.

Mit Pressevertretern wird grundsätzlich nicht gesprochen

Ein Stück weit sind Ultras aber mitschuldig an der pauschalen negativen Sicht der Öffentlichkeit. Denn der Kern der Fanszene spricht grundsätzlich nicht mit Medienvertretern. Die Begründung: «Zeitungen schreiben sowieso nur, was sie wollen und was sich verkauft.» Medienanfragen werden höchstens diskutiert. Und auch wenn der Journalist, wie in diesem Fall, regelmässig mit ihnen an Heim- und Auswärtsspielen in der Kurve steht, genügt dies nicht, um ihm Vertrauen zu schenken und für diesen Artikel Auskunft zu geben. Kommuniziert wird höchstens über den DV oder via Transparente und Chöre, die im Stadion hochgehalten und gesungen werden. So wie bei den letzten beiden Heimspielen: Gegen den FC Luzern protestierten sie gegen das Urteil gegen den FCSG-Fan (der übrigens kein aktives Mitglied in einem Fanclub ist), gestern im Heimspiel akustisch gegen den Ersten Staatsanwalt des Kantons, Thomas Hansjakob.

Pressemitteilungen sind in den vergangenen Jahren hingegen immer rarer geworden. Wohl auch, weil sich in St. Gallen die Lage etwas beruhigt hat. Grund dafür sind die Entstehung der Fanarbeit und eine Strategieänderung: An Heimspielen wird mittlerweile beim Einlass in die Kurve nicht mehr so streng kontrolliert. Selbst Staatsanwalt Hansjakob, mit der früheren Regierungsrätin und heutigen FDP-Ständerätin Karin Keller-Sutter über Jahre Feindbild Nummer eins der St. Galler Fans, räumte vor zwei Wochen ein, dass sich die Kursänderung entgegen seiner anfänglichen Skepsis bewährt habe.

Wie viele Gruppierungen und organisierte Fans es in der Ostschweiz gibt, wissen auch DV und Fanarbeit des FC St. Gallen nicht genau. Manuel Bernhardsgrütter, DV-Mediensprecher, ging in einem Interview im Dezember 2016 von einem Kern von rund 400 Personen aus. Die drei grössten Gruppierungen der FCSG-Fanszene heissen «Jokers», «Green Power» und «Saint Brothers». Im Evaluationsbericht zur sozioprofessionellen Fanarbeit in St. Gallen von 2014 werden folgende weiteren Fanclubs aufgeführt: «Bangor Maniacs», «Compadres», «Cruisers», «ECF», «Flash», «Green Fires», «Green History», «Sonderklasse», «Zone 10». Letzterer existiert mittlerweile nicht mehr.

Die zwei mitgliederstärksten, «Jokers» und «Green Power», stellen je einen Capo (ital. Chef), der in der Kurve die Chöre mit einem Megafon anstimmt. Auf die Namen der diversen Gruppierungen stösst man nicht nur in dieser Studie, sondern an zahlreichen Orten in der Ostschweiz, besonders in der Stadt St. Gallen. Graffiti, Tags und Sticker sind beliebte Hilfsmittel, um Präsenz zu markieren. Ausserdem gibt es Mitglieder, die das Logo ihrer Gruppe tätowiert haben und im Alltag Kleider mit deren Schriftzügen oder dem Emblem tragen. Die Ultras sind im Stadion nicht nur in Sachen Stimmung tonangebend. Sie entscheiden auch, wer in den vordersten Reihen des «Espenblocks» steht. Haben sie eine Person noch nie gesehen, wird diese weggeschickt. Bei Auswärtsfahrten im Extrazug zeigt sich dasselbe Bild. Fans, die erstmals an einer Auswärtsfahrt teilnehmen, können sich nicht einfach hinsetzen, wo es ihnen passt – die Fanclubs haben auch in den SBB-Wagen ihre fixen Stammplätze.

Böller und Fackel vom Clubpräsidenten

Die aktiven Mitglieder der Gruppen sind mehrheitlich männlich und zwischen 16 und 40 Jahre alt. Frauen sind Ausnahmen. In Italien, wo die Ultrakultur in den 1970er-Jahren aufkam, haben einzelne Gruppierungen auch eine politische Ausrichtung. Bekannteste Beispiele sind die «Irriducibili Lazio» von Lazio Rom (rechtsnational-faschistisch) oder die mittlerweile als aufgelöst geltende Gruppierung «Brigate Autonome Livornesi» (linksradikal) aus Livorno. Glaubt man den Insidern der Ostschweizer Szene, sucht man solche Gruppierungen im FCSG-Umfeld vergebens: «Fussball hat nichts mit Politik zu tun.»

Obwohl die Gruppen hierarchisch aufgebaut sind, funktioniert intern sehr vieles demokratisch. Nicht einmal der Capo kann selbst entscheiden, ob er mit der Presse sprechen darf. Wer sich nicht an die Regeln hält, wird zur «Persona non grata» erklärt und ausgeschlossen. Das ist auch der Fall, wenn ein Mitglied gegenüber der Justiz einen Kollegen verpfeift oder anschwärzt. Dies könne sich auch der DV nicht erlauben, da er sonst den Zugang zu den Fans verliere, wie sowohl der ehemalige als auch der aktuelle Mediensprecher in den erwähnten Artikeln bestätigten.

Gut möglich, dass sich die Fanszene zum Urteil gegen den 24-jährigen Böllerwerfer doch noch via Medienmitteilung verlauten lässt. Kürzlich trafen sich Vertreter des Espenblocks an einer Sitzung, um unter anderem über das weitere Vorgehen in der Causa zu diskutieren. Laut Insidern will man zunächst auf das schriftliche Urteil warten, bevor man aktiv werde. Dass der Böllerwurf bestraft werden muss, darin sind sich die meisten Fans einig. Auf Unmut stösst jedoch das Strafmass. «Es kann nicht sein, dass am selben Tag ein ehemaliger Gemeindepräsident für seine pädophilen Aktivitäten im Internet zu einer ambulanten Therapie verurteilt wird, während der ‹böse Fussballfan› für seinen Böllerwurf in den Knast muss», so der Tenor. Sie fühlen sich ungerecht behandelt, weil bei der Beurteilung des Falles laut Angaben der Anwältin des Verurteilten zwei Gutachten nicht berücksichtigt worden seien. In der Szene heisst es, die Gutachten, die von den Anklägern im Vorfeld des Prozesses beantragt wurden, seien deshalb nicht berücksichtigt worden, weil die Resultate den Anklägern nicht in die Karten spielten.

Ultras sind zwar nicht per se auf Krawalle und Schlägereien aus und treffen sich dafür auch nicht auf Wiesen, wie man dies von Hooligans kennt. Doch wenn sie sich provoziert, angegriffen oder ungerecht behandelt fühlen, dann wehren sie sich auch mit Gewalt. In der Kombination mit Alkohol führt dies immer wieder zu Krawallen um und in Stadien. Die daraus resultierenden Stadionverbote werden praktisch nie angefochten.

Stadion- und Rayonverbote gibt es seit rund zehn Jahren auch für das Abbrennen pyrotechnischen Materials. Für Ultras gelten sie dennoch als unverzichtbarer Bestandteil ihrer Szene. Das mag auch daran liegen, dass Pyrofackeln, Rauchtopf und Böller früher nicht nur erlaubt waren, sondern sogar von ehemaligen Präsidenten beschafft und an die Fans verteilt wurden, wie langjährige, enge Begleiter des FC St. Gallen erzählen. Und Chorpassagen wie «Wir werden nie so sein, wie ihr uns haben wollt, denn Ultras sterben nie» oder «Verbieg dich nicht für den Verband oder für die Polizei» zeigen, dass die Ultras des FCSG auch künftig in Sachen Pyros ihre Meinung nicht ändern werden.


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