«Ich zwinge keinen Velofahrer ins Auto»

KAMPAGNEN ⋅ Der St.Galler Texter und Kommunikationsberater Stefan Millius über den Innerrhoder Freisinn, twitternde Politiker, Kampagnen für Anderstickende und sein nächstes Projekt «Die Ostschweiz».
23. September 2017, 11:14
Interview: Marcel Elsener, Regula Weik

Interview: Marcel Elsener, Regula Weik

ostschweiz@tagblatt.ch

Stefan Millius, Sie arbeiten als Texter und Werber. Nun halfen Sie, die Innerrhoder FDP zu gründen. Ihr Einstieg in die Politik?

Ach, das muss man nicht überbewerten. Ich strebe kein Amt an. Die Politik ist nicht neu für mich, ich begleite sie seit meiner Zeit als Lokaljournalist. Und ich bin seit gut 15 Jahren Mitglied der FDP, früher in der Stadt St. Gallen, jetzt an meinem heutigen Wohnort Appenzell.

Kein Amt? Sie sind Vizepräsident der Innerrhoder FDP.

Ja, vorläufig. Wir waren bei der Gründungsversammlung zu fünft, da mussten wir Aufgaben verteilen, vorerst bis Oktober. Ich bin in der Ostschweiz gut vernetzt, da hilft mein Mitwirken bei der Aussenwahrnehmung.

Warum braucht es diese jüngste Kantonalsektion der FDP?

Innerrhoden war der einzige Kanton ohne FDP. Klar, es gibt den Gewerbeverband, er ersetzt die FDP nicht. Seine Mitglieder mögen wirtschaftspolitisch ähnlich ticken, aber es gibt eine immense Bandbreite zwischen schwarzkonservativ und gesellschaftsliberal, etwa, wenn es um die Gleichstellung der Frau geht. Ich wollte nach meinem Zuzug 2005 nicht gleich eine Partei gründen: Es kommt in Innerrhoden schlecht an, wenn man von aussen kommt und gleich dreinredet. In meinem Bekanntenkreis gab es einige Interessenten, als nun andere den Anstoss gaben, sagte ich zu.

Innerrhoden hat nicht den Ruf, liberal zu sein.

Das täuscht. Ich erlebe die Appenzeller als sehr offen. Andere Meinungen werden zugelassen. Es ist keine intolerante Atmosphäre. Die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte Innerrhodens fusst auch darauf, dass Neues zugelassen, Altes aber nicht einfach weggekippt, sondern bewahrt wird. Das verdient Respekt.

Klein birgt die Gefahr des Filzes.

Klar, die Verbandelung ist in einem kleinen Kanton intensiver als in einem grossen, aber es gibt sie überall. Unbestritten gibt es wenige starke Figuren, die vieles mitentscheiden. Ich habe damit keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich wurde noch nie ausgegrenzt.

Als Freisinniger dürften Sie eine Mitwirkung bei Blochers Zehnder-Gratisblättern verspielt haben. Wären Sie daran interessiert?

Blocher und ich haben uns nicht abgesprochen vor dem Kaufentscheid. Im Ernst: Als Beobachter der lokalen Medienszene interessiert mich die Sache natürlich. Vorher wurden alle diese Blätter als bedeutungslos hingestellt und jetzt, kaum übernimmt Blocher, rufen die gleichen Leute reflexartig: Mein Gott, die Demokratie ist in Gefahr. Als Kommunikationsagentur sind wir selbstverständlich offen für Gespräche.

Sie haben den St. Galler Stadtrat Markus Buschor im Wahlkampf beraten. Kann ein Freisinniger einen Parteilosen glaubwürdig beraten?

Eine gewisse Schnittmenge muss da sein. Ich erlebe Markus Buschor als pragmatischen, sachlichen Typ. Er lebt glaubwürdig, was er sagt. Wenn er gerne mit dem Velo unterwegs ist, zwinge ich ihn als Berater sicher nicht, vermehrt ins Auto zu hocken.

Was bleibt Ihnen vom aktuellen Wahlkampf in Erinnerung?

Das herausragende Ereignis ist das Verhalten der SP. Sie hat die einmalige Chance verpasst, einen Jungen aus den eigenen Reihen zu portieren. Weshalb geht man in einer Situation, in der man nichts zu verlieren hat, wahlstrategisch vor, statt parteipolitisch Junge an sich zu binden? Schlimm, tragisch.

Die grossen politischen Führungspersönlichkeiten scheinen Mangelware. Ein Makel der Ostschweiz?

Das glaube ich nicht, das kommt auch im Aargau oder anderswo vor. In gewisse Ämter kommt man nur, wenn man stromlinienförmig ist und auf dem langen Weg keine Fehler macht. Man verlernt dabei, etwas zu riskieren. Das Ergebnis sind oft Leute, die mehr Richtung Verwalter als Gestalter gehen.

Ein paar «Saftwurzeln» würden das Ganze spannender machen.

Es wäre sicher schön, mehr solche Figuren zu haben. Es wird ihnen aber nicht leicht gemacht. Nehmen wir Daniel Model, vielleicht ein schwieriger Fall, aber wer sich exponiert, kriegt prompt aufs Dach.

US-Präsident Trumps Twitter-Politik müsste Ihnen gefallen: Komplexes klar und simpel darstellen.

Das ist seine Marke, er hat das früh kapiert. Grundsätzlich ist es grossartig, dass er die Leute so anspricht. Und es ist trotz Aktionismus und Exhibitionismus nicht grundfalsch. Als sein Kommunikationschef hätte ich einzig die Angst, dass er es morgens um drei macht, wenn er grad von der Hausbar kommt und etwas loswerden will, und ich es dann am nächsten Morgen wieder flicken müsste.

Seid aktiver in den sozialen Medien – Ihre Empfehlung für die St. Galler Politikerinnen und Politiker?

Ich finde es ehrlich und legitim, wenn jemand sagt: Ich weiss nicht, was Twitter ist, und ich fange auch nicht damit an. Bedenklicher sind jene, die Facebook und Twitter einrichten und exakt bis zum Tag ihrer Wahl bewirtschaften. Das ist Betrug am Wähler. Um die sozialen Medien kommt man heute kaum mehr herum, ausser, man positioniert sich bewusst als Figur der alten Schule.

Wer ist in der Ostschweiz gut unterwegs in den sozialen Medien?

Zum Beispiel Lukas Reimann. Er ist recht aktiv und präsent, und er schafft eine gute Durchmischung von Persönlichem und Politischem. Im Vorteil ist natürlich, wer sich nahe am IT-Bereich bewegt, so etwa Michael Hugentobler. Von den Regierungsräten fällt am ehesten Martin Klöti auf, wobei er den Dialog ernst nehmen und bei Widerspruch nicht gleich beleidigt sein sollte.

Sie gehören zu den Online-Pionieren in der Region. 2006 lancierten Sie lokale News- und Polizeiseiten. Wie sehen Sie das heute?

Es ist noch heute eine gute Idee, aber wir waren zu früh. Das ist ein Frust, aber auch ein Ansporn. Bei der Publicitas lachten sie uns damals aus: Kein Kunde wolle neben schlimmen Unfällen inserieren. Heute gibt es mehrere Seiten mit Polizeinews und alle möglichen Online-Nachbarschaften von Werbung und krassem Inhalt. Wir brachten schon einiges in Bewegung. Und es hat auch heute noch Platz für Neues.

Haben Sie etwas in der Schublade?

Wir planen unter dem Titel «Die Ostschweiz» ein neues regionales Medium. Wir starten im ersten Quartal 2018 eine Onlinezeitung unter www.dieostschweiz.ch. Wir lancieren aber kein reines Onlinemedium, wir werden die Inhalte so aufbereiten, dass sie je nach Bedürfnis in verschiedenen Formen und unterschiedlichen Gefässen publiziert werden können – und explizit auch in gedruckter Form.

«Die Ostschweiz»? Ist der Titel der Ende 1997 eingestellten Tageszeitung nicht geschützt?

Nach unserem Wissensstand ist kein Schutz für die Marke mit unserem Verwendungszweck eingetragen. Wir haben aber selber ein entsprechendes Schutzgesuch beim Institut für geistiges Eigentum gestellt und warten das Ergebnis ab. Da die Tageszeitung vor 20 Jahren eingestellt und in keiner Form weitergeführt wurde, hat aus unserer Sicht niemand ein historisches Vorrecht auf den Titel.

Was wird darin zu lesen sein?

Über die Inhalte geben wir noch keine Auskunft. Im Zentrum stehen Geschichten, Stimmungen und Meinungen aus St. Gallen, Thurgau, beiden Appenzell.

Und da hat es noch Platz für ein neues Medium?

Es hat gewiss noch Nischen. Wir werden ruhig starten, ohne Paukenschlag und falsche Versprechungen. Die Frage ist: Wie reagiert die Werbewirtschaft? Die wartet ja in der Regel ein Jahr. Wir haben spasseshalber schon diskutiert, Gratisplätze für Inserenten zu verlosen. Manchmal muss man einfach etwas Revolutionäres ausprobieren.


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