"Ich möchte eine Statistik-Sprechstunde"

FACHSTELLE ⋅ Theo Hutter leitet die Fachstelle für Statistik des Kantons St. Gallen. Vor 20 Jahren war er ihr Gründer und einziger Angestellter. Heute hat er neun Mitarbeiter. Ein Gespräch über unmögliche Anfragen und die Vision einer Sprechstunde in der Hauptpost.
17. November 2017, 06:38
Interview: Katharina Brenner

Interview: Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Theo Hutter, im Regal Ihres Büros stehen Bücher mit den Titeln «Lügen mit Zahlen» und «So lügt man mit Statistik». Vertrauen Sie Statistiken?

Ich habe einen sehr kritischen Blick auf Statistiken. Ich möchte immer genau wissen, was hinter den Zahlen steckt. Deshalb bin ich mit der Darstellung von statistischen Informationen oft unzufrieden.

Haben Sie den Eindruck, dass die Bevölkerung der Arbeit Ihrer Fachstelle vertraut?

Ja, den habe ich. Dafür arbeiten wir auch hart. Jede unserer Statistiken wird genau überprüft. Sie geht durch die Hände mehrerer Mitarbeiter, es gilt das Vieraugensystem. Ausserdem sind wir unabhängig. Das ist mir ganz wichtig. Wir werden nicht von der Regierung beeinflusst und bearbeiten Anfragen für Personen und Organisatoren aus dem ganzen politischen Spektrum. Wir machen zudem transparent, was wir wann veröffentlichen.

Einmal im Jahr gibt die Fachstelle die Broschüre «Kopf und Zahl» heraus mit statistischen Kennzahlen zum Kanton und den Gemeinden. War das Ihre Idee?

Eine ähnliche Publikation gab es schon vorher. Wir haben diese neu gestaltet. Den Titel «Kopf und Zahl» hat meine verstorbene Frau erfunden. Mit der Publikation möchten wir auf unsere Arbeit aufmerksam machen. Dabei geht es letztlich um Erkenntnisgewinn und dieser ist wichtig für den demokratischen Prozess. Statistiken helfen, Entscheidungen besser treffen zu können.

Sie haben neun Mitarbeiter. Braucht eine kantonale Fachstelle für Statistik so ein grosses Team?

Wenn ich mir anschaue, wie breit das Themenfeld ist, das wir abdecken, müssten wir eigentlich noch mehr sein. Im schweizweiten Vergleich sind wir recht dünn besetzt. Im Kanton Luzern, der bevölkerungsmässig vergleichbar ist mit dem Kanton St. Gallen, hat die kantonale Statistikstelle 28 Angestellte. Und man muss dazu sagen, dass unsere zehn Stellen vor allem durch Reorganisation entstanden sind und nicht, weil lauter neue Stellen geschaffen wurden.

Ihre Stelle wurde neu geschaffen. Und zwar auf den Monat genau vor 20 Jahren. Wie haben Sie die Gründung der Fachstelle damals erlebt?

Für mich hat sich damals eine grüne Wiese aufgetan. Der Kanton St. Gallen hatte als einziger der grossen Kantone noch keine professionelle Statistikstelle. Ich habe in meiner Arbeit vor allem die Chance gesehen, gestalten zu können.

Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?

Da ich im Volkswirtschaftsdepartement angestellt wurde, war die Arbeitsmarktstatistik eines der ersten Arbeitsfelder, das ich bearbeitet und weitergeführt habe. Dann sind weitere dazugekommen. Bevölkerungsstatistik ist natürlich ein Schwerpunkt öffentlicher Statistik. Die verbesserte Informatik hat unsere Arbeit erleichtert und gibt uns mehr Möglichkeiten.

Haben Sie vor 20 Jahren gedacht, dass Sie so lange bleiben würden?

Ich hatte eine Ahnung. Hätte ich allerdings diesen Gestaltungsspielraum nicht gehabt, wäre ich sicherlich nicht so lange geblieben. Was mich übrigens in den 20 Jahren begleitet hat, ist meine Zimmerlinde. Bei meinem Eintritt hatte mir eine aufmerksame Sekretärin einen in Wasser eingestellten Zweig geschenkt. Die Nachfahren dieses Zweigs begleiten mich immer noch.

Was ist Ihr Ausgleich zur Büroarbeit?

Ich mache viel Sport. Ich fahre mit dem Velo zur Arbeit, das ist jeden Tag insgesamt eine Stunde. Dabei lege ich einige intensive Intervalle ein, Sprints von 30, 40 Sekunden. Ich spiele ausserdem Fussball und rudere. Und zur Kaffeepause renne ich die sechs Stockwerke hoch. Ich mag es, sportliche Bewegung in den Alltag zu integrieren.

Was fasziniert Sie an Ihrem Beruf? Bedeutet Statistik nicht vor allem Zahlen und Tabellen?

Hinter den Zahlen und Tabellen stecken immer Menschen. Statistiker müssen Vertrauen aufbauen und Menschen davon überzeugen, dass es sinnvoll ist, an unseren Erhebungen teilzunehmen. Und wir haben immer offene Ohren: Welche Themen sind aktuell? Was beschäftigt die Leute im Kanton? Wir wollen Statistiken herstellen, die relevant sind.

Und? Welche Themen beschäftigen die St. Galler derzeit?

Wer zieht in den Kanton St. Gallen und wer zieht aus ihm weg, das ist so ein Thema. Wir arbeiten an einer Publikation dazu. Dann arbeiten wir an einem Projekt zur Stimmbeteiligung. Bisher war nur bekannt, wie viel Prozent der Bevölkerung abgestimmt haben. Wir haben den Auftrag, das in einer Reihe von Gemeinden differenzierter zu untersuchen und beispielsweise Aussagen zu Geschlecht und Alter zu machen.

Gibt es schon Ergebnisse?

Ja. Zum Beispiel lässt sich der Trend bestätigen, dass ältere Personen häufiger abstimmen gehen.

Welche Themen interessieren Sie bei Statistiken am meisten?

Ich habe das Glück, dass mich persönlich eigentlich alle Themen interessieren, die in der öffentlichen Statistik von Belang sind. Das hängt auch mit meinem Hintergrund zusammen. Ich habe Sozialwissenschaften studiert und bin eher ein Generalist.

Wo kommen die Aufträge der Fachstelle her?

Unser Auftragsbuch ist das statistische Mehrjahresprogramm der Regierung. Gemäss diesem sind wir in verschiedenen Bereichen tätig: Datenerhebung, Datenanalyse und Ergebnispublikation. Häufig arbeiten wir mit dem Bundesamt für Statistik zusammen. Ein Beispiel ist die Sozialhilfestatistik. Sie wird für die ganze Schweiz erhoben. Wir sind für die Erhebung bei den Gemeinden des Kantons St. Gallen zuständig. Pro Jahr erhält die Fachstelle rund 600 Anfragen. Etwa die Hälfte davon kommt von Personen ausserhalb der kantonalen Verwaltung.

Es melden sich also auch Privat- personen bei Ihnen?

Ja, und es melden sich Personen aus Unternehmen, Medien und Parteien. Sehr oft auch Schüler und Studenten.

Erinnern Sie sich an besonders kuriose Anfragen oder solche, die Sie nicht bearbeiten konnten?

Uns schreiben immer wieder Personen, die noch gar nicht wissen, was sie eigentlich möchten. Dann bekommen wir Anfragen wie: «Ich bin an einer Arbeit zum Thema X. Bitte schicken Sie mir alles, was Sie dazu haben.» Das geht natürlich nicht. Wenn diese Personen wüssten, wie viele Informationen dann auf sie zukämen und welche Arbeit das für uns bedeuten würde. Deshalb ist es wichtig, dass wir genau nachfragen: Was steckt dahinter? Welche Fragen will die Arbeit klären? Hier können meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrer Erfahrung weiterhelfen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Fachstelle für Statistik?

Mir ist es wichtig, dass wir nah bei den Menschen sind. Als die Bibliothek in die Hauptpost umgezogen ist, hatte ich die Vision, mit meiner Fachstelle dort einzuziehen. Wir könnten dort eine Statistik-Sprechstunde einführen. Ich denke, dass vor allem Schüler und Studenten das Angebot wahrnehmen würden. Sie könnten direkt auf uns zugehen. Und wir würden spüren, wo wir unser Informationsangebot verbessern könnten.


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