Hug will seine Zeitung zurück

MEDIEN ⋅ Vor zwei Wochen musste Bruno Hug bei den «Obersee Nachrichten» den Hut nehmen. Jetzt macht er der Besitzerin Somedia ein Übernahmeangebot für die Zeitung. Doch Verleger Hanspeter Lebrument winkt ab.
29. Dezember 2017, 05:21
Conradin Knabenhans

Conradin Knabenhans

ostschweiz

@tagblatt.ch

Seit Wochen machen in der Medienbranche Gerüchte die Runde: Für die «Obersee Nachrichten» wird ein neuer Besitzer gesucht. Der Somedia-Verlag aus Chur, seit 1999 im Besitz der «Obersee Nachrichten», versuchte bereits im Herbst, die Zeitung im Tausch für eine andere Publikation abzugeben, und bot sie später auch zum Kauf an, wie Recherchen der «Zürichsee-Zeitung» zeigen.

Eine Erklärung für das Rascheln im Blätterwald ist der Prozess gegen die Gratiszeitung. Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland urteilte, die ON hätten mit ihrer Kampagne die Stadt Rapperswil-Jona und den Präsidenten der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), Walter Grob, in ihrer Persönlichkeit verletzt. Somedia akzeptierte das Urteil kürzlich. Bruno Hug, freigestellter Chefredaktor der «Obersee Nachrichten» und gleichzeitig deren Gründer, will gegen das Urteil des Kreisgerichts kämpfen (Ausgabe vom 16. Dezember). Und Hug bestätigt auf Anfrage: Er hätte Interesse, die von ihm gegründete Gratiszeitung zurückzukaufen. Dass sich Hug den Kauf der Zeitung leisten könnte, ist ein offenes Geheimnis. Der 63-Jährige ist auch Unternehmer und Besitzer mehrerer Immobilien. Kommt dazu: Ohne «Obersee Nachrichten» fehlt dem streitbaren Journalisten ein Sprachrohr. Kenner der Medienszene halten es deshalb praktisch für undenkbar, dass sich Hug publizistisch zur Ruhe setzen wird.

Somedia-Verleger Hanspeter Lebrument äusserte sich zu den Vorgängen rund um die Kesb-Klage bisher nicht. Auch Hugs Kaufgelüste will der 76-Jährige nicht direkt kommentieren. Auf Anfrage erklärt er aber: «Wer eine Landkarte in die Hand nimmt, sieht, dass die ‹Obersee Nachrichten›, die ‹Südostschweiz See-Gaster› und die ‹Südostschweiz Glarus› sehr gut zu uns und in die Gesamt-‹Südostschweiz› passen.» Daraus folgert Lebrument: «Also müsste schon sehr tief in die Tasche gegriffen werden, bis wir von diesen Stücken eines verkaufen und uns medial schwächen würden.» Die Gerüchte aus der Medienbranche zerstreute der Bündner Verleger gestern: «Es finden zurzeit keine ON-Verkaufsgespräche mit uns statt.»

«Als Verleger interessiert mich das Internet»

Bruno Hug sagt dazu auf Anfrage: «Auch mir wurden die Verkaufsabsichten zugetragen. Und ich zeigte Somedia auch mein Kaufinteresse an.» Der Verlag scheine aber an den «Obersee Nachrichten» festzuhalten. Ob Hug dereinst wieder publizistisch tätig wird, lässt er offen. Sicher bleibe er aber Unternehmer – als Mitgründer und Aktionär der Pizzakuriergruppe Dieci, beim Eishockeyclub Rapperswil-Jona Lakers und bei anderen Projekten. Und: «Als Verleger interessiert mich das Internet.» Er macht auch keinen Hehl daraus, dass er sich gern noch einmal in der Zeitung zu Wort gemeldet hätte. Hug wurde nach dem Kesb-Urteil per sofort freigestellt und konnte nicht mehr für die Zeitung schreiben. «Ich hätte mich natürlich nach dieser langen Zeit von den Leserinnen und Lesern und allen Partnern gern verabschiedet und mich bei ihnen bedankt.»

Ob er gegen das Kesb-Urteil rekurriert, lässt er nach wie vor offen. «Mein Mitredaktor und ich haben die Urteilsbegründung verlangt.» Nach deren Vorliegen werde man weitere Schritte prüfen. Für Hug steht aber fest: «Das Urteil enthält viele äusserst fragwürdige Entscheide.» Beispielsweise könnte ein höheres Gericht der Stadt Rapperswil-Jona die Klagelegitimation absprechen, da die Kesb Linth fachlich von der Stadt unabhängig sei. Zudem schränke der Kampagnenvorwurf die Medienfreiheit stark ein. Zudem habe ihn das Gericht als Redaktor für Facebook-Kommentare verantwortlich gemacht. Er selbst habe aber nachweislich zu Anstand gegenüber dem Kesb-Leiter aufgerufen. Hug zeigt sich überzeugt: Das Melser Urteil könnte in einem nächsten Urteil völlig umgestossen werden – und damit auch die Frage, wer wen zu entschädigen hat.


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