Hat der Grosse auch die Grösse?

STADTRATSWAHLEN ⋅ Der Gaiserwalder Gemeindepräsident Boris Tschirky gilt als Kronfavorit. Doch was macht ihn eigentlich dazu? Ist es die Konstellation, sein Kommunikationstalent, sein Leistungsausweis? Den gebe es gar nicht, sagen seine Kritiker.
21. August 2017, 11:51
Regula Weik

Regula Weik

regula.weik

@tagblatt.ch

Boris Tschirky ist der Grösste. Nicht immer, aber meistens. Mit seinen 1 Meter 92 blickt er häufig auf die andern hinunter. Im Wahlkampf erwächst ihm nun allerdings Konkurrenz: Juso-Kandidat Andri Bösch lässt ihn klein aussehen, er übertrumpft den heutigen Gaiserwalder Gemeindepräsidenten um vier Zentimeter. Schafft Tschirky den Sprung in den St.Galler Stadtrat, können sich seine neuen Kollegen den Grössenvergleich mit ihm sparen – sie wären die Verlierer. Hat der Grosse aber auch die Grösse für das städtische Exekutivamt?

Boris Tschirky? Er sei ein «Gmögiger». Er könne charmant sein – «mit seinem Rheintaler Dialekt». Er sei «freundlich, fröhlich, jovial». So tönt es, wenn nach einer Charakterisierung des Stadtratskandidaten gefragt wird. Er gehe auf die Leute zu, egal ob Büezer oder Studierter. Er sei ein guter, gar begnadeter Kommunikator. Er sei «hemdsärmlig, ein typischer Rheintaler eben». Doch das müsse nicht schlecht sein für einen Stadtrat, relativiert das Gegenüber sogleich. Dann doch eine leise Kritik: «Er ist manchmal zu spontan, zu offen.» Seine direkte Art erlebe er zuweilen als schroff. «Seine Art gefällt nicht allen», sagt Reto Antenen, Beobachter des politischen Geschehens in Stadt und Region und zuvor selber jahrelang aktiver Politiker. Doch sie würde dem Stadtrat nicht schaden, sagt Antenen. Es gebe darin «zu viele stille Schaffer».

Er steht mit dieser Einschätzung nicht allein. Eine extrovertierte Person täte dem Stadtrat gut, heisst es da und dort; die heutigen Mitglieder seien alle «sehr zurückhaltend». Laut und anders – reicht das als Qualifikation für ein Exekutivamt? Antenen winkt ab. Er nehme Tschirky als «eigenständige Person» wahr, eine solche fehle im heutigen Stadtrat. Er traue ihm zu, sich auch dann zu exponieren, wenn er sich damit keine Freunde schaffe. Tschirky nehme kein Blatt vors Maul, bestätigt ein Gemeindepräsidentenkollege.

Laute Kritik an Tschirky gibt es kaum. Wirklich schlecht redet niemand über ihn – schon gar nicht öffentlich. Das mutet seltsam an für eine Person, die wie Tschirky das Bad in der Menge liebt. Vielleicht ist gerade dies der Grund, dass Kritik an ihm nur anonym geäussert wird – er hat schon sehr vielen die Hand geschüttelt. Hinter vorgehaltener Hand heisst es dann allerdings: Tschirky übertünche mit seiner jovialen Art einiges Unvermögen; es fehle ihm an Substanz. Sein Leistungsausweis sei bescheiden; er zerreisse keine Stricke. Tschirky sei «kein Plauderi und kein Grüssaugust, auch wenn er Gott und die Welt kennt», sagt Reto Antenen. Wer behauptet, Tschirky rede vor allem und leiste nicht allzu viel, tue ihm Unrecht, sagt ein auswärtiger Freisinniger. Die städtische FDP hat dem CVP-Kandidaten die Unterstützung zugesagt. Das mag ein weiterer Grund sein, dass sämtliche angefragten Bürgerlichen Tschirky öffentlich «schonen». Sie fielen sonst der eigenen Partei in den Rücken (FDP), oder sie befürchten im Gegenzug Attacken auf den eigenen Kandidaten (SVP).

«Wir wählen jetzt einen Stadtrat»

Davor gefeit ist der ehemalige Olma-Direktor René Käppeli. «Ich würde für ihn keine Lanze brechen. Sein Leistungsausweis als Tourismusdirektor ist für mich nicht erkennbar.» Dann fügt er an: «Er ist ein Karrierist.» Zielstrebig, karriere- und machtorientiert: Diese Eigenschaften fallen in den Gesprächen immer wieder. Er achte stets darauf, woher der Wind gerade wehe. «Er macht keinen Schritt unüberlegt», sagt eine kantonale Politikerin. «Er will nicht eigentlich Stadtrat werden. Er will Stadtpräsident werden.» Was sagt Tschirky dazu? «Wir wählen jetzt einen Stadtrat. Das Präsidium steht nicht zur Disposition.» Der obligate Lacher bleibt aus – wohl im Wissen darum, eine ausweichende Antwort gegeben zu haben. Er, der in jungen Jahren ebenfalls im Journalismus tätig war, fügt denn auch an: «Eine klassische Politikerantwort.» Auf Nachfrage sagt er: «Das Kantonsratsmandat habe ich bewusst angestrebt. Diese Ambition hatte ich.» Stadtrat, Regierungsrat, Nationalrat: Der Name Tschirky fällt immer. «Ich kann mich nicht dagegen wehren.» Ein wenig gebauchpinselt ist er aber schon? «Sicher freuen die Anerkennung und das Vertrauen, das mitschwingt, wenn man genannt wird.»

Darüber, wo Tschirky politisch konkret anzusiedeln ist, gehen die Meinungen auseinander. «Er steht sicher rechts der Mitte, aber nicht rechts», sagt Antenen. Tschirky sieht sich selber «eher auf der liberalen Seite». Er stimme mit der SVP, wirft ihm ein Wähler vor. Er habe im Kantonsparlament für die Verschärfung des Sozialhilfegesetzes gestimmt, sagt Tschirky. «Dazu stehe ich. Wir müssen für den Worst Case Sanktionsmöglichkeiten haben. Deswegen bin ich kein unsozialer Mensch.» Dieser Meinung dürfte auch Kathrin Hilber, ehemalige St.Galler SP-Regierungsrätin, sein. Sie gehört seinem Unterstützungskomitee an und wirbt für ihn: «Boris Tschirky punktet mit Sachverstand und Verhandlungsgeschick. Diese Kompetenzen sind Voraussetzung für politisches Handeln.»

«Er konnte sich ins gemachte Bett legen»

Was Tschirky konkret könne und mache, könne er nicht einschätzen, sagt Max Lemmenmeier, Präsident der St.Galler Sozialdemokraten. Er sei aber weder im Stadtparlament noch im Kantonsparlament oder als Tourismusdirektor sonderlich aufgefallen. Er könne daher keine konkreten Leistungen von ihm nennen. Gaiserwald sei eine gut geführte Gemeinde gewesen, als Tschirky sie vor viereinhalb Jahren als Präsident übernommen habe. «Er konnte sich dort ins gemachte Bett legen.» Auf seine grösste Leistung in der Gemeinde angesprochen, zögert Tschirky nicht lange und erwähnt das Alters- und Pflegezentrum. Die Zustimmung dazu hatte die Bevölkerung noch vor seinem Amtsantritt gegeben; Umzonung, Erschliessung und Bau liefen unter seiner Ägide.

Seit Tschirky die Vereinigung der St.Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten präsidiere – er hat den Vorsitz seit Juni 2016 –, sei von ihr nichts mehr zu hören, moniert ein SVP-Politiker. Michael Götte, Tübacher Gemeindepräsident und SVP-Fraktionschef im Kantonsparlament, hält dagegen: «Ob Tschirky das Gesicht der VSGP neu prägen kann, wird sich erst zeigen.» Für eine Beurteilung stehe er noch zu wenig lang an deren Spitze. Wie sehr die neuen Strukturen Tschirkys Verdienst sind, wie sehr er Treiber der Entflechtung «des alten Filzes» war, darüber gehen die Meinungen auseinander. Er will jedenfalls das VSGP-Präsidium wie auch das Kantonsratsmandat bei einer allfälligen Wahl behalten. Er kapriziere sich in der kantonalen Politik nicht auf ein einziges Themenfeld. Er verstehe sich als Vertreter der Gemeinden, daran werde sich auch bei einer Wahl nichts ändern. Sein bisher einziger Vorstoss galt dem elektronischen Datenaustausch der Grundbuchämter. Auch die Liste seiner Voten ist für einen vielgelobten Kommunikator bescheiden.

Dagegen ist die Liste von Tschirkys bisherigen Tätigkeiten beeindruckend lang. Redaktor, Regional- und Standortförderer im Rheintal, Standortpromotor beim Kanton, Leiter Kongresse & Events, Tourismusdirektor, Gemeindepräsident, Stadtparlamentarier, Kantonsrat. Dass er in seinen bisherigen Aufgaben und Ämtern jeweils viel erreicht habe, wird da und dort angezweifelt. Wenn einer so «herumgumpe», beweise er zwar eine gewisse Flexibilität; dennoch könnte ihm dies dereinst zum Nachteil gereichen, sagt einer, der Tschirkys Laufbahn seit Jahren verfolgt. Gut möglich, dass seine Jobwechsel auch der Grund sind, weshalb es auf die Frage nach seinen konkreten Leistungen wenige Antworten gibt.

Tschirky sei ein typischer Politiker, «immer bemüht, gut dazustehen», sagt ein politischer Gegner. Trotz der verdeckten Kritik: Wirklich ernsthafte Zweifel an seinen Fähigkeiten für das Amt haben ganz wenige. Und falls es nicht klappt, wie lange wird ihm dann das Lachen vergehen? «Nur sehr kurz», lacht Tschirky. «Höchstens eine Minute.»


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