Streit um Theater-Sanierung: "Das Volk getäuscht" oder "nachweisliche Falschinformationen"?

ABSTIMMUNG ⋅ Die SVP bekämpft die Bausanierung des Theaters St.Gallen mit heftigen Mitteln. Die Befürworter des Kredits und die Regierung werfen der Partei Falschaussagen vor. Und warnen davor, Stadt und Land gegeneinander auszuspielen.
08. Februar 2018, 07:44
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Der Abstimmungskampf um den 48,6-Millionen-Franken-Kredit für das Theater St.Gallen spitzt sich einen Monat vor dem Urnengang zu. Unglaubwürdig, ja «unehrlich» sei die Vorlage, ruft die SVP ins St.Gallerland und wirbt für ein Nein gegen das «Fass ohne Boden». Mit einer knallroten Plakatkampagne und zwei Seiten in ihrem in alle Haushalte gestreuten «Extrablatt» wütet die Partei gegen «50 Millionen für neue Überzüge auf alten Stühlen»; die Bauvorlage sei eine Investition «mit bescheidenem Mehrwert», und die Regierung habe das «Volk getäuscht», weil sie 2009 bei der Übergabe von der Stadt an den Kanton von lediglich 8 bis 14 Millionen anstehenden Investitionen sprach.

Schweres Nein-Geschütz, das am Montag das überparteiliche Ja-Komitee auf den Kampfplatz rief: Die Aussagen der SVP seien «selbstentlarvend widersprüchlich» und enthielten «nachweisliche Falschinformationen», schrieb es in einem Communiqué. Punkt für Punkt stellen die Befürworter dem «SVP-Wording» die «Fakten» entgegen, etwa zum «Flickwerk»: «Das Erneuerungs- und Erweiterungsprojekt ist eben genau kein Flickwerk, sondern das, was zweckmässig, mach- und finanzierbar ist, ohne Extrawünsche – typisch st.gallisch haushälterisch.» Und die von der kantonsrätlichen Kommission geprüfte, jedoch als «zu teuer und unrealistisch» verworfene Neubau-Variante sei ein «rein taktisches Manöver», so ihre Folgerung: «Die Gegner wollen gar keinen Neubau, sondern einfach das Theater und die Kultur im Kanton St.Gallen bodigen.» Gestern Mittwoch konterte die St.Galler Regierung an einer Medienorientierung die Vorwürfe der Gegner, konkret allerdings erst auf Journalistenfragen. Gleich mit drei Regierungsräten angetreten – Bauchef Marc Mächler (FDP), Kulturchef Martin Klöti (FDP), Finanzchef Beni Würth (CVP) –, bemühte sie sich um sachliche Information und betonte noch einmal die Dringlichkeit der Vorlage.

Bauchef Mächler kontert «Märchenbuch» und «Fake News»

Von der nötigen Sanierung des «traditionsreichen und bedeutenden Theaters», mit 140'000 Besuchern jährlich drittbestfrequentierte Bühne im Land ein «Standortfaktor» und mit 265 Festangestellten sowie 130 Aushilfen ein «interessanter Arbeitgeber», könne sich die Bevölkerung an Führungen ein Bild machen, sagte Klöti. «Im Bunker ohne Tageslicht stinkt es mancherorts sogar nach Fäkalien.» Für den Kanton gelte: «Was wir übernommen haben, müssen wir auch in Ordnung halten. Und wie bei einer Schule oder einem Spital stellen wir dann nicht das Bildungs- oder das Gesundheitswesen in Frage.»

Bedrückende Verhältnisse im bestbesuchten Ostschweizer Kulturhaus: die Waschküche im Theater St. Gallen. Zoom

Bedrückende Verhältnisse im bestbesuchten Ostschweizer Kulturhaus: die Waschküche im Theater St. Gallen.

Bauchef Mächler erinnerte an die vielen Mängel im Haus – wie die veraltete Lüftung, lecke Heizung, Asbest-belastete Glas-Metall-Fassade, zu niedriger Ballettproberaum. Im Kantonsrat habe es keinen Antrag auf eine Kostenreduktion gegeben, im Gegenteil: «Die SVP wollte die Stühle neu anordnen, was zwei Millionen mehr gekostet hätte.»

Die Forderung nach einem Neubau sei «aus dem Märchenbuch herangezogen», sagte Mächler. Ein solcher würde 130 bis 150 Millionen Franken kosten, oder eher mehr, wie Luzern zeige, wo ein ähnlich grosser Theaterbau zu 208 Millionen vom Volk verworfen wurde. «Und was würden wir mit dem denkmalgeschützten alten Bau machen?» Man habe die Option Neubau als «praktisch nicht machbar und politisch chancenlos» schnell beiseite gelegt, so der Bauchef. «Wenn wir einen Neubau planten, würde man uns vorwerfen, warum wir keine Sanierung machten.»

Die «hohen, aber nicht abwegigen» Honorarkosten begründete er mit dem komplexen Bau und zusätzlichen Fachleuten wie Bühnenplanern: «Bei anderen Spezialbauten wie Spitälern sind die Kosten ähnlich hoch.» In den 7,35 Millionen Honorare seien jene für die Vorbereitungsarbeiten enthalten. «Wie die SVP auf zehn Millionen kommt, weiss ich nicht», meinte Mächler trocken. «In Zeiten von Fake News kann man viel in die Welt hinausrufen.»

Kostenschätzung von 2010 «zu optimistisch»

Auf den Vorwurf der SVP, dem Volk sei 2009 «Sand in die Augen gestreut» worden, gingen die Regierungsvertreter nicht ein. Bauchef Mächler erklärte auf Nachfrage aber die Differenz zur heutigen Kreditvorlage: «Bei den damaligen 14,5 Millionen handelte es sich um eine grobe Kostenschätzung, sie war zu optimistisch.» Doch seien in jenen Kosten die Erweiterung des Garderobentrakts (9,5 Millionen), das Provisorium (4,5 Mio.), die Erhöhung des Ballettsaals (0,5 Mio.) und die Reserven (4 Mio.) nicht inbegriffen gewesen. «Ausserdem sind in der Zwischenzeit zehn Jahre vergangen, in denen wir aus Spar- und anderen Gründen auf die jährliche Million für Unterhalt verzichten mussten.» Unter Einbezug dieser 10 Millionen ergibt sich somit gemäss Rechnung des Bauchefs eine Summe von 43 Millionen Franken.

Mit dem jetzigen 48,6 Millionen-Kredit habe man die «Chance, das Theater mit einer einmaligen Investition langfristig fit für die Zukunft zu machen», schloss Mächler. Bei einer Ablehnung hingegen müsste man «fortlaufend Anlagen erneuern, das wäre dann die Salamitaktik». Mehrjährige Teilsanierungen würden laut Mächler «teurer ausfallen als eine Gesamtsanierung», den Betrieb gefährden und letztlich die Attraktivität des Theaters aufs Spiel setzen.

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