Erst Dancings, dann Hallenstadion

SHOWBIZ-GRÖSSE ⋅ Der Rorschacher Hugo Mauchle kennt die Schweizer Unterhaltungsszene aus dem Effeff. Der frühere Beatmusiker ­betreute Freddy Burgers Clubs, war bis 2013 Vizedirektor des Hallenstadions und managt heute noch Marc Sway.
28. Dezember 2017, 06:26
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Yello im Hallenstadion, Pepe Lienhards Big Band im Volkshaus, Marc Sway im neuen Tommy-Hilfiger-Store an der Bahnhofstrasse – und alles gleichzeitig an einem normalen Donnerstag im Zürcher Abendverkaufsverkehr. Selbst für Hugo Mauchle, der als Unterhaltungsbranchenmanager auf vielen Hochzeiten tanzte, ist das etwas viel. «Ich hatte nicht viel Schlaf, aber es war grossartig», meint er. Wir treffen uns auf einen Tee im Bernhard-Theater, eine der Wirkungsstätten des auf dem Papier pensionierten Eventprofis; hier veranstaltet Mauchle zu­sammen mit Theaterleiterin Hanna Scheuring, Werber Peter Lesch und alt SP-Bundesrat Moritz Leuenberger die monatlichen Bernhard-Matinees – eine populäre Talkshow mit Persönlichkeiten, die nicht selten aus dem famosen Netzwerk Mauchles stammen.

Er kennt sie alle, die Schweizer und viele internationale Showbiz-Grössen, aber die Bitte nach einem Foto mit ihm neben Udo Jürgens, Tina Turner oder Paul McCartney muss er abschlagen: «Ich bin da nie vorne hingestanden, das liegt mir auch gar nicht.» Beiläufig erwähnt er, von McCartney einen Gitarrenverstärker erhalten zu haben, nach einem Wings-Konzert. Und auch wenn er von seinem wohl «grössten Gänsehaut-Moment» als Vizedirektor des Hallenstadions erzählt, schwingt Bescheidenheit mit: «Ich stand beim Soundcheck der Band in der Halle, da tritt Leonard Cohen mit Hut und Rollkoffer ein und kommt direkt auf mich zu, um mir die Hand zu geben: Er meinte offenbar, ich sei wichtig. Noch heute läuft es mir kalt den Rücken herunter.»

Vom Lehrer zum Berufsmusiker und Night-Life-Manager

Nach 45 Jahren in der Unterhaltungsbranche, wovon 13 Jahre im Hallenstadion und 27 Jahre bei der Freddy Burger Management Group, weiss der 70-Jährige viel zu erzählen von den Höhen und Tiefen des Konzertgeschäfts. Längst gehört er als «prägender Mann im Hintergrund» («Eventmagazin») zu den Dinosauriern der Branche; diese treffen sich regel­mässig zum «Dino-Treff», darunter die Plattenfirmenbosse aus der «goldenen Zeit». Mauchle gehört nicht zu den Lauten in der Runde, die krasse Anekdoten herausposaunen; entsprechend diskret, wenn auch mit einem vielsagenden Schmunzeln beantwortet er die Frage nach Groupies und Exzessen jener Jahre. «Da gilt der Satz von H. Elias Fröhlich: Wir späten 40er- und frühen 50er-Jahrgänge erlebten die wildeste und freieste Zeit im Rock ’n’ Roll.»

Wie der Thurgauer Fröhlich, lang­jähriger Chefredaktor von «Pop/Rocky» und «Blick»-Musikchef, machte Mauchle seinen Weg ins Herz des helvetischen Pop-Business aus der Ostschweizer Provinz: In Rorschach als Ältester einer Wirtefamilie («Marktplätzli») aufgewachsen, katholisches Milieu, fünf Geschwister, wird er Primarlehrer mit Stelle in Speicher, ist nach drei Jahren schon im Dorf verwurzelt, als er die Chance der alternativen Laufbahn ergreift: mit seiner Popband Country Five («Wir meinten die fünf vom Land, aber viele Leute dachten, wir spielten Country»), die ab 1970 zur Profiband wird und – später unter dem Namen Cockpit – landauf, landab in Dancings auftritt. Mauchle hat früh mit dem Musikerleben geliebäugelt, «ein bisschen Revoluzzer» ist er schon in der Sek, es gibt Verweise, weil er zweimal die Mädchentreppe benützt, «also verfrachtete man mich ins Kollegium ­Appenzell». Anfang der 60er hat er, zuerst Pianist, später Keyboarder und Saxo­fonist, eine Schüler-Beatband mitgegründet, Les Clochards. Unter den Mitgliedern zwei, die es zu Ruhm bringen sollten: Max Dudler an der Orgel, heute Stararchitekt und Professor in Deutschland, und Gastsängerin Maria Bill, später Burgschauspielerin in Wien. Cockpit ergattern als Tanzband einen EMI-Plattenvertrag und haben mit Walti Parolo aus Arbon einen Sänger, der nebst Englisch auch Italienisch singt, «damit waren wir in den 70ern total im Trend», erinnert sich Mauchle. Allerdings fällt auch die «dunkelste Stunde seiner Musikkarriere» in jene Zeit: Im Februar 1972 begleiten Cockpit im Kursaal Arosa die legendäre Josephine Baker, ohne Proben und mit zerknitterten, vollgekritzelten Notenblättern. «Wir konnten die Songs nicht und waren froh, wenn wir gleichzeitig aufhörten. Ich wäre am liebsten im Graben versunken.» Doch die Band bleibt gefragt und Mauchle gewinnt den bestmöglichen Manager: Freddy Burger, der die Sauterelles und Pepe Lienhard unter Vertrag hat, hilft den Rorschachern mit seinem «unglaublichen Netzwerk» – über die Schweiz hinaus. So spielen Cockpit beispielsweise einen Monat lang in einem neu eröffneten Hotel in Thailand. Burger ist es auch, der Mauchle zu einem «anständigen» Job verhilft: «Mit 30 wusste ich: Wenn ich jetzt nicht aufhöre, bleibe ich bis zur Pensionierung Barpianist. So wechselte ich ins Büro von Burger, vermittelte Künstler, buchte Bands.» Bald übernimmt er als Gastrochef den Betrieb von Dancings in der ganzen Schweiz, darunter die Zürcher Clubs Joker, Mascotte und Sixty One oder die Unterhaltungsbetriebe im Victoria Jungfrau in Interlaken. Besonders gern betreut er das Babalu im St. Galler Silberturm: Unvergesslich der Dreh für Kurt Felix’ TV-Sendung «Versteckte Kamera», als bei Hazy Osterwalds «Kriminal­tango»-Show die Band am Ende im künstlichen Regen steht, weil der Schlagzeuger mit seinem Schuss vermeintlich die Sprinkleranlage getroffen hat.

Ostschweiz im Abseits, weil in St. Gallen geeignete Lokale fehlen

Babalu, Trischli, Schützengarten: St. Gallen hatte damals einen guten Stellenwert als Ausgehstadt. Das habe etwas gelitten, bedauert Mauchle, der mit Wohnort am Greifensee und Lebenszentrum Zürich bis heute in die Ostschweiz kommt und FCSG-Fan geblieben ist. St. Gallen fehlten Veranstaltungslokale mittlerer Grösse, wie er als Manager von Marc Sway weiss. «Es ist sehr schade, wenn Stephan Eicher und Martin Suter oder Hechtplatz-Theater-Leiter Dominik Flaschka, ein Rorschacher, für ihre Produktionen keinen geeigneten Ort im Osten finden», sagt der Szenenkenner. So müssten viele interessierte St. Galler nach Zürich fahren. Und bei grossen Konzerten kann die Gallusstadt, vom Open Air abgesehen, sowieso nicht mithalten: «Zürich, Basel und Bern spielen mit ihren Stadien eine Liga höher.» Seine Kontakte lässt Mauchle etwa für die «Nacht des Ostschweizer Fussballs» spielen, wo er jeweils die Unterhaltung organisiert.

Er wäre mit seinem Gespür für Menschen(massen) und Stimmungen nicht der erfolgreiche Veranstalter, Vermittler und Vernetzer, wenn er nicht wüsste, wo wer und was am besten funktioniert. Sein Lebenswerk ist das «wertvolle Netzwerk», das man erarbeiten und ­pflegen müsse. Als seinen «Lebenssong» nennt er Mike And The Mechanics’ «The Living Years»: «Im Refrain heisst es, man solle zu Lebzeiten miteinander reden und einander zuhören. Das war mir immer wichtig.» Die Einladung in die Royal Albert Hall unter den «Friends of Eric Clapton», frühe Konzerte «heisser britischer Bands» wie die Kinks in Kreuzlingen («bei Mama Wirz») und in Rorschach («vermutlich in der ‹Traube›»), ein Spitalbett-Besuch von Soulsänger Percy Sledge – Hugo Mauchles Erinnerungen könnten ein dickes Buch füllen.

Im Bernhard-Café ist nun Hanna Scheuring eingetroffen, die Details für die nächste Matinee mit Mike Müller klären will. Mauchle ist im Haus unabdingbar, so wie an manchen Orten, wo seine Erfahrung gefragt ist. Oder mit Scheurings Worten: «Wenn was ist, frag ich Hugo.» Ein Kreis wird sich am 15. Oktober 2027 schliessen, wenn Peach Weber zum 75. Geburtstag sein Abschiedskonzert im Hallenstadion gibt – aufgegleist von Mauchle noch als Hallenstadion-Vize und als «Vorverkaufs-Weltrekord» bezeichnet. Ein Problem sind die verblichenen Sitznummern auf den Tickets, aber da bleiben noch zehn Jahre, um eine ­Lösung zu finden, lacht Mauchle. Er wird wohl wie früher bis zum Schluss bleiben: «Die glücklichen Gesichter beim Ausgang waren mein Antrieb und der grösste Dank für meine Arbeit.»


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