Sigmar Willi von der FHS zu Ganser: "Die Öffentlichkeit hat das Recht, seine Theorien anzuhören"

NACHGEFRAGT ⋅ Für den Networking-Tag hat die Fachhochschule St.Gallen den Verschwörungstheoretiker Daniele Ganser als Referenten eingeladen. Sigmar Willi, Leiter FHS Alumni und Verantwortlicher des Networking-Tags, sagt im Interview, wieso der umstrittene Historiker ausgewählt wurde.
12. April 2018, 16:02
Jonas Manser
Die Einladung von Daniele Ganser an den Networking-Tag der Fachhochschule St.Gallen (FHS) könnte man als gerissene PR-Aktion sehen. Wieso wurde genau Ganser angefragt?
Provokation im medialen Sinne war nicht geplant. Wir wollten einen Historiker für unser Programm engagieren. Ich stellte beinahe ein Jahr vor dem Anlass die Liste mit den Referenten zusammen. Als ich Daniele Ganser anfragte, gab es noch keinen Medienrummel um seine Person. Den Lehrauftrag an der Universität St.Gallen hielt er zu diesem Zeitpunkt noch inne. Es ist reiner Zufall, dass er in letzter Zeit in den Medien erschien.

Welchen Mehrwert verspricht sich die FHS St.Gallen von der Teilnahme von Daniele Ganser am Networking-Tag?
Das diesjährige Motto lautet: Die Demokratie auf dem Prüfstand. Er referiert als Historiker über die geschichtliche Entwicklung der Schweiz sowie die Neutralität. Das ist sein Auftrag. Wir haben ihn eingeladen, um dieses Thema aus einem anderen Blickwinkel zu beleuchten, Abwechslung in unser Programm zu bringen und allenfalls geteilte Meinungen auszulösen. Wir wollen den Gästen abwechslungsreiche Unterhaltung bieten. Dazu laden wir gerne Referentinnen und Referenten ein, die zu provozieren vermögen. Die Öffentlichkeit hat meiner Meinung nach das Recht darauf, seine Theorien anzuhören. Das Publikum hat nach dem Referat Gelegenheit, Daniele Ganser Fragen zu stellen und seine Thesen zu hinterfragen.

Es ist anzunehmen, dass die FHS als Ausbildungsstätte Wahrheiten verbreiten möchte, die auf wissenschaftlich erarbeiteten Ergebnissen beruhen.  Steht Ganser mit seinen Theorien nicht im Widerspruch dazu?
Der öffentliche Alumni-Anlass ist komplett losgelöst von unserer Funktion als Ausbildungsstätte. Beim Networking-Tag handelt es sich nicht um einen Ausbildungstag, ein wissenschaftliches Symposium oder ein Podium. Das Publikum kann über die Inhalte der Referate selbst urteilen - das sind alles gebildete Leute.

Sie haben behauptet, dass die Einladung Gansers dem Ruf der FHS nicht schaden würde. Universitäten in St.Gallen, Basel oder Zürich haben sich mittlerweile vom umstrittenen Historiker getrennt. Was halten Sie davon?
Er tritt bei uns nur als Referent auf. Die Fachhochschule vergibt keinen Bildungsauftrag an Ganser und äussert sich nicht zu den vorgetragenen Inhalten. Ausserdem wissen wir gar nicht, wie provokant er sein wird. Er hat einen klaren Auftrag. Wir werden sehen, was er daraus macht.

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