"Journalismus hautnah": Die Versprechen der Onlinewochenzeitung "Die Ostschweiz"

NEUES PROJEKT ⋅ Die Onlinezeitung «Die Ostschweiz» erscheint am 26. April. Darin sollen Politiker, Pfarrer, Unternehmer und Künstler aus der Region zu Wort kommen. Das Medium sei nicht klar positioniert, kritisiert ein Onlineexperte.
08. April 2018, 05:17
Janina Gehrig

Janina Gehrig

janina.gehrig@ostschweiz-am-sonntag.ch

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Journalismus hautnah. Dialog statt Frontalunterricht. Eine ­Zeitung, welche die ganze Ostschweiz abbildet, aber dennoch massgeschneidert ist für jeden Leser. Eine Zeitung, die entschleunigte Information bietet, ohne im dauernden Wettlauf mit den anderen zu sein. So oder ähnlich wird auf sozialen Medien seit Monaten für «Die Ostschweiz» geworben, die neue Onlinezeitung der St.Galler PR-Leute Stefan Millius und Marcel Baumgartner. Nun steht fest, wann das Medium mit der laut eigenen Angaben «grössten Redaktion der Schweiz» erstmals erscheint: am 26. April.

Stefan Millius lancierte appenzell24.ch und ostnews.ch.

Stefan Millius lancierte appenzell24.ch und ostnews.ch.

Politiker, Kulturschaffende und Pfarrer als Autoren

«Den Startschuss werden wir mit einem Bier im Büro feiern», sagt Millius. Seit vergangenem Sommer habe er die Hälfte seiner Arbeitszeit für das Projekt aufgewendet. Viel Zeit in Anspruch nahm ­dabei die Suche nach potenziellen Schreiberlingen. Zum ständigen Kernteam gehören nämlich nur Millius und Baumgartner, die gleichzeitig auch Mitglieder der Chefredaktion sind, sowie zwei weitere Mitarbeiterinnen. Neben journalistischen Texten aus den Bereichen Politik, Kultur, Sport, Gesellschaft und Wirtschaft setzen die Inhaber der Agentur Insomnia vor allem auf Meinungsbeiträge. So verspricht Millius eine «Flut von Ostschweizerinnen und Ostschweizern», die als Gastautoren zu Wort kommen sollen.

Auf der ­Liste der über Dutzend ständigen Autoren fungieren zudem Jour­nalisten, Kabarettisten, Politiker und Pfarrer; etwa Markus Schär, ­Ex-Bundeshausredaktor bei «Die Weltwoche», Ronny Grob, stell­­vertretender Chefredaktor des «Schweizer Monats», Giuseppe Gracia, Buchautor und Sprecher des Bistums Chur, der Blogger Marcel Baur oder Rorschachs Stadtpräsident Thomas Müller. Frauen sind in der Unterzahl. Die Thurgauer Politkommunikatorin Brigitte Kaufmann und die St. Galler Künstlerin Sabeth Holland sind bisher die Einzigen, die als ständige Autorinnen verpflichtet werden konnten. Für das Wetter ist Meteorologe Jörg Kachelmann zuständig.

Die Onlinewochenzeitung wird ihre Inhalte kostenlos zur Verfügung stellen. Finanziert wird sie «aus eigenen Kräften», durch Anzeigen und Beiträge von Gönnern. Eine Clubmitgliedschaft Gold setzt einen Mindestbeitrag von 3333 Franken voraus, die Silber-Version kostet 888 Franken. Wer ist bereit, dies zu bezahlen? Millius spricht von ein paar Dutzend Leuten, die zu den Gönnern gehörten. Er räumt ein, dass es ein «gewisses Erschwernis» gewesen sei, Anzeigenkunden für ein noch nicht existierendes Medium zu finden. Dass es mit der Finanzierung hapern könnte, liess Ende März ein SMS-Spendenaufruf auf Facebook vermuten. «Wir betteln nicht gerne, aber wir tun es voller Stolz», hiess es. Millius beschwichtigt. «Das hing nicht mit der Finanzierung zusammen. Wir wollten den Leuten die Möglichkeit geben, mitzumachen.»

Geplant sind neben der Onlineversion auch einzelne Printausgaben an «ausgesuchte Zielgruppen», etwa im Vorfeld der Olma. Auf die Frage, wie unabhängig «Die Ostschweiz» dabei noch bleibe, sagt Millius: «Wir machen unabhängigen Journalismus und nichts Kampagnen­gesteuertes».

Von Vorteil sei, dass man keinen Pflichtstoff bieten müsse, sondern in der Themenwahl frei sei. Dabei stehe das Tempo nicht im Vordergrund. «Wir haben keine Newsreporter und machen keine Matchberichte oder Stadtratsberichterstattung, sondern setzen den Schwerpunkt auf Hintergrundgeschichten», sagt Millius.

«Ein Produkt von Werbern, nicht von Journalisten»

Der Internetunternehmer Peter Hogenkamp findet es lobenswert, dass «man etwas gegen die schwindende Medienvielfalt unternehmen möchte. Ich habe aber Mühe mit diesem Weltverbesserer-Approach: Dabei wird ein postapokalyptisches Bild vom Journalismus gezeichnet, der jetzt gerettet werden muss.»

Für Hogenkamp handelt es sich bei der «Ostschweiz» zudem klar um ein Produkt, «das sich Werber ausgedacht haben, nicht Journalisten». Dass ein Zeitungsabo als exklusive Clubmitgliedschaft interpretiert werde, sei zwar nicht falsch. «Andererseits preisen sich die Macher der Zeitung – wie auch jene der «Repu­blik» – als Erlöser der Medienwelt an. Von der Positionierung her ist das ein Durcheinander.»

Die Krux für neue Medien sei nicht primär das Fundraising, sondern ein Jahr nach Lancierung weiter bestehen zu können. «Die Aboverlängerung ist das grosse Problem. Die Gönner müssen überzeugt sein, weiter einen Nutzen aus dem Medium ziehen zu können», sagt Hogenkamp. Ob dies der «Ostschweiz» gelingt, wird sich weisen.


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