Ein Kiesprojekt gibt Rätsel auf

ALTES UND NEUES KIESABBAU-PROJEKT ⋅ Die Wattwiler Grob Kies AG baut seit Jahren in Degersheim Kies ab. Ein neues Projekt mit riesigen Dimensionen kommt bei der Bevölkerung zwar gut an, stösst aber dennoch auf Widerstand – in der Gemeinde und beim Kanton.
25. August 2017, 10:22
Christoph Zweili

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Die Dimensionen sind gewaltig, selbst für langjährige «Kiesler». Die mit 150 Jahren älteste Kiesfirma im Kanton St.Gallen, die Grob Kies AG mit Sitz in Wattwil, will im Gebiet Haslen-Bühlberg bei Degersheim nördlich und südlich der SOB-Bahnstrecke sieben Millionen Kubikmeter Kies abbauen. Das entspricht dem Volumen von 7000 Einfamilienhäusern – und das über einen Zeitraum von mehr als 140 Jahren. Wäre dannzumal das Gelände wieder aufgefüllt, stünde der Grat des Bühlbergs 20 Meter tiefer in der Landschaft. Das Projekt wurde im September 2016 eingereicht. Da staunt selbst Ueli Jud, Präsident vom Kantonalverband Steine Kies Beton St. Gallen: «Unsere Branche denkt in Generationen. Von Abbauvorhaben über 80 Jahre im Kanton habe ich schon gehört, aber über 140 Jahre?»

In der Bevölkerung ist die Baustoffbranche nicht gerade beliebt. Niemand hat gern eine Kiesgrube hinter dem Haus. In Degersheim spricht Gemeindepräsidentin Monika Scherrer aber von einer «positiven Grundstimmung» gegenüber dem neuen Abbauprojekt. An einer öffentlichen Informationsveranstaltung im Oktober 2016 hätten sich sehr viele Degersheimer dafür interessiert. Dennoch gingen während der Auflage des Abbauplans sechs Einsprachen ein, unter anderem wegen Bedenken zu den Lärmimmissionen. Der Gemeinderat hat sie im Juli 2017 gutgeheissen. «Damit ist das Projekt wieder auf Feld 1», sagt Scherrer. Die Firma Grob hat daraufhin den Rechtsweg beschritten und Beschwerde beim kantonalen Baudepartement eingereicht.

«Wird der Rekurs abgewiesen, stünde das Projekt im luftleeren Raum», sagt Kantonsplaner Ueli Strauss. Er rät angesichts der Dimensionen zur Vorsicht – noch nie sei ein mehr als 100-jähriger Abbau bewilligt worden. Ein Vorhaben von dieser Grösse wäre «ein Präjudiz mit Signalwirkung auf andere», die Vorprüfung durch die Fachstellen daher zwingend: «Das brechen wir nicht übers Knie.» Tätig werden könne der Kanton allerdings erst, wenn das Verfahren auf Gemeindestufe abgeschlossen sei oder falls Grob den Rekurs zurückziehe: «Dann sind wir jederzeit zu einer offiziellen Vorprüfung bereit.»

Grob will ab und zu wissen, wer recht hat

Die Firma Grob führt Kies- und Betonwerke in Bütschwil, Degersheim und Nassen in der Gemeinde Neckertal. Auch in der Gemeinde Bazenheid baut sie Kies ab. Jacques Grob hat die Geschäftsführung zwar in jüngere Hände gegeben, doch das Projekt Haslen-Bühlberg betreut der Verwaltungsratspräsident selber. Der ehemalige Präsident des Fachverbandes der Schweizer Kies- und Betonindustrie gilt in der Branche als jemand, «der ab und zu wissen will, wer recht hat». Im April 2016 hatte das Bundesgericht nach 25 Jahren Rechtsstreit entschieden, dass Grob im Nassenfeld Süd unterhalb des Grundwasserspiegels kein Kies abbauen darf. Die Lausanner Richter argumentierten, dass nach dem Abbau das natürliche Grundwasserreservoir unwiderruflich zerstört wäre und seine Nutzung zu Trinkwasserzwecken auch für künftige Generationen unmöglich sei. Diese Einschränkung gilt auch für das Rheintal. Ausgerechnet die kiesreichste Region im Kanton leidet an einer Unterversorgung: Wegen des Grundwasserschutzes bewilligt der Kanton keine Abbaustellen mehr. Grob zeigte sich enttäuscht über den Entscheid der Lausanner Richter. Damit könne nun eine Million Kubikmeter Kies nicht abgebaut werden. «Das hätte den Verbrauch von rund 20 Jahren gedeckt.»

Ortstermin im Weiler Bühl, 796 Meter über Meer. Enttäuscht ist der 66-jährige alt FDP-Kantonsrat auch über die Haltung der Behörden zum Abbauprojekt Haslen-Bühlberg. «Damit wird eine fünfjährige Planung zunichte gemacht.» Mehrere hunderttausend Franken seien vergeblich investiert worden. In der bestehenden Kiesgrube Tal, nahe der Grenze zum Kanton Appenzell Ausserrhoden, wird seit den 1970er-Jahren Kies abgebaut. Die Grube in einem Moränen- hügel, ein Relikt des urzeitlichen Rheingletschers, wird sukzessive wieder mit sauberem Aushubmaterial auf die alte Terrainhöhe aufgefüllt. Das Werk ist am Anschlag: Noch bis 2027 werden hier jährlich bis zu 80000 Kubikmeter Kies für Baustoffe gewonnen und mit Lastwagen abgeführt. Dieser Schritt sei nötig geworden, nachdem der Kanton 1960 den Abbau aus Fliessgewässern wie Sitter und Thur untersagt habe, sagt Grob.

«Damals sind die Kiesgruben unkontrolliert abgebaut und die Bauern irgendwie entschädigt worden.» Er zeigt auf eine überwachsene kleine Nagelfluhgrube unterhalb des Bühlbergwaldes. Hier drunter weiss Grob das «graue Gold», wie man dem Kies im Volksmund einst sagte. Ein Rohstoff, der in der Schweiz in rauen Mengen vorhanden ist: Ohne Kies kein Beton. Ohne Beton keine Häuser, Strassen, Autobahnen. Hier, am Bühlberg – am östlichen Ende der grossen Nagelfluhbänke – hat das Kies nicht ganz die Qualität für hochwertigen Beton. «Es ist nicht frostbeständig. Für Autobahnen oder Brücken muss man anderes Material dazu mischen.»

Branche steht in hartem Preiskampf

«Das mit dem Gold war einmal», sagt Verbandspräsident Jud. Die dem Kantonalverband angeschlossenen Betriebe, noch immer geprägt von familiengeführten Unternehmen, stünden in einem harten Preiskampf. Trotz boomender Baukonjunktur und voller Auftragsbücher sinken die Preise aufgrund der ausländischen Konkurrenz: Rund ein Drittel des Kieses kommt aus dem nahen Ausland, trotz der anfallenden Transportkosten. Überleben könnten heute nur noch breit aufgestellte Betriebe, die neben der Kiesgewinnung noch in weiteren Bereichen wie Hoch- und Tiefbau tätig seien: «Viele bauen Kies ab, verdienen Geld mit Transporten, eigenen Betonmischwerken und dem Rekultivieren der Kiesgruben. Schwarze Zahlen schreibe heute nur, wer langfristig vorausplane und eine Mischrechnung mache: «Je höher die Auslastung, desto eher geht die Rechnung auf.» Die Branche sei heute im Clinch: Um die Existenz zu sichern, werde in Generationenwerken geplant, «beim Verhandeln sind aber die Tagespreise gefragt».

In das Projekt involviert war auch die Südostbahn. Für sie ist der Zug aber bereits abgefahren. Laut Bundesvorgabe muss die SOB den 100-jährigen Bühlbergtunnel zwischen den Doppelspurstrecken Hoffeld bis Degersheim und Wissenbachviadukt nach Schachen sanieren – der 450 Meter lange Tunnel liegt mitten im geplanten Abbaugebiet. Jacques Grob empfahl eine neue Doppelspur-Tunnelröhre im Tagebau, zu realisieren vor dem eigentlichen Abbauprojekt. Für den Aushub hätten dafür innerhalb eines Jahres 500000 Kubikmeter Fels abgebaut werden müssen – mehr als das Fünffache des jährlichen Abbauvolumens im Normalbetrieb der nahen Kiesgrube Tal. «Dieser Vorschlag war für uns interessant, falls der Kanton dem Vorhaben zugestimmt hätte», sagt CEO Thomas Küchler. «Mit dem doppelspurigen Tunnel hätten wir den Fahrplan stabilisieren können. Dafür hätten wir aber 2018 beginnen müssen, um den neuen Tunnel 2020 in Betrieb zu nehmen.» Das reiche nun aber zeitlich nicht mehr: «Diese Chance ist verpasst.» Die Geschäftsleitung habe beschlossen, dass der Tunnel konventionell saniert werde. Gemäss dem Unternehmen wird dafür ein Millionenbetrag aufgewendet.


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