Grand Resort Bad Ragaz: Ein Luxushotel und sein Dorf

TOURISMUS ⋅ Mit dem «Quellenhof» hat Bad Ragaz ein Luxushotel, in dem Weltstars, Oligarchen und Diplomaten übernachten. Bekommen die Dorfbewohner davon etwas mit? Welche Rolle spielt das Grand Resort für die Gemeinde? Ein Besuch dies- und jenseits der Tamina.
Aktualisiert: 
02.09.2017, 18:00
02. September 2017, 08:28
Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Der Wohlstand in Bad Ragaz hat 36,5 Grad. Es ist die Temperatur des Quellwassers aus der Taminaschlucht und der Grund, weshalb sich das Bauerndorf in einen mondänen Kurort verwandelt hat. Ein Ort, der exemplarisch für die Entwicklung des Schweizer Tourismus steht, die Globalisierung, das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik und das Verhältnis der Bewohner eines Dorfes zum grössten Arbeitgeber.

Eines ist in Bad Ragaz immer gleich geblieben: die Wassertemperatur. Jäger entdeckten die warme Quelle um 1240. Im 16. Jahrhundert wurden Heilsuchende an Seilen in die Schlucht hinunter­gelassen, heute geht Genesung komfortabler: in der Tamina Therme und im Wellness- und Spa-Bereich des Grand Resort Bad Ragaz. Der prestigeträchtige Komplex mit den beiden Grand Hotels Hof Ragaz und Quellenhof liegt am Kurpark, gemähter Rasen, Blumeninseln, Bänke unter Bäumen. Zwei Frauen schlendern durch den Park, Russisch redend. Am Vordach des «Quellenhofs» fünf goldene Sterne, vor dem Eingang ein Brunnen, Mercedes und BMW mit deutschen und Schweizer Kennzeichen.

Wer hier ein- und ausgeht, dazu möchte sich der CEO des Grand Resorts Bad Ragaz, Patrick Vogler, nicht äussern: «Bei uns herrscht absolute Diskretion.» Vogler, 42 Jahre, sitzt im blauen Anzug in einem Korbsessel auf der «Quellenhof»-Terrasse. Seit 1. Juli ist der ehe­malige Finanzchef Geschäftsführer. Eine Kellnerin bringt eine Cola für den CEO und ein Wasser für den Gemeindepräsidenten von Bad Ragaz. Daniel Bühler, 47, für die FDP im St. Galler Kantonsrat, ist seit fünf Jahren im Amt. Vogler und Bühler haben ein gemeinsames Treffen angeregt. «Gäbe es grosse Differenzen zwischen uns, würden wir das nicht tun», sagt Bühler. Als er sieht, dass Vogler keine Krawatte trägt an diesem schwülen Nachmittag – gefühlt hat die Luft ebenfalls 36,5 Grad –, legt er seine ab. Als sich der CEO zurücklehnt, lehnt sich auch der Gemeindepräsident zurück. «Wir profitieren von der Gemeinde und die Gemeinde von uns», sagt Vogler. Es sei ein Anliegen des Grand Resort, dass die Besucher ein attraktives Dorf vorfinden. Ein Geben und Nehmen. Manche Bewohner finden, das Hotel nehme etwas zu viel und gebe etwas zu wenig. Im Grand Resort würden immer mehr Läden eröffnen, die Gäste hätten kaum mehr einen Grund, ins Dorf zu kommen. Vogler sagt, es gebe schon seit über 100 Jahren Läden im Hotel, das sei ein Teil der ­Hotelkultur. Aktuell seien es fünf, darunter ein Juwelier, der auch im Dorf eine Filiale hat. «Kritiker wird es immer ­geben», fügt Bühler hinzu und holt eine Liste mit Projekten hervor, bei denen ­Gemeinde und Grand Resort zusammenarbeiten oder die Gemeinde das Resort unterstützt. Erster Punkt: Golfplatz ­Heidiland.

Konsternation über Kirchenabbruch

Ein Projekt, nicht auf der Liste, das beide betrifft, ist die geplante Dorfkern­umfahrung. Im Mai verwarf das Stimmvolk deutlich die Variante Mühlerain. Sie hätte den Verkehr durch den Kurpark geleitet – zum Ärger des Grand Resort. Es sicherte für eine Alternative 5 von knapp 21 Millionen Franken zu. Sieht der Gemeindepräsident ein Problem darin, dass sich ein Unternehmen in die Politik einmischt? «Es gibt immer unterschiedliche Interessengruppen.» Bei Bauvorhaben des Grand Resort würden ältere Dorfbewohner an die Englische Kirche denken, sagt ein Ur-Ragazer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Kirche wurde 1906 gebaut. Die Thermalbäder und Grandhotels Bad ­Ragaz AG kaufte sie im Februar 1972 und brach sie keine drei Wochen später ab. «Die Konsternation in der Bevölkerung war gross und der Kurort Bad Ragaz um ein einzigartiges Baudenkmal ärmer!», heisst es auf der Internetseite der Gemeinde. In Anlehnung an den Rösti­graben falle dann der Begriff Tamina­graben, sagt der Alteingesessene. Die Tamina, rau und graublau, trennt den Kurpark vom Oberdorf. Über dem Fluss Brücken, mit Geranien behangen. Kleinere Läden im Oberdorf: eine Apotheke, ein Coiffeur, zwei Boutiquen. An den Scheiben eines leeren Raums steht «Total­ausverkauf».

Frankenschock und strengere Krankenkassen

Im Restaurant Central im Oberdorf sitzen Männer, jeder ein Bier vor sich. Sie sprechen über das Unglück bei Bondo, den Klimawandel. Nur auf die Ameri­kaner zu schimpfen bringe nichts, sagt einer. Man müsse bei sich anfangen. Wärmere Winter machen den Pizol­bahnen zu schaffen, hinzu kommt die Frankenstärke. Seit 2009 haben sechs Gastbetriebe in Bad Ragaz zugemacht. Die Zahl der Logiernächte ging in dieser Zeit um 35 000 zurück. 2016 verbuchte der Ort 154 000 Übernachtungen, 1994 waren es doppelt so viele. Ein Grund für die Abnahme ist, dass Krankenkassen, insbesondere deutsche, nicht mehr selbstverständlich wochenlange Kur­aufenthalte zahlen.

Der Umsatz der Grand-Resort-Bad-Ragaz-Gruppe ist hingegen in den vergangenen Jahren, abgesehen von 2016, gestiegen. Vergangenes Jahr machte die Gruppe einen Umsatz von 112,1 Millionen Franken. Mehr als die Hälfte der Übernachtungen im Dorf gingen auf ihr ­Konto. Das günstigste Zimmer im «Hof Ragaz» kostet knapp 410 Franken, das teuerste im «Quellenhof», der «Penthouse Floor», bis zu 16 000 Franken – pro Nacht. Zum Grand Resort gehören neben Hotels auch Restaurants, Golfplätze, ein medizinisches Zentrum und ein Casino. Während die Gäste bis vor 20 Jahren meist mehrere Wochen blieben, seien es heute im Durchschnitt zwei bis fünf Tage, sagt CEO Vogler. Russland, die Ukraine und der Mittlere Osten seien wichtige Märkte. Rubelschwäche und Ausreiseerschwernisse hätten in der heimischen Tourismuslandschaft «deutliche Spuren hinterlassen», heisst es im Geschäftsbericht 2016.

Weniger Gäste, mehr Diskretion

Dass sich Feriendauer und Gäste verändert haben, ist spürbar. «Früher kannte man die Namen einiger Gäste, die jedes Jahr und länger kamen», sagt Sabina Bollhalder, 57, Verkäuferin in der Boutique «Express yourself» im Oberdorf. Eine Kundin sieht sich im Laden um, Kleider, Jäckchen und Blusen, farblich abgestimmt an Haken, blau, braun, weiss, rosé. Früher sei mehr los gewesen im Dorf, man spüre, dass mehrere mittelpreisige Hotels geschlossen hätten. Das sagen auch andere Bewohner. Die Älteren schwärmen von der Kurmusik, die früher dienstagmorgens im Dorf spielte, vom Blumencorso, von den Kutschen, die Gäste vom Bahnhof zu den Hotels brachten. Bis in die 1960er-Jahre hinein wurde in Fremdenblättern veröffentlicht, wer gerade in Bad Ragaz zu Gast war – Diskretion spielte damals eine andere Rolle. Sie sei froh, dass es das Grand Resort gebe, sagt Bollhalder, und lobt dessen Angebote: das Lichterfest im ­Kurpark in der Vorweihnachtszeit mit Schenkeli für alle, die Therme und die Restaurants. So lautet auch der Tenor im Dorf. 5900 Einwohner zählte Bad Ragaz Ende 2016. Die Zahl der Übernach­tungen sinkt, die Bevölkerung wächst. Selbst wenn manche sagen, das Hotel könnte mehr für die Gemeinde tun, sind alle Befragten froh über das, was es bietet. Das sind vor allem Arbeitsplätze. Das Grand Resort ist mit 777 Mitarbeitern der grösste Arbeitgeber im Dorf.

Justin Bieber und ein deutscher Fussballclub

Auch wenn sich das Grand Resort bedeckt gibt, dringen ab und an Namen nach aussen, zum Beispiel Justin Bieber. Der kanadische Popstar fuhr im Juni mit dem Golfwagen durch Bad Ragaz und kassierte eine Busse von 1000 Franken. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass der britische Sänger Robbie Williams vor geschlossener Gesellschaft im Kursaal aufgetreten war, 2016 soll Christina Aguilera auf der Geburtstagsparty eines russischen Oligarchen gesungen haben. Die Frage nach einer schwarzen Liste für Gäste lässt CEO Vogler unbeantwortet. Medienwirksam inszeniert werden die jährlichen Trainingslager des BVB in Bad Ragaz. Vor kurzem hat sich die Mannschaft wieder im «Quellenhof» einquartiert. Auch Besucher des WEF in Davos übernachten im «Quellenhof». Diese Gäste schaffen eine gewisse Öffentlichkeit, ihr Schutz ist für die Kantonspolizei zur Belastung geworden.

Ob Diplomaten, Oligarchen, Popstars oder Fussballspieler – die Dorfbewohner lässt es kalt, wer jenseits der Tamina weilt. Nur so kann Diskretion überhaupt funktionieren. Und bei aller Unaufdringlichkeit schwingt auch etwas Stolz mit, dass Bad Ragaz vielen ein Begriff ist – ­wegen 36,5 Grad warmen Wassers.


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