"Sie kämpfen im Stillen und sparen sich vieles vom Mund ab": Die unbekannten Armen der Ostschweiz

SOZIALE NOT ⋅ In der Schweiz leben über 600000 Menschen in Armut. Wie viele Haushalte in der Ostschweiz betroffen sind, wissen die Kantone jedoch nicht. Sozialwerke berichten, dass immer mehr Bedürftige ihre Hilfsangebote nutzen.
15. April 2018, 07:27
Michael Genova
Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper
 
  • In der Schweiz waren 2016 waren rund 615'000 Personen von Armut betroffen. Das hat das Bundesamt für Statistik bekannt gegeben.
  • Die Ostschweizer Kantone wissen jedoch wenig über Armutsgefährdete in ihrer Bevölkerung. Der Kanton St.Gallen arbeitet zurzeit an einer entsprechenden Analyse.
  • Sozialwerke warnen, dass Menschen trotz Berufstätigkeit ihren Lebensunterhalt nicht mehr ohne Hilfe bestreiten können.

Eine Mutter verliert durch einen Unfall ihren Ehemann und muss ihre zwei Kinder plötzlich alleine durchbringen. Ein Familienvater verdient als Schichtarbeiter 3500 Franken pro Monat – zu wenig, um seinen Kindern den Zahnarzt zu bezahlen. Solche Schicksale stehen für die rund 615'000 Personen, die in der Schweiz in Armut leben. Dies zeigen aktuelle Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS). Im Jahr 2016 waren 7,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung von Armut betroffen, 2013 waren es noch 5,9 Prozent.

Trotz steigender Tendenz wissen die Ostschweizer Kantone wenig über Armutsgefährdete in ihrer Bevölkerung. Über Sozialhilfeempfänger gibt es zwar zahlreiche Statistiken, die Zahl der Menschen am Existenzminimum ist hingegen eine grosse Unbekannte. Im vergangenen Jahr wollte die SP-Grünen-Fraktion im St.Galler Kantonsrat wissen, wie viele Menschen im Kanton St.Gallen unterhalb der Armutsgrenze leben. Die Regierung musste jedoch passen. Differenzierte Analysen zur wirtschaftlichen Situation der privaten Haushalte lägen voraussichtlich Anfang 2018 vor.

Kantone wissen wenig über Arme

Doch die Prognose war zu optimistisch. Das Projekt habe sich verzögert, mit ersten Daten sei frühestens im kommenden Herbst zu rechnen, teilt die St.Galler Fachstelle für Statistik auf Anfrage mit. Auch andere Ostschweizer Kantone tappen im Dunkeln. Der Thurgau erfasst zwar Menschen, die ein erhöhtes Armutsrisiko haben, beschränkt sich dabei jedoch auf solche, die bereits Leistungen vom Staat beziehen. Auch in Appenzell Ausserrhoden ist die Datenlage dürftig. Im vergangenen Monat reichte die ­SP-Fraktion deshalb ein Postulat ein, in dem es von der Regierung einen Bericht zur sozialen Lage der Bevölkerung verlangt.

Lorenz Bertsch, Bereichsleiter der Sozial- und Schuldenberatung bei Caritas St.Gallen-Appenzell, begrüsst die Vorstösse: "Konkrete Zahlen führen dazu, dass Armut sichtbar wird." Er erwarte deshalb den Bericht der St.Galler Regierung mit Spannung. Bertsch kündigt an, dass die Caritas auf die Ergebnisse reagieren werde und sich daraus weitere politische Vorstösse ergeben könnten.

Trotz Arbeit zu wenig zum Leben

Während die Statistiker des BFS die steigende Armutsquote als normale Schwankung bezeichnen, ist Bertsch skeptisch und sieht Handlungsbedarf. "Wir erleben in unserer täglichen Arbeit, dass immer mehr Menschen zu wenig zum Leben haben." Er verweist auf die seit 2012 stark gestiegenen Fallzahlen in der Sozial- und Schuldenberatung. Einen grossen Anteil macht die Gruppe der Working Poor aus. Das sind Menschen, die trotz Berufstätigkeit ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können. Betroffen sind laut Bertsch vor allem Personen, die im Tieflohnsegment arbeiten. Zum Beispiel im Detailhandel oder am Fliessband in Grossfirmen. "Viele wissen nicht, dass wir in der Schweiz keinen Mindestlohn haben", so Bertsch. Er kenne jedoch Beispiele von Arbeitgebern, die für ein 100-Prozent-Pensum weniger als 3000 Franken bezahlten. Davon könne man keine Familie ernähren.

Die Caritas betreibt in St.Gallen und Wil seit mehreren Jahren Märkte, wo armutsbetroffene Menschen günstig Lebensmittel einkaufen können. Zudem existieren Lebensmittelabgabestellen in Wangs und Walenstadt. Wegen der hohen Nachfrage eröffnete die Caritas erst im vergangenen Jahr eine weitere Abgabestelle in Wartau. Mit den rund 25 abgegebenen Bezugskarten erreicht der Verein bereits rund 100 Menschen.

Caritas fordert Entlastung von Familien

Leider engagiere sich der Kanton St.Gallen zu wenig im Kampf gegen die Armut, findet Bertsch. Auch die "Familien-Initiative" der CVP und der SP sieht er skeptisch. Weil die angestrebte Erhöhung der Kinderzulagen um 50 Franken nach dem Giesskannenprinzip funktioniere. Viel klüger wäre es, armutsbetroffene Menschen gezielt mit höheren Prämienverbilligungen oder mit Familienergänzungsleistungen zu entlasten, sagt er.

Auch Christian Rupp, Geschäftsleiter des Schweizerisches Rotes Kreuz des Kanton St.Gallen, spricht von steigenden Zahlen. Zum Beispiel bei der Aktion "2× Weihnachten". Im vergangenen Jahr wurden im Kanton St.Gallen rund 6000 Pakete mit Lebensmitteln und Toi­lettenartikeln an bedürftige Menschen verschickt. "Wir konnten erstmals nicht mehr alle Bestellungen bedienen", sagt Rupp. Ebenfalls steigend sei die Zahl der Personen, die sich für einen Pflegehelferkurs anmeldeten. "Die Gemeinden empfehlen den Kurs häufig, um Armutsbetroffene in das Arbeitsleben zu integrieren." Zum Beispiel für Menschen mit schlechter Grundausbildung oder für Frauen, die nach der Kinderpause wieder arbeiten können. "Der Kurs ist oft ein Ausstieg aus der Sozialhilfe", sagt Rupp.

Mietzinsen im Thurgau sind stark gestiegen

Ähnlich äussern sich Vertreterinnen von Thurgauer Sozialwerken. Sylvia Dennenmoser ist Stiftungsrätin der Winterhilfe Thurgau und koordiniert die Abgabe von Bezugskarten für die Lebensmittelhilfe "Tischlein deck dich". Im vergangenen Jahr wurden im Thurgau rund 600 Karten an Bedürftige verteilt – und die Nachfrage nimmt stetig zu. "Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres haben wir schon 550 Karten ausgestellt", sagt Sylvia Dennenmoser. Sie macht die Erfahrung, dass sich Armutsbetroffene sehr schwer damit tun, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen. "Sie kämpfen im Stillen und sparen sich vieles vom Mund ab."

In der Beratungsstelle der Caritas Thurgau in Weinfelden ist die Zahl der betreuten Personen in der jüngsten Vergangenheit zwar nicht gewachsen. Doch eine andere Entwicklung bereitet Geschäftsleiterin Judith Meier Inhelder grosse Sorgen: "Immer mehr Menschen haben Mühe, die gestiegenen Mieten im Thurgau zu bezahlen." Der Wohnraum in der Bodenseegegend, aber auch im Raum Weinfelden habe sich in den vergangenen Jahren stark verteuert. Dadurch belasten die Mietkosten das Haushaltsbudget von Menschen am Existenzminimum immer stärker. Judith Meier Inhelder wünscht sich deshalb, dass künftig vermehrt in bezahlbare Sozial- und Genossenschaftswohnungen investiert wird.

Kommentar: Wer die Armut bekämpft, spart Geld

Das Bundesamt für Statistik verkündet einen Missstand und relativiert ihn gleich selbst. Diese Woche gab es bekannt, dass in der Schweiz 615'000 Menschen in Armut leben. Seit 2013 wuchs diese Zahl zum dritten Mal in Folge. Doch die Statistiker aus Neuenburg beruhigen: Die steigende Tendenz bewege sich im normalen Schwankungsbereich. Und sie titeln: "Armut ist in der Schweiz meist von kurzer Dauer."

Ganz anders beurteilen Ostschweizer Hilfswerke die gegenwärtige Lage. Sie merken, dass immer mehr Menschen am Existenzminimum ihre Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Organisationen wie die Caritas oder das Rote Kreuz kämpfen gegen eine unsichtbare Armut, die in keiner Statistik auftaucht. Die Sozialhilfequoten der Ostschweizer Kantone liegen zwar unter dem Schweizer Durchschnitt. Doch dieses Bild ist trügerisch. Viele Menschen machen ihren Anspruch auf Sozialhilfe nicht geltend – obwohl ihre wirtschaftlichen Verhältnisse dies erlauben würden.

Das müsste die Ostschweizer Kantone eigentlich zum Handeln veranlassen. Allerdings wissen sie erstaunlich wenig über die Armen in ihrer Bevölkerung. Die SP-Grünen-Fraktion fragte im vergangenen Jahr im St.Galler Kantonsrat, wie viele Menschen im Kanton St.Gallen unterhalb der Armutsgrenze leben. Doch die Regierung wusste keine Antwort. Die entsprechende Statistik wird gerade erarbeitet. Das ist viel zu spät und ein offensichtliches Versäumnis.

Natürlich kann eine Statistik allein noch kein soziales Problem lösen. Doch sie würde die Politiker zwingen, genauer hinzuschauen und um mögliche Lösungen zu ringen. Zudem würde die vernachlässigte Gruppe der "Working Poor" sichtbar: Menschen, die 100 Prozent arbeiten und doch zu wenig zum Leben haben. Die Mutter, deren Welt wegen einer simplen Zahnarztrechnung aus den Fugen gerät. Der Vater, der nicht weiss, wie er die 500 Franken für das Skilager seiner drei Kinder bezahlen soll.

Diese Menschen kämpfen meist lange, damit sie keine Sozialhilfe beantragen müssen. Sie wollen keine milden Gaben, sondern eine Chance, ihr Leben alleine zu meistern. Armutsbekämpfung ist kein Akt der Barmherzigkeit. Der Staat kommt damit seiner Verpflichtung nach, für eine möglichst grosse Chancengleichheit zu sorgen. Man kann aber auch ganz nüchtern argumentieren. Bei Menschen mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze ist das Risiko gross, dass sie in die Sozialhilfe abrutschen. Wenn der Staat dies verhindern kann, spart er letztlich Geld. Und erreicht erst noch, dass sich die Betroffenen nicht erniedrigt fühlen.

Michael Genova
michael.genova@ostschweiz-am-sonntag.ch


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