"Die Toggenburger sind zu bescheiden"

KLANGHAUS ⋅ Mathias Müller kämpft an vorderster Front für das Klanghaus Toggenburg. Der Stadtpräsident von Lichtensteig über die Chance des Scheiterns, das falsche Image des Tals und seine Lust, Fussballstadien zu bauen.
12. Februar 2018, 07:18
Christoph Zweili, Regula Weik
Mathias Müller, sind Toggenburger Kulturbanausen?
Überhaupt nicht. Das Toggenburger Kulturschaffen wird unterschätzt. Die gelebte Kultur im Toggenburg ist vielfältig, vom Jodeln über die Musikgesellschaften bis hin zur Alpkultur. Darüber hinaus gibt es noch viel mehr: die Jazztage, das Chössi-Theater, das Toggenburger Museum, das Ackerhus, den Zirkus Rigolo, um nur einige Beispiele zu nennen. Es gibt viele Organisationen und Initiativen, die bestens funktionieren.

Die Wahrnehmung ist eine andere: Das Toggenburg hat das Klanghaus versenkt. Toggenburger wettern am lautesten gegen das Theater St. Gallen. Sie präsidieren mit der Klangwelt Toggenburg einen Kulturverein. Ein Kampf gegen Windmühlen?
Ganz und gar nicht. Diese Aussenwahrnehmung des Toggenburgs ist nicht richtig. Wir haben eine schwierige Phase hinter uns, über Jahre ging es nur abwärts mit dem Tal. Heute erleben wir einen grossen, positiven Wandel – bei der Kultur, beim Wohnen, beim Arbeiten.

Weshalb haben Auswärtige ein so anderes Bild? Schauen und hören sie zu wenig genau hin?
Wir prägen die Aussenwahrnehmung zu einem guten Teil selber. Wir müssen uns besser verkaufen. Wer heute durch die Dörfer fährt, der sieht: Es tut sich etwas. Es wird gebaut, es ziehen Leute zu. Die Entwicklung kommt von Wil immer weiter ins Tal hoch. Erst war es Bazenheid, nun Bütschwil und besonders Wattwil.

Bloss im oberen Toggenburg tut sich nichts.
Das stimmt so nicht. Wir haben in Wildhaus mit dem Klanghotel, das in der Pipeline steckt, und weiteren Vorhaben eine historische Chance. Die Bergbahnen investieren – es stehen sehr viele Projekte an, die der positiven Entwicklung des ganzen Tals weiter Schwung geben. Die Lethargie früherer Jahre ist verflogen.

Die Bergbahnen haben in letzter Zeit negative Schlagzeilen geliefert.
Das stört uns, natürlich. Und es führt zu einer negativen Wahrnehmung des Toggenburgs. Doch es sind zwei privatrechtlich organisierte Unternehmen. Dass sie ihren Konflikt öffentlich austragen, ist unschön, wir können es aber nicht ändern. Man kann schon versuchen, Druck auszuüben, bloss das bringt nichts.

Das obere Toggenburg tickt anders als das untere. Wie gut verstehen sie sich tatsächlich?
Es gibt Unterschiede und es fehlt manchmal an gegenseitigem Verständnis. Das Toggenburg ist lang gezogen, von Wil bis Wildhaus. Auswärtige denken an Berge, Natur, Landwirtschaft. Doch das ist nur ein Teil. Es gibt innovative Industrie und funktionierendes Gewerbe. Die Toggenburger sind stolz auf ihr Tal, so wie es die Rheintaler auch sind.

Stört es die Toggenburger, vor allem als Freizeit- und Erholungsgebiet wahrgenommen zu werden?
Im Gegenteil: Das ist unser grosses Plus, unser Mehrwert. Es kann aber auch erschwerend sein, etwa für Firmen. Das Image als Naherholungsraum führt dazu, dass nur wenige auf die Idee kommen, ins Toggenburg arbeiten zu gehen. Hiesige Unternehmen haben immer wieder Mühe, Mitarbeiter zu rekrutieren. Wir müssen beides besser verknüpfen. Es braucht Zeit und Mut, diese Dinge anzupacken.

Gibt es diese mutigen Leute im Tal?
Der Rekord-Adventskranz in Moslig ist das beste Beispiel dafür. Das ganze Dorf hat den anfänglichen Spleen einiger weniger mitgetragen und mitgeholfen. Die Toggenburger sind Macher. Dieses Potenzial muss man fördern. Das funktioniert auf dem Land, wo sich der Einzelne stark mit dem Ort identifiziert, besser als in der Anonymität städtischer Regionen. Vielleicht sind die Toggenburger zu bescheiden; sie brüsten sich nicht mit ihren Leistungen.

Wäre das Klanghaus wichtig für das ganze Tal?
Das Klanghaus hat im März 2016 im Kantonsparlament Schiffbruch erlitten. Seither hat sich enorm viel Neues entwickelt. Wir haben das Vorhaben breiter abgestützt. Wir brauchen das Klanghaus, um Musikgesellschaften, Jodelchören, Orchestern und Kursteilnehmern akustisch gute Räume zur Verfügung stellen zu können. Das ist heute nicht möglich. Auch die anderen Projekte wollen wir weiterentwickeln – den Klangweg, die Klangschmiede, die Klangkurse. Das Klanghaus wird zur Bühne für diese gesamte Entwicklung.

Bisher war das Engagement für das Klanghaus im Tal nicht riesig.
Die vom Parlament und der Regierung verordnete Zusatzschlaufe hat sich gelohnt. Aus dem Frust über das Scheitern ist eine neue Energie gewachsen. Wir wollen beweisen, dass wir das können.

Die Akzeptanz des Klanghauses im Toggenburg ist heute grösser?
Davon bin ich überzeugt. Bei kulturellen Projekten finden sich immer Gegner. Doch: Über 10 000 Personen haben eine Petition für das Klanghaus unterschrieben, und gegen die aufgelegten Pläne wurde beispielsweise das Referendum nicht ergriffen. Viele Leute sehen heute das Potenzial, das im Projekt steckt.

Sie haben der Regierung inzwischen ein überarbeitetes Projekt übergeben, und diese verlangt nun, dass Sie eine Million einsparen.
Das ist machbar, ohne dass sich das Haus substanziell verändert. Um die Investitionskosten zu reduzieren, müssen wir sechs Millionen Sponsorengelder sammeln. Das ist die Vorgabe der Regierung.

Haben Sie das Geld zusammen?
Wir haben dafür Zeit bis Ende Juni. Es braucht Mäuse, aber ich bin optimistisch, dass wir genügend Geldgeber finden.

Die Betriebskosten sind hoch. Ist das Klanghaus ein Fass ohne Boden?
Nein. Wir haben langjährige Erfahrung und bereits vergangenen Sommer gezeigt, dass wir das Betriebsdefizit mit mehr Angeboten und besserer Auslastung reduzieren können.

Die SVP wirft der kantonalen Kulturförderung vor, zu einseitig auf die Elite zu fokussieren. Ist das Klanghaus ein Elite-Kulturprojekt?
Das ist es ganz klar nicht. Es ist ein Projekt für alle. Wir sprechen damit Jodelchöre, Musikgesellschaften, Orchester und Kursteilnehmer an. Auf dem Klangweg sind viele Familien unterwegs, am Klangfestival und in der Klangschmiede ist das Publikum bunt gemischt.

Weshalb sollte das Kantonsparlament umschwenken und dem Klanghaus im zweiten Anlauf zustimmen?
Man hat vom Toggenburg mehr Engagement gefordert – das zeigen wir. Man hat von uns einen grösseren finanziellen Beitrag verlangt – daran arbeiten wir noch. Man hat erwartet, dass wir die Idee konkretisieren – auch das werden wir erfüllen. Wir machen unsere Arbeit und legen das Resultat im Sommer vor. Dann entscheiden Parlament und Regierung, ob der nächste Leuchtturm in der regionalen Kulturentwicklung gesetzt wird – nach dem Schloss Werdenberg, dem Kunstzeughaus Rapperswil, der Lokremise und dem Naturmuseum St. Gallen. Es ist nicht mehr als fair, auch im Toggenburg in die Kultur zu investieren.

Spielt diese Solidarität unter den Regionen im Kanton?
Bis jetzt hat sie bei Abstimmungen immer gespielt. Zwar hat jede Region ihre Interessen, aber im «Ernstfall» funktioniert sie. Ich bin daher zuversichtlich.

Das ist auch Ihre Prognose für die anstehende Theaterabstimmung?
Ich denke schon. Obwohl man nie genau weiss, wie ein Urnengang ausgeht. Man spricht jetzt zwar von einem Kulturvorhaben, aber eigentlich geht es um ein Bauvorhaben, nämlich die Sanierung eines Gebäudes. Da steht die öffentliche Hand in der gleichen Verantwortung wie private Liegenschaftenbesitzer.

Wann waren Sie das letzte Mal im Theater St.Gallen?
Als Kantonsrat im Rahmen einer Kommissionssitzung, als Privatperson bin ich nicht so oft dort. Es geht in der Politik nicht darum, nur da zu investieren, wo die eigenen Interessen liegen. Sonst würde ich überall neue Fussballstadien bauen.

Anzeige: