Die Ostschweiz bleibt teuer

WINTERSPORT ⋅ Saas Fee hat die Rabattschlacht am Berg lanciert – mit einem Saisonpass zum Tiefstpreis. Andere Gebiete ziehen diesen Winter nach. Die Ostschweizer Skigebiete beobachten die Rabatthysterie aus der Ferne – und lassen sich nicht anstecken.
21. Oktober 2017, 07:31
Regula Weik

Regula Weik

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@tagblatt.ch

Die Nächte in den Bergen sind kühl. Die Gipfel weiss gezuckert. Unaufdringlich, aber bestimmt schleicht sich der Winter an. Wann kommt der grosse Schnee? «Fragen Sie die Ameisen», antwortet Klaus Nussbaumer und lacht. Welche Prognose stellt der CEO der Pizolbahnen AG ohne tierische Hilfe? «Es wird ein langer Winter mit viel Schnee.» Reines Wunschdenken? Nussbaumer verneint. Das hätten ihm mehrere «ernsthafte und selbst ernannte Wetterspezialisten» prophezeit. Ihm ist es recht. Der Winter macht 75 Prozent des Geschäfts am Pizol aus – und das, obwohl sich der Umsatz im Sommer in den vergangenen Jahren stetig verbessert hat. Das Überleben zahlreicher touristischer Regionen hängt vom Winter ab. Nicht nur am Pizol. So überrascht nicht, dass die Skigebiete um die Wintersportler buhlen und sich einen harten Preiskampf liefern. Ausgelöst hat die Discountlawine Saas-Fee. Für 222 Franken konnten Schneesportler vergangenen Winter im Vorverkauf einen Saisonpass für die Walliser Skiregion erwerben – dafür gibt es in den grösseren hiesigen Gebieten nicht einmal vier Tageskarten.

Allen Dumpingvorwürfen und Kritiken zum Trotz: Die Aktion von Saas Fee hat Nachahmer gefunden; einzelne Skigebiete ziehen dieses Jahr mit ähnlichen Angeboten nach. 25 Skigebiete in der Westschweiz – darunter Crans-Montana und Leysin – offerieren mit dem «Magic Pass» noch bis morgen Sonntag eine gemeinsame Saisonkarte für 459 Franken. Auch das Berner Oberland hat reagiert. Top4-Skipass heisst die gemeinsame Saisonkarte von Adelboden-Lenk, Meiringen-Hasliberg, Gstaad und Jungfrau-Region. Ihr Preis: 666 Franken. Wie sieht es in der Ostschweiz aus? Beteiligen sich die Skigebiete Flumserberg, Obertoggenburg und Pizol an der Rabattschlacht? Lohnt es sich für Ostschweizer Wintersportler, im heimischen Schnee auf Schnäppchenjagd zu gehen?

Dumpingpreise gefährden Investitionen

785 Franken kostet das Winterabonnement im Obertoggenburg. Wer sich vor Ende November dafür entscheidet, spart 50 Franken. Wer gleichzeitig ein Ticket für seine Kinder löst, dessen Jungmannschaft saust um 30 Prozent günstiger über die Pisten. Sieht so eine innovative Tariflösung aus? Urs Gantenbein, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bergbahnen Wildhaus AG, verweist auf den – viel diskutierten – Tarifvertrag mit der Toggenburg Bergbahnen AG in Unterwasser. «Das ist eine wenig flexible Lösung», gibt er unumwunden zu. Umgekehrt bleibe der Tarif so stabil und die Transparenz für die Gäste hoch.

Gantenbein hält wenig von den sich überschlagenden Tiefpreisideen. Er spricht von «Rabattschlachten» und ist überzeugt: «Das reine Gewähren von Rabatten wird mittelfristig nicht funktionieren. Unsere Branche ist mit steigenden Betriebskosten für die Bergbahnen und gleichzeitig mit einer stagnierenden Anzahl Skifahrer konfrontiert.» Zu tiefe Aktionspreise gefährdeten letztlich die Gewinn- und Investitionsfähigkeit eines Unternehmens, sagt Gantenbein. Die ganz grossen Aktionen für günstige Winterabonnemente seien alle aus der Not geboren – «es ging und geht vornehmlich darum, den kurzfristigen Fortbestand des jeweiligen Bergbahnunternehmens zu sichern, indem ebenso kurzfristig die notwendige Liquidität geschaffen wird».Ähnlich argumentiert der CEO der Pizolbahnen AG. Massive und generelle Rabatte, bei denen nur noch die Menge verkaufter Abonnemente zähle, führten in eine Negativspirale. «Würden wir unsere Tickets zu Dumpingpreisen absetzen, könnten wir die Kosten nicht mehr decken und notwendige Investitionen am Berg nicht mehr tätigen. Wir versuchen, mit einem guten Angebot zu punkten.» Im vergangenen Winter wurde am Pizol ein neuer Sechsersessellift in Betrieb genommen, dieses Jahr wird in die Beschneiung investiert.

Dennoch: Suchen nicht gerade die Pizolbahnen ihr Heil ebenfalls in suergünstigen Angeboten? So propagierten sie vergangenen Winter die wetterabhängige Tageskarte – «als erstes Skigebiet Europas». Die Onlineaktion wird diesen Winter fortgeführt; Schneesportler können damit bis zu 50 Prozent des normalen Preises sparen. Nussbaumer wehrt sich dagegen, auch damit werde die Rabattschlacht unter den Skigebieten befeuert. «Einzelaktionen sind notwendig, um den Markt zu stimulieren», sagt er. Es handle sich um kein fixes Tiefpreisangebot, sondern um «eine Variante dynamischer Preisgestaltung». Den Preis dieser Tageskarten bestimme nicht die Bahn; er sei einzig von der Wetterprognose von SRF Meteo abhängig und könne sich alle zwei Stunden ändern, erklärt Nussbaumer. Die «Wetter-Karte» kann frühestens sieben Tage im Voraus gebucht werden. Vergangenen Winter wurden über tausend solcher Karten verkauft, viele an neue Gäste: Ein Drittel der Käufer war erstmals auf den Pisten am Pizol unterwegs. «Diese Schlechtwetter-Schneesportler sind am Ende des Tages meistens hochzufrieden, denn sie reisen mit keinen übertriebenen Erwartungshaltungen an.» Ihre Weiterempfehlungsrate ist denn auch hoch; das hätten Befragungen gezeigt, sagt Nussbaumer. «Wir erzielen mit dem Angebot nachhaltig einen positiven Effekt. Und es sichert uns bei schlechtem Wetter eine gewisse Grundauslastung der Anlagen und Restaurantbetriebe.»

Ansonsten hält man sich am Pizol mit Rabatten eher zurück. Das Jahresabonnement für Erwachsene – inklusive Sommer 2018 – kostet 864 Franken. Der Frühbucherrabatt beträgt 15 Prozent und gilt noch bis Ende Oktober. Der Preis für das ausschliessliche Winterabonnement beträgt 774 Franken.

«Die Nachahmeraktionen sind der puren Not gezollt»

Gänzlich immun gegen Tiefstpreisangebote scheint das Skigebiet Flumserberg. «Die ruinöse, von Saas Fee angezettelte Dumpingpreiskampagne hat einige Bergbahnen zu nervösen, der puren Not gezollten Nachahmeraktionen getrieben», sagt Heinrich Michel, CEO der Bergbahnen Flumserberg AG. Einzelne Angebote seien eher Ausdruck von Verzweiflung denn einer Strategie. Für Michel ist klar: «Wir machen bei dieser Rabatthysterie nicht mit.» Sie verfolgten eine für den Gast transparente Preispolitik, die auch den Wert der Angebote widerspiegle. Am Flumserberg sind in den vergangenen Jahren mehrere neue Liftanlagen in Betrieb gegangen, und es wurde in die Beschneiung investiert. «Trotzdem werden die Ticketpreise für den kommenden Winter 2017/2018 im vierten Jahr in Folge nicht erhöht», sagt Michel. Die Jahreskarte für Erwachsene kostet 845 Franken. Wer sie kauft, fährt auch im Sommer 2018 gratis. Und wer früh bucht, erhält als Zugabe eine Fahrt auf der Rodelbahn oder einen Eintritt für den Kletterturm geschenkt. Wie beurteilt Michel die andernorts praktizierte «dynamische Preisgestaltung» für Skipässe? «Wir sind offen und prüfen entsprechende Angebote. Wir bieten derzeit aber keine solchen an.»

Die Ostschweizer fürchten die neuen Westschweizer und Berner Preisschlager nicht – jedenfalls nicht für ihr Tagesgeschäft. Diese Konkurrenz stehe schliesslich nicht direkt vor der Haustüre. Als grenznahes Skigebiet spürten sie einen andern Druck, jenen der ausländischen Nachbargebiete, sagt Nussbaumer. Gantenbein stellt denn auch «mit Genugtuung» fest: Die Preisaufschläge für die kommende Saison seien in Österreich teils happig. Und noch etwas registriert er gern: «Der Euro hat sich in den letzten Monaten in die für uns richtige Richtung bewegt.» Ob dies in der kommenden Saison auch für die heimischen Skisportler zutrifft, werden ihre Spuren im Schnee verraten.

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